Teddy-Gewinner "Ausente": Eiskalter Hauch - DER SPIEGEL
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"Teddy"-Gewinner "Ausente": Gefährlich oder verzweifelt?

Foto: Pro-Fun Media

Teddy-Gewinner "Ausente" Eiskalter Hauch

Ein 16-Jähriger versucht, seinen Schwimmlehrer zu verführen und bringt dessen sorgsam arrangiertes Lebenskonzept ins Wanken. Der argentinische Regisseur Marco Berger schickt das Publikum seines preisgekrönten Films "Ausente" auf einen Horrortrip sexueller Spannungen.
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Vielleicht ist er gefährlich, vielleicht ist er nur verzweifelt. Martín (Javier De Pietro) redet wenig in den ersten Minuten von "Ausente", so wie er den ganzen Film lang wenig reden wird. Aber sein Blick sagt, dass da etwas schlummert in seinem Inneren, und es wartet nur darauf auszubrechen. Er sitzt im Umkleideraum eines Schwimmbads, er taxiert die Jungs um sich herum, unter der Dusche, am Beckenrand, schöne Körper, wie seiner auch. Er wirkt schüchtern, unsicher. Aber auch wie ein Jäger.

Die Beute soll Sebastían (Carlos Echevarría) sein, sein Schwimmlehrer, auch ein ruhiger Typ, aber ohne irgendwelche Absichten. Der ahnt nichts Böses, oder will es nicht ahnen, als ihm Martín erzählt, er habe sich am Auge verletzt. Sebastían fährt ihn zum Arzt und will ihn danach bei den Eltern abliefern. Aber es sei niemand da und niemand erreichbar, sagt Martín, den Schlüssel habe er vergessen, und wo der Freund wohnt, bei dem er eigentlich den Abend schlafen wollte, wisse er auch nicht genau. Es wird spät, und der Lehrer will seinen 16-jährigen Schüler nicht seinem Schicksal überlassen. Er gewährt ihm Unterschlupf, auf der Couch im Wohnzimmer, es ist ihm nicht ganz wohl dabei, aber was soll schon passieren?

Thriller oder Romanze?

Der argentinische Regisseur Marco Berger ("Plan B") legt in der Ouvertüre von "Ausente" behutsam eine Schlinge um den Hals des Opfers und sieht ihm dann in aller Ruhe dabei zu, wie sie sich zuschnürt und ihm immer mehr die Luft nimmt. Die gemeinsame Nacht in Sebastíans Wohnung hat Züge eines Horrorfilms: wenn der Junge den Mann durch den Türspalt des Badezimmers beobachtet; wenn er nach einer Dusche gerade dann halbnackt ins Wohnzimmer schleicht, als eine Nachbarin in der Tür steht; wenn er sich nachts in Sebastíans Schlafzimmer stiehlt und den Schlafenden anstarrt, die Hand zur Decke wandernd. Kalte, unheilsschwangere Bilder, die immer das Schlimmste erahnen lassen, und ein reduzierter Hitchcock-Soundtrack, der von ständiger Bedrohung kündet.

Berger spielt mit Erwartungen und mit sexuellen Spannungen - man glaubt zu wissen, wie es weitergeht, wie es weitergehen muss, doch die Geschichte dreht sich ungeachtet aller Ahnungen weiter und bietet bald auch eine andere Lesart an, und dann noch eine. Was wie ein Thriller aussieht, könnte auch eine Romanze werden oder ein Melodram. "Ausente" ist die Geschichte eines Jungen, der versucht, seinen Lehrer zu verführen, um ihn womöglich zu kompromittieren und sein Leben zu zerstören, vielleicht. Genauso aber die Geschichte eines einsamen Heranwachsenden, der dem Nachbarsmädchen geduldig Nachhilfe gibt und mit seinem besten Freund Fußball spielt, und nebenbei versucht, sich über seine Gefühle klar zu werden. Und letztlich die Geschichte eines schweigsamen Mannes, der sich damit auseinandersetzen muss, ob seine harm- und ereignislose Lehrerexistenz mit netter Freundin nur die Kulisse für ein Schauspiel ist, das er jeden Tag aufführt.

Es ist nicht leicht, einen Zugang zu "Ausente" (spanisch für "Abwesend") zu finden. Dies ist ein Film, in dem Blicke alles sagen und Worte nichts. Der Film will das Innere seiner zwei Protagonisten ergründen, aber die beiden sind so verschlossen, dass nie klar sein kann, wer was wie genau meint und was er wirklich denkt. Das ist einerseits ein spannender Ansatz und handwerklich mit bewundernswerter Präzision umgesetzt, was ein Grund gewesen sein dürfte, den Film während der letzten "Berlinale" mit dem Teddy für den besten Queer-Film auszuzeichnen. Andererseits ist es auch frustrierend, weil einem der Film in seiner Eiseskälte jeden Raum zur Identifikation nimmt oder die Möglichkeit, wirklich Anteil zu nehmen an der Gefühlswelt seiner Helden. Wer sich aber darauf einlassen kann, darf knapp neunzig Minuten lang an den Abgründen menschlicher Gefühlswelten entlang wandeln, wo irgendwo immer der beste Ausblick wartet. Und gleich daneben der Absturz.


Ausente. Start: 12.1. Regie: Marco Berger. Mit Carlos Echevarría, Javier Di Pietro, Antonella Costa.