"Texas Chainsaw Massacre" erscheint unzensiert auf DVD - DER SPIEGEL
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Neue DVD-Edition: Die Spur der Säge

Foto: Turbine Classics GmbH / mpi media group

"Texas Chainsaw Massacre" Kettensäge gegen Zensurschere

Die Gewalt kennt kein Ende, die Zensur schon: In Deutschland ist jetzt eine ungekürzte DVD-Edition von "The Texas Chainsaw Massacre" erschienen. Sie zeigt, dass der Horrorklassiker nichts von seinem Schrecken eingebüßt hat. Das Dokument eines hässlichen Kapitels deutscher Mediengeschichte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Titel hat in fast vierzig Jahren nichts von seiner Wucht verloren: "The Texas Chainsaw Massacre", so provokant und suggestiv zugleich taufte der damals 30-jährige Regisseur, Autor und Produzent Tobe Hooper seinen 1974 uraufgeführten Film, der nicht allein mit Worten schocken sollte.

Zusammen mit George A. Romeros Zombiefanal "Night of the Living Dead" (1968) und Wes Cravens verstörender Blutzoll-Ballade "The Last House on the Left" (1972) bildete Hoopers Hinterlandreißer eine unheilige Dreifaltigkeit des neuen amerikanischen Horrorkinos. Diese hatte sich im Schatten der realen politischen und sozialen Krisen von Schauerromantik verabschiedet und zeigte sich schonungslos gegenwartsbezogen und pessimistisch.

Für ihre Low-Budget-Produktion erschufen Hooper, Co-Autor Kim Henkel und Produktionsdesigner Robert A. Burns mit dem grotesk maskierten, vom Serienmörder Ed Gein inspirierten Schlächter Leatherface eine prototypische Figur des Genres, deren Anblick unvergesslich bleibt. Das heißt, wenn man überhaupt etwas sehen konnte. Denn "The Texas Chainsaw Massacre" hat nicht nur ein entscheidendes Kapitel Film-, sondern auch Zensurgeschichte geschrieben. Der Film war in Deutschland seit 1982 als jugendgefährdend indiziert und wurde obendrein mehrmals beschlagnahmt.

Umso bemerkenswerter ist die jetzt erfolgte Veröffentlichung des ungeschnittenen Originals durch die Münsteraner Turbine Media Group, die nach langwierigen Bemühungen die vollständige Aufhebung der Indizierung erwirkt hat. Die üppig ausgestatte Edition enthält neben je zwei DVDs und Blu-Rays auch eine erhellende Textdokumentation des Verbotsverfahrens, sowie der von Turbine zur Rehabilitation des Films beigebrachten Gutachten.

Synonym für den Untergang des Abendlandes

Das zusammengetragene Material ermöglicht spannende Einblicke in eine vergangene bundesrepublikanische Medienrealität und offenbart auch eine fatale Wechselwirkung zwischen grobschlächtigem Marketing und Kontrollinstanzen, die im Zugzwang auf eben diese Skandalwerbung anspringen.

Als Hoopers Film 1978, also vier Jahre nach der US-Premiere, in die deutschen Kinos kommt, läuft er unter dem Titel "Blutgericht in Texas". Das klingt eher nach ruppigem Italo-Western, und man denkt unweigerlich an andere Schöpfungen der deutschen Verleihtitelkunst, wie etwa "Sartana - Noch warm und schon Sand drauf". Beim späteren Videostart hielt man sich hingegen nicht mit Subtilitäten auf, und als "Kettensägen-Massaker" gelangte der Film Anfang der Achtziger auf das Kassettenmedium.

Letzteres hatte ein nicht völlig unbegründetes Schmuddelimage, sorgten doch vor allem Pornografie und Action für Umsatz auf dem Heimvideomarkt. Die öffentliche Debatte, ob Gewaltbilder die Wohn- und vor allem Kinderzimmer der Republik überschwemmen, wurde mit Vehemenz geführt. In diesem Klima stand ein stumpf-dreister Titel wie "Kettensägen-Massaker" synonym für den kommenden Untergang des Abendlandes und forderte förmlich heraus, kassiert zu werden.

Betrachtet man nun 30 Jahre danach den vollständigen Film, so lässt sich zunächst festhalten: Das Museum of Modern Art tat gut daran, Hoopers Exploitation-Klassiker in seine Sammlung aufzunehmen. Des Weiteren erscheint das von Michael Bay produzierte Hochglanz-Remake aus dem Jahr 2003 noch sinnloser und zynischer als zuvor. Und: Auch 2012 ist "The Texas Chainsaw Massacre" beileibe kein Picknick.

Die Aufklärung endet am Fleischerhaken

Von der ersten Einstellung an fängt die 16mm-Kamera Motive der Zersetzung und des Verfalls ein, die eine vor Hitze flirrende Einöde durchziehen. In dieser provinziellen Vorhölle fahren fünf junge Erwachsene am 18. August 1973 in ihrem Kleinbus dem Verderben entgegen: Sally Hardesty (Marilyn Burns) und ihr querschnittsgelähmter Bruder Franklin wollen zusammen mit Kirk, Jerry und Pam die Gegend erkunden. Der Ausflug nimmt seine erste, grausame Wendung, als die Gruppe einen offenbar geistig verwirrten Anhalter (Edwin Neal) mitnimmt. Der Mann mit dem entstellenden Geburtsmal im Gesicht schwärmt vom Schlachthof, denn "our family has always been in meat". Dann schneidet er sich selbst mit einem Messer die Handfläche auf, bevor er unvermittelt Franklin attackiert.

Der folgende Rauswurf des Mitreisenden auf offener Straße entledigt Sally und ihre Freunde jedoch keineswegs der Probleme. Denn bald treffen sie bei der Erkundung eines scheinbar verlassenen Hauses auf die degenerierte Verwandtschaft des Anhalters, die in der Tat ihre gesamte Existenz auf der Fleischproduktion gründet: Nachdem die Industrialisierung ihre Dienste im Schlachthof überflüssig gemacht hat, ist der inzestuöse Clan zum Kannibalismus gewechselt.

Kurz nacheinander fallen die Städter so dem Hammer- und Kettensägeschwingenden Leatherface zum Opfer, einer tragisch-monströsen Mischung aus Berserker, Baby und Hausmutti, der mit Schürze und Menschenhautmaske durch das Alptraumszenario wütet. Das Schicksal der einzigen Überlebenden Sally entscheidet sich bei einem Dinner in der pervertierten Familienaufstellung, und das hysterische Finale im Knochenhaus bringt sowohl die im Grunde ständig schreiende Darstellerin Marilyn Burns als auch den Zuschauer an die Grenze des Erträglichen.

Mit fiebriger Intensität inszeniert Hooper hier nichts Geringeres als die Aufkündigung der Zivilisation. Dabei schwingt auch die Furcht des urbanen Amerika vor den trostlosen Weiten der Nation mit, wo die Abgehängten der Geschichte vor sich hin brüten. In Gottes eigenem Land endet die Aufklärung am Fleischerhaken, und dennoch fließt in diesem so berüchtigten Film kaum mehr Blut als in vielen TV-Thrillern. Dass die Gewaltakte zumeist im Off stattfinden, macht den stetigen Anschlag auf die Sinne nicht weniger drastisch.

Ob man sich dieser zwingenden Terrorästhetik aussetzen will, muss jeder selber entscheiden. Diese Freiheit ist aber erst dank der neuen Edition des Films zurückgewonnen.