"The Day After Tomorrow": Eiskalt kalkuliert, lauwarm inszeniert - DER SPIEGEL
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"The Day After Tomorrow" Eiskalt kalkuliert, lauwarm inszeniert

Laut, teuer, spektakulär: Roland Emmerich ist Hollywoods Fachkraft für die Katastrophe. Nach Aliens und Godzilla hat sich der Action-Regisseur nun Mutter Natur vorgeknöpft: In "The Day after Tomorrow" wird die Welt auf Eis gesetzt - und die Dramaturgie gleich mit.
Von Oliver Hüttmann
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Szene aus "The Day After Tomorrow": Welle von Spezialeffekten

Szene aus "The Day After Tomorrow": Welle von Spezialeffekten

Foto: 20th Century Fox

Mehr Erwärmung geht nicht. Seit Wochen, wenn nicht sogar Monaten wurde das Thema in den Medien hochgekocht, und bis auf die Jungs vom Sport waren alle Ressorts dabei. Erst wurde auf den so genannten bunten Seiten sensationsgerecht vermeldet, dass der deutsche Hollywood-Regisseur Roland Emmerich einen Klimakatastrophen-Blockbusterfilm für 125 Millionen Dollar gedreht hat, in dem die Welt von Wetterkapriolen heimgesucht und mit einer Blitzeiszeit überzogen wird. Dann stellte sich Emmerich in Interviews hartnäckigen Fragen von Wissenschaftsredakteuren, parallel diskutierten Forscher, ob das Kinoszenario den Fakten entspräche. Politikredaktionen erklärten, wie im US-Wahlkampf die Demokraten den Film gegen Bush in Stellung bringen, und schließlich fasste das Feuilleton zum Kinostart alles noch mal stilsicher und allgemeinphilosophisch zusammen.

Heißer wird's nicht - das meinte wohl auch der Marketingexperte aus der Vorstandsetage des Filmverleihs Twentieth Century Fox, als er im Februar erste Szenen aus "The Day After Tomorrow" vorstellte und Presse- und Branchenvertreter darauf einschwor, "die größte Kampagne aller Zeiten auf die Beine zu stellen". So viel Aufmerksamkeit gab es für ökologische Schlagworte wie "global warming", Treibhauseffekt, schmelzende Polkappen und das Versiegen des Golfstroms nicht mal, als die amerikanische Regierung das Klimaprotokoll von Kyoto ablehnte - ein Dilemma übrigens, das so ähnlich auch im Film vorkommt. Ebenso schnell werden die Debatten jedoch wieder vom Radar des öffentlichen Interesses verschwinden, spätestens dann, wenn der Film nach zwei, drei Wochen aus den Multiplexkinos genommen wird. Dann hat die Erderwärmung, die selbst das Pentagon in einer Studie als größte Gefahr noch vor dem Terrorismus einschätzte, seine Schuldigkeit getan.

Dabei glaubt man Emmerich durchaus, dass er die warnende Botschaft, die er mit unerschütterlichem Gleichmut verkündet, ernst meint, obwohl sein Temperament nicht mal einen desillusionierten Attac-Kämpfer wieder auftauen würde. Mehr als alle anderen Regisseure, die in Hollywood anheuern, gilt der Schwabe als Söldner des kurzweiligen Mainstream. Er hat keine eingefleischten Fans, dafür um so mehr Feinde, die sein Schauwertekino verachten, den leeren Bombast der visuellen Effekte und die Wiederholung des immer gleichen Plots unter anderem Titel.

Auf den Plakaten zu "The Day After Tomorrow" wird mit Emmerichs "Independence Day" geworben, der seit 1997 zu den zehn erfolgreichsten Filmen aller Zeiten zählt. Einen Hit dieser Machart habe den Fox-Produzenten vorgeschwebt, bevor er mit den Dreharbeiten zu "The Day After Tomorrow" begann, erzählt Emmerich. Und so mag es schon fast ein wenig subversiv erscheinen, dass die Welt hier am Ende nicht gerettet wird und der ignorante Vizepräsident im Film an Dick Cheney erinnert, den Stellvertreter von George Bush. Allerdings lässt sich Eis auch nicht einfach abknallen wie Aliens oder Godzilla, und so kommt in Emmerichs neuestem Streich auch nur ein Mindestmaß an Glaubwürdigkeit zum Einsatz. Der Rest entspricht exakt den Regeln von Heldenmut und Happy End, wie sie in Hollywood von jedem zweitklassigen Actionfilm durchexerziert werden.

Dennis Quaid spielt den Klimaexperten Professor Jack Hall, der als ungehörter Prophet an der Arroganz der Regierung scheitert und schließlich über sich hinauswächst, um seinen Sohn Sam (Jake Gyllenhaal) aus dem erst überfluteten und dann eingefrorenen New York zu retten. Vater und Sohn hatten zuvor Streit, und das letzte, versöhnliche Wort muss natürlich noch gesprochen werden. Dafür opfern zwei Kollegen selbstlos ihr Leben, die Mutter ist Ärztin und damit bangend für Tränen und Trost zuständig. Halls Vorgesetzter ist zunächst ein stocksteifer Bürokrat, der sich jedoch auf dem Höhepunkt des Desasters mit einem flapsigen Spruch zum energischsten Befürworter des streitbaren Wissenschaftlers wandelt. Und selbst der Vizepräsident entschuldigt sich am Schluss bei allen.

Die Klimakatastrophe wird indes nicht als grundlegende Fehlinterpretation des längst angeschlagenen Ökosystems dargestellt, sondern mit zufälligem, letztlich vermeidbarem menschlichem Versagen erklärt. Denn Mitarbeiter in den Forschungsstationen übersehen die Warnsignale ihrer Messgeräte und Computer, weil sie von einem Fußballspiel im Fernsehen abgelenkt sind oder gerade Sex mit einer Kollegin haben. Auch die Meteorologen liegen komplett falsch. So beginnt Kachelmanns Albtraum: Über Tokio fallen Hagelkörner so groß wie Bowlingkugeln vom Himmel, Los Angeles wird von einem Dutzend Tornardos rasiert - symbolträchtig löst dabei die Zerstörung des Hollywood-Schriftzugs größte Bestürzung aus. Am deutlichsten und längsten aber muss wieder New York leiden, auf das ein Tsunami, eine gigantische Flutwelle zutreibt. Hier ist "The Day After Tomorrow" in den Kameraeinstellungen auch "Independence Day" am nächsten. Und wenn man aus der Vogelperspektive sieht, wie sich das Wasser durch die Straßen schlängelt, ist das Bild nahezu identisch mit jenen Szenen aus "Godzilla", in denen das Monster von Helikoptern gejagt wird.

Diese Sequenzen haben Wucht, aber wenig Spannung. Man staunt kurz über die Optik, die frappierend realistisch am Rechner generierten Naturgewalten. Aber dann ist es auch schon wieder vorbei, so wie die Effekte übermorgen wohl überholt sein werden. Emmerich wollte womöglich dem Publikum nicht zumuten, 100 Minuten lang einer detaillierten Verwüstung zusehen zu müssen. Dadurch bleibt alles etwas distanziert, steril, Tragik und Elend kommen nur am Rande vor. Und selbst wer nur einen Teil der Vorberichte mit ihren Fotos und Filmszenen verfolgt hat, kennt bereits alle prägnanten Momente der Katastrophe.

Statt mit menschlichen Dramen versucht Emmerich mit dramatischer Action zu unterhalten. Einmal werden Sam und einige Jungs im verschneiten New York von hungrigen Wölfen verfolgt. Als sie ihnen gerade entkommen sind, wiederholt sich die Situation ähnlich noch mal: Die Blitzeiszeit setzt ein, und während hinter ihnen alles in rasendem Tempo gefriert, sich analog zum Kugelhagel frostige Zacken bilden, müssen sie die rettenden Wärme erreichen. Dies wirkt allerdings eher komisch als furchterregend.

Emmerich ist als Regisseur ein virtuoser Handwerker, jede Kamerafahrt, jede Montage sitzt in überraschungsarmer Perfektion. Dennoch weiß der schwäbische Action-Routinier mit einigen Szenen zu verblüffen. Der Panoramablick aufs schockgefrostete, gleißend weiße New York könnte einem Gemälde von Caspar David Friedrich entlehnt sein. Der Augenblick, als ein russischer Tanker durch die gefluteten Straßenschluchten der Metropole gleitet, ist von surrealer Melancholie. Und dass die Amerikaner vor der Kältefront nach Mexiko fliehen und dabei jene Grenzzäune niederreißen, die sonst mexikanische Wirtschaftsflüchtlinge abhalten sollen, während in der New Yorker Bibliothek andere ihr Leben retten, indem sie mit Büchern quasi das Wissen der Menschheit verbrennen - dies ist in der Tat ein sarkastisch-trauriger Seitenhieb auf die blasierte Politik der westlichen Industrienationen. Für solche Szenen kann man sich erwärmen, der Rest lässt jedoch kalt.


The Day After Tomorrow


USA 2004. Regie: Roland Emmerich; Drehbuch: Roland Emmerich, Jeffrey Nachmanoff; Darsteller: Dennis Quaid, Jake Gyllenhaal, Emmy Rossum, Dash Mihok, Jay O. Sanders, Kenneth Welsh, Sela Ward, Ian Holm; Produktion: Centropolis, Mark Gordon Company, Lions Gate; Verleih: Fox; Länge: 125 Minuten; Start: 27. Mai 2004