"The Limey": Stahlgrauer Rächer - DER SPIEGEL
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"The Limey" Stahlgrauer Rächer

Ein Schritt nach vorne, zwei zurück: Steven Soderberghs "Out of Sight" war in der Erzählstruktur unverkennbar von "Pulp Fiction" beeinflusst. In seinem neuen Thriller "The Limey" treibt dieses Prinzip virtuose Blüten.
Von Olaf Schneekloth
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Steven Soderbergh wurde in den ausgehenden achtziger Jahren als das Regie-Wunderkind gefeiert. Als er 1989 für "Sex, Lügen und Videos" die Goldene Palme von Cannes gewann, war er 26. Doch erst zehn Jahre und einige Filme später (darunter "Kafka" mit Jeremy Irons), überraschte er erneut: mit dem ironischen Thriller "Out of Sight". Dessen Prinzip, elegant in der Erzählzeit herum zu springen und mit Handlungsbrüchen zu verwirren, klaute er sich von "Pulp Fiction" und führt dieses nun in "The Limey" fort. Soderbergh wählte für die Rachegeschichte eines Vaters, der den Mörder seiner Tochter sucht, eine Bildsprache, die dem gradlinigen Vorgehen seiner Hauptfigur völlig widerspricht.

Nach neun Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen, fliegt der Engländer Wilson (oscarreif: Terence Stamp) nach Los Angeles. Dort ist seine Tochter Jenny bei einem mysteriösen Unfall getötet worden. Er will die Hintergründe aufdecken und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Schnell stößt Wilson bei seinen harschen Nachforschungen auf den fahrigen Plattenproduzenten Valentine (Peter Fonda), Jennys letzten Lebensgefährten, der offensichtlich in dubiose Drogengeschäfte verwickelt ist.

Ein Engländer in Los Angeles, sein stahlharter Blick durch pure Rachevisionen vernebelt wie in einem Traum - Soderbergh zieht technisch alle Register, um die Fremdheit des "limey" (Slangbegriff für Brite) in einer Welt glaubhaft zu machen, zu der er nicht gehört und die ihn auch nicht sonderlich interessiert, die ihm aber das einzig Wichtige in seinem Leben genommen hat. Mit Melancholie und filmischer Finesse gelingt es Soderbergh, unglaubliche Distanz zu schaffen und den Zuschauer an der Nase herum zu führen. Scheinbar willkürliche Sprünge in der Chronologie, Auslassungen, Wiederholungen einzelner Szenen aus anderen Blickwinkeln oder mit anderem Ausgang, Rückblenden und kühle Ästhetik verwandeln die simple Geschichte in eine stilisierte, spröde Rache-Collage, die einen in Atem hält, ohne wirklich spannend zu sein.

Gleichzeitig ist sie der Abgesang auf eine ganze Ära, den "Summer of Love", die rebellische Hippie-Generation, die ihre Flower-Power längst in klingende Münze und opulente Villen an der kalifornischen Küste getauscht hat und jetzt selbstgefällig zurückblickt. Peter Fonda, durch "Easy Rider" zur Ikone geworden, verkörpert den südkalifornischen Zeitgeist der Sechziger/Siebziger als müden, abgeschlafften Produzenten, der es gerade noch schafft, Bussi-Bussi-Parties zu geben und mit einem Zahnstocher in seinen Jacketkronen herum zu puhlen. Aber auch eine andere - brillant gespielte - Schlüsselposition hat Soderbergh aus dem "Was macht eigentlich...?"-Fundus der jüngeren Filmgeschichte besetzt. Valentines verschlagener Berater wird von Barry Newman gespielt, ebenfalls Hauptdarsteller eines Kultroadmovies der Siebziger, "Fluchtpunkt San Francisco", und später als TV-Anwalt "Petrocelli" berühmt geworden.

Beherrscht wird der Film aber von dem "limey" selbst. Terence Stamp, der eisgraue Rächer, ist fast körperlich spürbar präsent. Um dessen gedankliche Rückblenden umzusetzen, nutzte Soderbergh einen besonders ausgeklügelte Kunstgriff: Er verwendete einfach Szenen aus Ken Loachs "Poor Cow", in dem Stamp vor dreißig Jahren mitgespielt hat. Womit der Film zum wiederholten Male die Endsechziger zitiert.