"The Missing" Gesichter wie Landschaften
Das Gesicht entstellt von Narben, den massigen Körper dekoriert mit kleinen Bilderrahmen, die die Fotos seiner Opfer zeigen: Pesh-Chidin (Eric Schweig) ist ein Brujo, ein Zauberer und Killer, ein Menschenhändler, der kein Erbarmen kennt. Zu seiner Bande gehört neben abtrünnigen indianischen Kavalleriescouts und weißen Desperados auch ein Fotograf, der Chidin im Kreise seiner Gefangenen verewigt. Bilder, das weiß der Apache, haben Macht, sie vergrößern den Einfluss dessen, der über sie verfügt.
Das Gesicht zerquält von unsäglichem Schmerz, der Körper kurz vor dem Zusammenbruch: Maggie (Cate Blanchett), die Heilerin und allein erziehende Mutter irgendwo im New Mexico der 1880er Jahre, ist am Ende. Ihr Geliebter von eben jenem Brujo zu Tode gefoltert, ihre älteste Tochter entführt - zu viel Schmerz selbst für diese Frau, die alleine ihre Farm betreibt, auf niemanden angewiesen und nur Gott und ihrem Gewissen verpflichtet
Das Gesicht versteinert wie ein Bergmassiv, den Blick kummerumwölkt, in mystische Fernen gerichtet: Jones (Tommy Lee Jones), Maggies verhasster Vater, ein Weißer, der vor Jahren die Familie sitzen ließ, um zum Indianer zu werden, ist zurückgekehrt, um sich mit seiner Tochter zu versöhnen. Rot oder weiß - es ist noch nicht ganz entschieden, welcher Kultur er nun zugehört. Dass er seiner Tochter bei der Verfolgung der Entführer hilft, führt unweigerlich zur Zuspitzung dieses Konflikts.
Ron Howards Film über die Jagd einer Mutter nach den Räubern ihrer Tochter ist vernarrt in diese Gesichter. Der Brujo ein Wiedergänger von Chiatrice, dem Indianerschurken aus John Fords Westernklassiker "The Searchers", dessen Story "The Missing" in vielerlei Hinsicht nacherzählt; Maggie, die puritanische Schönheit, von Cate Blanchett hochwangig und eisblauäugig perfekt verkörpert, und Tommy Lee Jones mit seiner fast schon skulpturalen Präsenz: Gesichter wie Landschaften, in denen Salavatore Totinos Kamera umherreist, als bräuchte die Geschichte nur dieses mimische Terrain und nicht auch ein wenig erzählerische Orientierung.
"The Missing", einer der Wettbewerbsfilme der diesjährigen Berlinale, hat nicht wirklich Interesse an den Themen, die er in fotogener Weise anreißt; der Kampf zwischen christlicher und heidnischer Kultur, personifiziert von Maggie und ihrem Vater, erschöpft sich in plakativen Gesten (in einer Szene wird ein Kranker mit Bibelsprüchen und Indianergesängen regelrecht gesundgebetet). Dass Jones seine Familie gleich dreifach verraten hat - seiner Ethnie, seiner Religion und damit der Nation Amerika kehrte er den Rücken - treibt die Helden am Ende kaum mehr um; geeint sind die einst verfeindeten ideologischen Lager von der gerechten Tat: dem in Gestalt des Brujo auftretenden Bösen die kostbare Beute zu entreißen.
Doch gerade an diesem Indianer-Magier könnten sich die spannenden Fragen des Films kristallisieren: Ist seine Truppe marodierender Mädchenhändler nicht die Vorhut des galoppierenden Kapitalismus, ein Zerrbild der Yankeekultur, die das ganze Land mit merkantilem Tatendrang erobert? Und sind die ehemaligen Soldaten-Scouts nicht eigentlich Opfer jenes Systems, dass sie nachgerade als das Schlechte, Andere identifiziert? Schließlich haben die Indianer das Militär verlassen, weil sie, wie man erfährt, die rassistischen Misshandlungen dort nicht mehr ertrugen. Und wird in der Figur des bildergeschmückten Verbrechers nicht auch ein Grundzug der amerikanischen Kultur selbst augenfällig, in der sich Gewalt und Selbstinszenierung untrennbar miteinander vermengen?
Ron Howards Western kann sich all diesen Themen nur ansatzweise widmen, zum einen weil sie nicht mehr sein sollen als Hindernisse auf dem schnellen Ritt der Helden in Richtung Versöhnung und Happy End, zum andern, weil in dieser Welt stolze, schöne Gesichter zu Zeichen werden, die das Erzählerische überschreiten. In ihnen sind die Geschichten von Leiden, Opfergeist und Selbstüberwindung immer schon zusammengefasst; man kommt aus ihnen - wie aus einer vertrackten Landschaft - irgendwann nicht mehr heraus.
The Missing
USA 2003. Regie: Ron Howard. Buch: Ken Kaufman, Thomas Eidson (Roman). Darsteller: Tommy Lee Jones, Cate Blanchett, Eric Schweig, Evan Rachel Wood, Aaron Eckhart, Val Kilmer, Jenna Boyd. Produktion: Imagine Entertainment, Revolution Studios. Verleih: Columbia TriStar. Länge: 135 Minuten. Start: 12. Februar 2004