"The Score" Mimikry statt Magie
Es wird einen Moment gegeben haben, an dem im Filmbusiness alle Frank Oz beneidet haben dürften. Denn dem Regisseur, der mit nett anzuschauenden Komödien wie "Bowfingers große Nummer" oder "In & Out" nicht gerade als besonders begabt aufgefallen ist, war eine Gunst der Götter beschieden worden: Er durfte mit Marlon Brando drehen, mit Robert De Niro und mit Edward Norton. Zusammen. In einem Film!
Der Kniff, diese ebenso exzellenten wie exzentrischen Schauspieler für den Panzerknackerkrimi "The Score" gemeinsam vor die Kamera zu bekommen, schien simpel: Alle drei versicherten verständlicherweise, sie hätten halt mal mit den jeweiligen Kollegen arbeiten wollen. Obwohl Brando könnte auch nur mal wieder Geld gebraucht haben.
Denn das schwergewichtige und schwierige Genie schert sich schon seit Jahrzehnten nicht mehr um die Qualität seiner ohnehin raren Rollen, die Meinung anderer Leute hat ihn ohnehin noch nie interessiert. Entsprechend gleichgültig (man könnte aber auch sagen: lässig und launig) spielt er den Großhehler Max, der nach einem wertvollen Zepter im Tresor des Zollamtes von Montreal trachtet. Brando, die schwammige Körperfülle in blaues Anzugtuch gewickelt, schwankt schwitzend drei-, viermal durch kurze Szenen, plumpst jedes Mal ächzend auf einen Stuhl, macht einen Witz und schlürft dann nur noch Mineralwasser. Keine Frage, dass auch nur das kleinste Zucken seines Mundwinkels ein Ereignis ist.
Aus seiner Verachtung für das Projekt und dessen Vorsteher machte er am Set indes kein Hehl. Oz, so heißt es, wurde ständig von Brando beschimpft und musste allerlei spätpubertäre Scherze des alten großen Mannes ertragen. Diese Anekdoten wurden allerdings kurz vor dem Filmstart in Amerika gestreut. Denn Brandos Marotten sind bessere Promotion (und allemal unterhaltsamer) als die Tatsache, dass er überhaupt mal wieder spielt. So wird Regisseur Oz, den man nun gar nicht mehr beneidet, endgültig zum Hampelmann.
Auch De Niro, der einem früher mit einem einzigen Blick den Atem rauben konnte, hat schon lange keine fulminante Darstellung mehr gezeigt. Matt, fast teilnahmslos gibt er den alternden Safeknacker Nick, der sich nach dem Einbruch im Zollamt zur Ruhe setzen will. Natürlich agiert De Niro so, wie es die Rolle erfordert, die ihn aber ja auch unterfordert und irgendwie symptomatisch ist für den müden Zustand des einstigen Verwandlungsvirtuosen. Und irgendwie erinnert man sich immer an das Bild, wie Nick morgens Kaffee kocht.
Bleibt noch Ed Norton, der Enkel quasi und junge Emporkömmling, der nach Filmen wie "Fight Club" und "American History X" zu den unberechenbarsten, unbequemsten und damit auch bestechendsten Schauspielern der jüngsten Zeit gehört. Er spielt den talentierten, aber vorlauten Dieb Jack, der Nick gehörig auf die Nerven geht und nach einer Weile auch dem Zuschauer. Denn Jack der übrigens frisch gepressten Saft trinkt imitiert einen Spastiker, er zuckt also mit den Gesichtsmuskeln, wedelt mit den Armen und lallt wie ein betrunkenes Kind. So hat er sich unter falschem Namen in eine Putzkolonne für das Zollamt eingeschlichen und die Räumlichkeiten ausspioniert. Ein Taschenspielertrick, mehr nicht.
Die drei Charaktere sind also wie Alter Egos von Brando, De Niro und Norton, und das ist schon fast das Originellste, was man über diesen Film sagen kann. Zwar positioniert Oz präzise alle Motive des klassischen Gaunerfilms, die allerdings schon im Prolog mit einer schönen Einbruchstudie fast alle abgehandelt sind. Zudem mangelt es an Dramaturgie, Tempo und Einfällen über den formelhaften Aufbau hinaus. Die Vorbereitung für den Bruch zieht sich langatmig hin, die Konflikte zwischen den Komplizen wirken aufgesetzt, und dann hält Oz sich auch noch mit einer stereotypen, sentimentalen Beziehungskrise zwischen Nick und der Stewardess Diane (Angela Bassett) auf.
Am Ende wird es dann doch noch mal rasant, und es macht auch Spaß, dabei zuzusehen, wie die dämlichen Wächter ausgetrickst, Lichtschranken überwunden und Kameras ausgeschaltet werden. Das nimmt man immer wieder gerne mit zumal man da längst vergessen hat, was für ein Schauspielpotenzial hier verschenkt wurde.
"The Score". USA 2001. Regie: Frank Oz; Drehbuch: Kario Salem, Scott Marshall Smith, Lem Dobbs; Darsteller: Robert De Niro, Edward Norton, Marlon Brando, Angela Bassett, Gary Farmer; Länge: 123 Minuten; Verleih: Constantin; Start: 9. August 2001