"The Station Agent": Abenteurer des Schienenstrangs - DER SPIEGEL
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"The Station Agent" Abenteurer des Schienenstrangs

Trainspotting für Kinoliebhaber: In seinem preisgekrönten Regiedebüt erzählt der US-Schauspieler Tom McCarthy die hinreißend-melancholische Geschichte dreier Außenseiter an einer Bahnstation in der Provinz.
Von Oliver Hüttmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt Filme, die kann man kaum beschreiben. Weil in ihnen nichts Spektakuläres geschieht, ja nicht mal etwas Aufregendes. Sie haben keine Spezialeffekte oder Sexszenen, verstörende Kapriolen oder virtuose Kamerafahrten. Stattdessen erzählen sie Geschichten, die das Leben schreibt. Sie sind so flüchtig wie das Leben selbst und lassen einen gerade deshalb nicht los. Sie ziehen vorüber wie die Züge, die Finbar beobachtet. Geduldig sitzt er auf einer Bank und wartet. Und wenn die Waggons vorbeifahren, ist es jedes Mal ein magischer Moment. Filme wie "The Station Agent" machen die Eintönigkeit zum Ereignis.

Finbar (Peter Dinklage) ist Mitte 30 und nur 1,30 Meter groß. Diese Kleinwüchsigkeit ist zunächst das Auffälligste in "The Station Agent". Sie zieht alle Blicke auf sich, den Spott, auch das Interesse der Bewohner in Newfoundland, einem Kaff von New Jersey. Doch schon bald fällt einem nicht mehr auf, dass Finbar noch kleiner ist als die zehnjährige Cleo. Das Mädchen fragt ihn, ob er ein Zwerg sei, was er fast schon lakonisch verneint. Er wisse gar nicht, warum ihn alle anstarren, sagt Finbar einmal: "Ich bin eigentlich ein furchtbar langweiliger Mensch".

Nach jeder verstrichenen Minute des Films nimmt man Finbar immer mehr als so genannten ganz normalen Menschen wahr mit Sehnsüchten und Sorgen wie jeder andere auch. So kehrt sich alles nahezu unmerklich ins Gegenteil, verschwindet das Offensichtliche, wachsen die Nebensächlichkeiten bedeutungsvoll und bekommt der kleine Film eine wundersame Größe.

"The Station Agent" ist eine Tragikomödie über Tod, Einsamkeit und Freundschaft. Finbar hat von seinem besten Freund ein verlassenes Bahndepot in Newfoundland geerbt. Er ist dort gerade erst eingetroffen, als ihn Olivia (Patricia Clarkson) in ihrem riesigen Wagen übersieht und beinahe anfährt. Der Malerin, die sich nach dem Tod ihres Sohnes von ihrem Ehemann entfremdet und in den abgelegenen Ort zurückzogen hat, ist der Vorfall peinlich. Sie sucht ihn noch am selben Abend auf, entschuldigt sich mit einer Flasche Whisky und schläft schließlich auf dem einzigen Sofa in dem heruntergekommenen Stationshäuschen ein.

Als sie morgens aufbricht, ist der junge Joe (Bobby Cannavale) riesig beeindruckt von Finbar. Der redselige, gut aussehende Kubaner betreibt auf dem Parkplatz einen fahrenden Imbiss und kümmert sich um seinen sterbenskranken Vater. Seit Wochen habe er es bei Olivia versucht, aber sie würde nicht mal mit ihm sprechen. Er nervt Finbar, drängt sich auf, sie werden Freunde.

Joe hat viele Fragen und bekommt von Finbar knappe Antworten. "Was machst du hier?" - "Ich gucke mir Züge an." - "Wann kam der letzte Zug vorbei?" - "Vor einer Stunde und 25 Minuten." - "Dein Ernst? Ist ja echt spannend. Ich bleibe 'ne Weile, was dagegen?" - "Nein." Die Dialoge reihen sich aneinander wie Waggons, und in ihnen liegen eine Warmherzigkeit und ein Witz, die den melancholischen Film durchströmen wie Fahrtwind. Während Finbar sich stoisch die Uhrzeit und Nummern der Eisenbahnen notiert, springt Joe winkend und schreiend umher. Er schwärmt, schwätzt und hält nicht mal still, als er vorgibt, neben Finbar nur ein Buch lesen zu wollen. Seine sympathische Penetranz hat einen Charme, den sich Finbar und Olivia nicht entziehen können, obwohl beide für sich alleine sein wollen.

Für seine drei grundverschiedenen Außenseiter, die sich auf ihren abseitigen Gleisen immer verlieren und kreuzen, konnte der Regiedebütant Tom McCarthy auf wundervolle Darsteller zurückgreifen. McCarthy war selbst Schauspieler, aber seine Auftritte in Hollywoodfilmen wie "Meine Braut, ihr Vater und ich" oder "Der Guru" hat niemand zur Kenntnis genommen. Auf dem Sundance Filmfest gewann "The Station Agent" nun die Preise für den besten Film und das beste Drehbuch.

In der beiläufigen Dramatik und Komik erinnert der Independentfilm an "In The Bedroom", dem grandiosen Regiedebüt des ebenfalls ehemaligen Kleindarstellers Todd Field. Es sind Filme, die Stille zelebrieren und diese mit genauen Beobachtungen füllen, die lyrische Langsamkeit entwickeln und dabei doch immer im Alltag bleiben. Während man Blockbuster donnernd vorbeirasen sieht und vergisst, möchte man sich "The Station Agent" immer wieder ansehen wie Finbar seine Videoaufnahmen von Eisenbahnen. Das nennt man Trainspotting für Kinoliebhaber.


The Station Agent


USA 2003. Regie und Drehbuch: Tom McCarthy. Darsteller: Peter Dinklage, Patricia Clarkson, Bobby Cannavale, Michelle Williams, Raven Goodwin, Paul Benjamin. Produktion: SenArt Films, Next Wednesday. Verleih: Prokino. Länge: 88 Minuten. Start: 10. Juni 2004