"The Transporter" Ein Mann räumt auf
Der Typ ist ein Pedant. Er sitzt in seinem schwarzen BMW mit vier Männern, die gerade eine Bank überfallen haben, will aber nicht losfahren. Ausgemacht seien drei Personen, sagt er und akzeptiert auch keine höhere Bezahlung. Stattdessen rechnet er dem panischen Quartett kühl vor, wie sich das erhöhte Gewicht bei der Flucht vor der Polizei unvorteilhaft auf Tempo und Benzinverbrauch auswirkt. Einer ist also zu viel. Erst als der Anführer der Bande einen seiner Komplizen erschießt und aus dem Wagen stößt, startet der Fahrer zu einer Hetzjagd durch die engen Gassen von Nizza, wie man es zuletzt in John Frankenheimers "Ronin" gesehen hat.
Frank Martin (Jason Statham) fährt alles und jeden. Er ist der Beste und heißt für seine Auftraggeber nur der "Transporter". Die Geschäftsgrundlage für seinen Erfolg basiert auf drei Regeln. Erstens: keine Fragen und Namen. Zweitens: Öffne niemals das Paket. Und drittens: Es wird niemals nachverhandelt oder der Plan geändert, sonst ist man tot.
Was bringt jemanden, der so eisernen Prinzipien folgt, zu Fall? Der Zufall. Martin hat eine Reifenpanne. Als er anhält und aus dem Kofferraum das Ersatzrad holt, öffnet er instinktiv das Paket, eine 50 Kilogramm schwere Sporttasche. Mit diesem Verstoß gegen Regel zwei brechen auch die anderen beiden Vorsätze zusammen: Er erscheint verspätet am Treffpunkt, es werden Fragen gestellt, fallen Namen. Der misstrauische Gangsterboss Wall Street (Matt Schulze), bei dem er das Paket abliefert, schiebt ihm eine Bombe unter. Die Explosion, der Frank nur knapp entgeht, löst eine Kettenreaktion aus, die bis zum Showdown einen perfekt und stringent ausbalancierten Actionplot vorantreibt.
"The Transporter" ist das Regiedebüt des Franzosen Louis Leterrier, aber das hat nicht viel zu sagen. Denn der Film trägt die Handschrift von Luc Besson, der wie zuletzt bei "Kiss Of The Dragon" mit Jet Li das Drehbuch geschrieben und als Produzent fungiert hat. Er hatte einst mit "Nikita" und später bei "Leon Der Profi" einige aufregende Schusswechsel inszeniert, die durchaus an John Woos Kugelballett heranreichen. Nun mausert er sich immer mehr zum französischen Pendant von Joel Silver, der als Produzent von "Stirb langsam" mit Bruce Willis das Genre revolutionierte. Beide kombinieren die Rasanz und Ästhetik des Hongkong-Kinos mit HipHop-Sounds zu Actionfilmen, in denen nur noch Bewegung und Physis zählen.
Besson geht dabei sogar noch um einiges konsequenter, härter und einfallsreicher vor. "The Transporter" hat einige inhaltliche Leerstellen, aber keinen Leerlauf. Verfolgungsjagden und Ballereien wurden explosiv und exzessiv mit einer erstaunlichen Präzision in Szene gesetzt, die Martial-Art-Kämpfe sind ebenso knochenhart wie komisch arrangiert. Es erinnert etwas an Jackie Chan, wenn Statham sich in einem schmalen Gang gegen zwei Asiaten mit Äxten wehrt oder auf einer riesigen Öllache eine ganze Gang aufmischt. Aber es macht dennoch Spaß und Statham dabei eine mehr als gute Figur. Zudem gelingt es dem Briten, seinem Einzelgänger mit stoischem Gemüt und knappen, trockenen Sätzen die Attitüde von Steve McQueen, Clint Eastwood und Charles Bronson zu verleihen. Das ist heutzutage selten geworden.
Die vordergründige Moral, dass Frank Martin ein verbitterter Ex-Spezialsoldat ist und es mit skrupellosen Menschenhändlern zu tun hat, streift Statham ganz lässig ab. Er ist schlicht davon genervt, einen Fehler gemacht zu haben und dadurch mit der so hübschen wie hysterischen Chinesin Lai (Shu Qi) in eine Sache geraten zu sein, die er nun zu Ende bringen muss. "The Transporter" ist ein nihilistisches Genrewerk, das exakt die Regeln von Timing und Tempo befolgt und auf visuelle Effekte aus dem Computer verzichtet.
Amüsant ist zudem noch Francois Berléand als Kommissar Tarconi, der mit müden Augen und wissender Ironie so nonchalant spielt wie früher der große Philippe Noiret. Das gibt "The Transporter" einen europäische Charme, der mit der amerikanischen Art konkurrieren kann.
"The Transporter". Frankreich/USA 2002. Regie: Louis Leterrier; Drehbuch: Luc Besson; Darsteller: Jason Statham, Shu Qui, Matt Schulze, Francois Berléand, Ric Young, Doug Rand, Didier Saint Melin; Produktion: Europacorp, TF1 Films, Current Entertainment, Canal +; Verleih: Tobis; Länge: 92 Minuten; Start: 8. Mai 2003