"The Watcher" Faszination Serienkiller
Jede Zeit hat die Helden, die sie verdient. Früher galten smarte Detektive und sportive Geheimagenten als Idole. Aber Philip Marlowe ist im Ruhestand und James Bond nur noch ein Alleinunterhalter im globalen Erlebnispark. Zur Jahrtausendwende sind es die harmlosen Romanzen amerikanischer Highschool-Girls und die kalte Faszination des dämonisch entrückten Serienkillers, die das Publikum umtreiben. Hannibal Lecter und John Doe heißen die Ikonen unserer Tage.
Joe Charbanics "The Watcher" fügt sich nahtlos und geschmeidig in diesen Trend. Schon der Vorspann zeigt klar, wo es lang geht. Grobkörnige Bilder, schlierige Bewegungsunschärfen und manierierte Zeitlupen wecken unverhohlene Erinnerungen an David Finchers Stilvorgaben in "Sieben".
Ein FBI-Agent (James Spader) jagt einen Serienkiller (Keanu Reeves). Das ist die Geschichte. Die ganze Geschichte. Um mehr geht es nicht. Die Freundin des Cops zählte vor Jahren zu den Opfern des Psychopathen, worauf er seinen Dienst quittierte, von Los Angeles nach Washington verzog und Trost bei einer Therapeutin (Marisa Tomei) suchte. Aber diese Vorgeschichte, die in flashartigen Rückblenden Stück für Stück zusammengesetzt wird, birgt keine weitere Substanz, ist weder für die Motivation der Figuren noch für die Vertiefung ihrer Charaktere von ausschlaggebender Bedeutung. Nur ein dramatischer Geschmacksverstärker, mit dem eine nichtsnutzige Story auf ein abendfüllendes Format gestreckt wird.
Der Film beginnt mit einer neuen Mordserie in Chicago, mit der der Killer nach achtjähriger Auszeit seinen alten Gegner wieder aus der Reserve locken und ein zweites Mal düpieren will. Der sieht endlich die Chance, sein unbewältigtes Trauma zu überwinden und lässt sich für die Ermittlungen reaktivieren.
Hektisch akribische Polizeiarbeit im Gegenschnitt mit mythisch verbrämten Gewaltdarstellungen. Der Mord als pseudosakrale Tat, ein leeres Ritual von handgreiflicher Symbolik. Wo der Handlungsfaden keine Spannung hergibt, werden die Bilder in motorische Bewegung gesetzt. Es braucht keinen ausgeklügelten Plot, keine plastischen Charaktere und keine organische Inszeniererung. Filme werden heute im Schnitt entschieden. Auch die Schauspieler sind nur figurative Muster in diesem Spiel. An mimischer Feinzeichnung ist kein Bedarf. Über den Ausdruck bestimmt das Licht und die Bildmontage. So wird der notorisch untersetzt agierende Keanu Reeves zur Idealbesetzung. Berauschend schön, sinnlos brutal und ernüchternd leer, das haben wir dann doch nicht verdient.
"The Watcher", USA 2000. Regie: Joe Charbanic; Darsteller: James Spader, Keanu Reeves, Marisa Tomei. Länge: 96 Minuten. Verleih: Tobis. Kinostart: 18. Januar 2001