Berlinale-Programm 2025 Timothée Chalamet kommt nach Berlin – aber außer Konkurrenz
Neue Berlinale-Leiterin Tuttle, Festival-Merch: Bescheidener Auftritt
Foto: Clemens Bilan / EPATricia Tuttle hatte sich extra warm angezogen für ihre erste Berlinale-Pressekonferenz, und das nicht nur wegen der frostigen Temperaturen. Die US-Amerikanerin hat die Internationalen Filmfestspiele von Berlin zu ihrer 75. Jubiläumsausgabe übernommen. Vorangegangen war ein Tumult um die kontroverse Ablösung der letzten Festival-Leitung, ein nicht minder umstrittener Antisemitismus-Eklat bei der Preisverleihung im Februar 2024 – und daraus folgende Boykottaufrufe.
Und bei all dem hatte man noch gar nicht über die schwindende Bedeutung der Berlinale in der Konkurrenz zu den anderen A-Festivals in Venedig und Cannes geredet – oder über wegfallende Sponsoren und die unsichere Finanzierung angesichts der Sparmaßnahmen des Berliner Senats.
»Ick bin Tricia Tuttle«
Kein Wunder also, dass sich Tuttle am Dienstagvormittag bei der Vorstellung ihres ersten Programms im Berliner Haus der Kulturen der Welt defensiv in einen warmen, hellgrauen Blouson gekleidet hatte – und sich bescheiden gab.
»Ick bin Tricia Tuttle«, sagte sie ins Mikrofon, um dann um Verständnis dafür zu bitten, dass der Rest der Pressekonferenz auf Englisch abgehalten werde. Zuletzt hatte Tuttle das Londoner Filmfestival BFI geleitet.
Bescheiden gibt sich auf den ersten Blick auch der Wettbewerb um den Goldenen Bären, also die Hauptkonkurrenz und das größte Schaufenster des Festivals. 19 Filme schafften es in die Auswahl, darunter Produktionen von Festival-Stammgästen wie US-Regisseur und Bären-Gewinner Richard Linklater (»Boyhood«).
Er wird »Blue Moon« zeigen, eine Hommage an das legendäre Songwriting-Team Rodgers & Hart mit Ethan Hawke und Margaret Qualley (»The Substance«) in den Hauptrollen.
Der mexikanische Regisseur Michel Franco zeigte seinen letzten Film mit Hauptdarstellerin Jessica Chastain in Venedig, nun kommt er nach Berlin und zeigt dort »Dreams« über einen jungen Balletttänzer (Isaac Hernández), der vom Durchbruch träumt. Chastain spielt seine Mentorin.
Das Maskottchen darf nicht fehlen
Weitere interessante Filme sind das Gesundheitsdrama »If I Had Legs I'd Kick You« von Regisseurin Mary Bronstein mit Rose Byrne (»Physical«) in der Hauptrolle. Der Film, der von der angesagten US-Produktionsfirma A24 betreut wird, wird seine Premiere jedoch auf dem Sundance-Festival feiern, nicht in Berlin.
Auch »Hot Milk«, das Spielfilmdebüt der Drehbuchautorin Rebecca Lenkiewicz (»She Said«) mit Emma Mackey, Fiona Shaw und Vicky Krieps handelt von einer mysteriösen Krankheit und einer gestörten Mutter-Tochter-Beziehung. Interessant verspricht auch »The Ice Tower« zu werden. Der Film der französischen Regisseurin Lucile Hadžihalilović (»Earwig«) ist ein Fantasy-Drama, das sich um eine Filmproduktion der »Schneekönigin« in den Siebzigerjahren dreht. Die Hauptrolle spielt Oscarpreisträgerin Marion Cotillard.
Die eher experimentellere und provokante Seite des Wettbewerbs wird wohl unter anderem der rumänische Regisseur Radu Jude stellen. Jude gewann 2021 mit »Bad Luck Banging Or Loony Porn« den Goldenen Bären und kehrt nun mit der politischen Collage »Kontinental ’25« zurück.
Der einzige Dokumentarfilm im Wettbewerb ist »Timestamp« von der ukrainischen Regisseurin Kateryna Gornostai, die 2021 den Jugendfilmpreis Gläserner Bär gewann. Ihr Film zeigt den Alltag von Lehrern und Schülern im Alltag des Ukrainekriegs.
US-Darsteller Chalamet in »A Complete Unknown«: Kommt zur Deutschlandpremiere nach Berlin
Foto: Macall Polay / APNicht fehlen darf Berlinale-Maskottchen Hong Sang-soo aus Südkorea, der mit seinen sympathischen Alltagskomödien bereits viermal den Silbernen Bären gewonnen hat. Er zeigt seinen neuen Film »What Does That Nature Say To You«.
Zwei deutsche Produktionen haben es in den Wettbewerb geschafft: »Was Marielle weiß« ist ein Familiendrama des 38-jährigen Regisseurs Frédéric Hambalek, das Telepathie zum Thema macht. »Yunan« des syrischstämmigen Regisseurs Ameer Fakher Eldin erzählt die Geschichte eines bekannten syrischen Autors, der nach seiner Asylbewilligung in Deutschland nicht mehr in seine Heimat zurückkehren kann und sich mit Selbstmordgedanken trägt.
Acht der 19 Filme wurden von Frauen gedreht, im vergangenen Jahr waren es sechs. Ein paar größere Namen hätten dem Wettbewerb gutgetan, um Tuttles Position gegen Kritik zu verteidigen. Aber auch für die neue Leitung gilt, dass man nehmen muss, was zum ungünstig liegenden Zeitpunkt im Februar, mitten in Hollywoods Oscar-Saison, zu kriegen ist. Letztlich muss ohnehin die Qualität der Filme überzeugen.
Stars außer Konkurrenz
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Eröffnet wird die 75. Berlinale am 13. Februar mit dem neuen Film von »Lola rennt«-Regisseur Tom Tykwer, »Das Licht«, der allerdings außer Konkurrenz gezeigt wird. Als Special Gala, also ebenfalls nicht im Wettbewerb, wird das Notaufnahmen-Drama »Heldin« von Petra Volpe mit Leonie Benesch in der Hauptrolle gezeigt.
In der Reihe Berlinale Special läuft zudem »Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes« des »Heimat«-Regisseurs Edgar Reitz mit Lars Eidinger und Edgar Selge.
Ebenfalls außer Konkurrenz wird James Mangolds bereits in den USA angelaufenes Bob-Dylan-Biopic »A Complete Unknown« zu sehen sein. Der für mehrere Oscars infrage kommende Film (Start am 27. Februar) feiert seine Deutschlandpremiere auf der Berlinale. Hauptdarsteller und »Dune«-Star Timothée Chalamet wird auf dem roten Teppich erwartet.
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Auch Marion Cotillard, Margaret Qualley, Ethan Hawke und Jessica Chastain sollen Star-Power nach Berlin bringen. Der Ehren-Bär des Festivals wird bei der Eröffnungsgala an die schottische Charakterdarstellerin Tilda Swinton verliehen. Den Jury-Vorsitz hat US-Regisseur Todd Haynes inne.
Festival-Chefin Tuttle, Co-Leitende Lyanga, Stütz: Politisches umarmen, aber darüber nicht die Filme vergessen
Foto: Clemens Bilan / EPABereits bekannt war, dass »Mickey 17«, der neue Science-Fiction-Film des »Parasite«-Regisseurs Bong Joon-ho mit Robert Pattinson außer Konkurrenz zu sehen sein wird.
Als weitere Special Gala wurde die Romanverfilmung »The Thing with Feathers« mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle angekündigt. Als Serie läuft in der Reihe zudem die Verfilmung von Richard Flanagans Roman »The Narrow Road to the Deep North« mit Jacob Elordi (»Saltburn«).
Für Diskussionen wird in der Reihe Special sicher die Dokumentation »Das Deutsche Volk« von Marcin Wierzchowski sorgen, ein kritischer Blick auf das rassistische Attentat von Hanau im Jahr 2020. Nicht minder brisant dürfte »Michtav Le'David« (»Ein Brief an David«) des israelischen Regisseurs Tom Shoval sein, ein filmischer Brief an seinen Freund David Cunio, der am 7. Oktober 2023 aus dem Kibbuz Nir Oz entführt wurde.
Die Dokumentation »My Undesirable Friends: Part I – Last Air in Moscow« der US-Filmemacherin Julia Loktev, zeigt fünf Stunden lang, wie unabhängige Journalisten in Moskau von der Regierung Putin unterdrückt werden, wenn es um die Ukraine-Berichterstattung geht.
Vor Politik schreckt Tuttle nicht zurück
Tuttle, die sich im HKW zusammen mit ihren Co-Direktor:Innen Michael Stütz und Jacqueline Lyanga in eine Talkshow-artige Sitzgruppe platzierte, stellte auch die 14 Spielfilmdebüts vor, die in der ersten Ausgabe ihrer neu gegründeten Nebenreihe »Perspectives« zu sehen sein werden.
Darunter findet sich auch das ostdeutsche Nachwende-Familiendrama »Mit der Faust in die Welt schlagen« von Regisseurin Constanze Klaue.
Den Ruf, das traditionell politischste der drei A-Festivals zu sein, umarme Tuttle, sagte sie am Dienstag. Sie werde oft gefragt, »ob wir ein politisches Festival sind, und davor schrecken wir nicht zurück«, sagte sie, »es liegt wohl in der DNA der Stadt und auch des Festivals selbst«. Gleichzeitig, so Tuttle vorsichtig, sei die Berlinale auch vieles andere.
Für alle Festivals und alle Kulturen gelte, »dass die Nachrichtenagenda im Moment oft den Diskurs dominiert, aber wir hoffen wirklich, und wir glauben, dass die Filme, die das Publikum in den nächsten Wochen des Festivals sehen wird, die Menschen dazu bringen werden, über die Lebendigkeit der Kunstform selbst und die Filme selbst zu sprechen.«
Zwei Millionen Euro Zusatzbudget
Ob es am Potsdamer Platz wie im vergangenen Jahr zu Protest kommen wird, bleibt abzuwarten. Zumindest die Finanzierung der Jubiläumsausgabe ist noch am Montag ein wenig aufgepolstert worden: Zwei Millionen Euro Zusatzbudget haben der Bund und Kulturstaatsministerin Claudia Roth zugesagt.
Rechnet man die Kürzungen des Berliner Senats ab, kommt auf die rund zehn Millionen Grundausstattung des Festivals wohl immerhin eine Million obendrauf. Auch neue Sponsoren, darunter der Fahrzeughersteller Cupra als Ersatz für Uber, sind in den vergangenen Wochen und Monaten gesichert worden. Die Berlinale läuft vom 13. bis zum 23. Februar.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, dass nur eine vorrangig deutsche Produktion im Wettbewerb zu sehen ist, tatsächlich sind es zwei. Wir haben den Fehler korrigiert.