Tuvalu Poetisches Kinomärchen
Hamburg - Neugierig lugt der scheue Bademeisterlehrling Anton (Denis Lavant) durch ein Fernglas. Er träumt davon, als Kapitän mit einem Schiff über die Meere zu fahren, denn sein Alltag in dem heruntergekommenen Schwimmbad sieht ziemlich eintönig aus. Tag für Tag ist er auf Hochtouren damit beschäftigt, seinem blinden Vater (Phillippe Clay) die perfekte Illusion eines florienden Badebetriebs vorzuspielen. Der Lärm der Gäste kommt in Wirklichkeit von einem Tonband, das Anton als Geräuschkulisse einsetzt.
Aus diesem tristen Dasein wird er herausgerissen, als eines Tages die junge Kapitänstochter Eva (Chulpan Hamatova) im Schwimmbad auftaucht. Geimeinsam beschließen sie, auf einem alten Schleppkahn in das kleine Inselreich Tuvalu zu fliehen. Nach seinem mit mehr als vierzig Preisen ausgezeichneten Kurzfilm "Surprise" ist dem deutschen Nachwuchsregisseur Veit Helmer mit seinen Spielfilmdebüt nun die nächste Überraschung geglückt. In seinem poetisch-verspielten Kinomärchen "Tuvalu" entführt er die Zuschauer in eine Traumwelt, die durch opulente Schwarz-Weiß-Bilder und fantastische Klangeffekte besticht.
"Der Zauber des Kinos liegt für mich darin, die Zuschauer auf eine große Reise zu schicken", meint Helmer, "dieser Film gab mir die Chance, eine Welt zu erschaffen, die nirgendwo existiert." Sein Streifen knüpft an das visuelle Konzept alter Stummfilme an. "Mein Ziel ist es, Bilder zu komponieren, die neuartig sind. Unbewusst habe ich dabei sicher vieles zitiert", räumt der Regisseur ein, "doch ich wollte damit keinem bestimmten Filmemacher eine Hommage widmen." Die Idee zu dem unkonventionellen Filmprojekt entwickelte Helmer bereits vor zwölf Jahren, doch erst 1995 brachte er das ambitionierte Vorhaben zusammen mit seiner Koautorin Michaela Beck zu Papier.
Die gesamte Vorbereitung zu "Tuvalu" dauerte mit Drehbuchentwicklung, Casting, Drehortsuche und Finanzierung knapp vier Jahre. Als besonders schwierig erwies es sich, das passende alte Schwimmbad zu finden. Zu diesem Zweck reiste Helmer nach Polen, Ungarn, Österreich und Russland, bis er schließlich das alte Zentralbad in Sofia entdeckte. "Ich dachte schon, dass ich nie diesen Drehort finden werde", berichtet der Filmemacher, "das ganze Projekt stand bereits auf der Kippe, denn so etwas hätte man nicht einmal in Hollywood bauen können."
Noch mehr Aufwand betrieb Helmer, um die passenden Darsteller zu finden. Während seiner Stippvisiten zu diversen Kurzfilmfestivals nutzte er die Zeit, um mit seiner Videokamera Schauspieler aufzunehmen. "Ich habe mir rund 10.000 Fotos angesehen und mich in vierzehn Städten mit jeweils sechzig bis achtzig Akteuren getroffen. Am Ende hatte ich 1100 Schauspieler auf Video", erzählt er. Schon während der Probeaufnahmen fand er dabei seine Idealbesetzung. "Zum Glück waren meine Wunschkandidaten nicht auf Dialoge fixiert, sondern eher visuell orientiert." Der französische Schauspieler Denis Lavant, der den weltfremden Anton verkörpert, gab ihm bereits seine Zusage, bevor er überhaupt das Drehbuch kannte.
Realisiert wurde "Tuvalu" schließlich in siebzig Drehtagen in Bulgarien. Bei der visuellen Umsetzung seiner Kunstwelt kam es Helmer darauf an, den Kontrast zwischen dem warmen Innenräumen und den kalten Außenszenarien hervorzuheben. "Da ich keinen schwarz-weißen Stummfilm produzieren wollte, haben wir das Material - wie in der Fotografie - Szene für Szene eingefärbt. Auch akustisch mussten wir den Zuschauern etwas bieten, um sie nicht einer klaustrophobischen Stille auszusetzen."
In Deutschland wäre dieser Film niemals für 1,7 Millionen Mark entstanden. "Für dieses Budget kann man heute noch nicht einmal einen 'Tatort' drehen. Normal kalkuliert hätte der Film fünf Millionen Mark gekostet, denn wir haben siebzig Tage gefilmt, dreißig Tage gemischt, hatten aufwendige Spezialeffekte und Schauspieler aus sechs Ländern."
Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Inzwischen wurde "Tuvalu" in rund 30 Länder verkauft, gewann 17 Filmpreise und konnte bereits vor dem deutschen Kinostart einen Teil seiner Fördergelder zurückzahlen.
Birgit Heidsiek