"Under Suspicion": Routiniers im Rededuell - DER SPIEGEL
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"Under Suspicion" Routiniers im Rededuell

Sein Remake des französischen Klassikers "Das Verhör" geriet dem Hollywood-Regisseur Stephen Hopkins zur amerikanisierten Kriminal-Therapie. Darüber hinweg tröstet nur der spannende Schlagabtausch der Darsteller-Routiniers Gene Hackman und Morgan Freeman.
Von Oliver Hüttmann
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Das Original ist knapp 20 Jahre alt und darf guten Gewissens als Klassiker bezeichnet werden: In Claude Millers "Das Verhör" befragt ein Pariser Kommissar gemeinsam mit seinem renitenten Assistenten einen Notar zum Mord an zwei kleinen Mädchen. Er hat die letzte Leiche gefunden, ist also ein Zeuge, macht sich mit widersprüchlichen Angaben aber zum Hauptverdächtigen. Lino Ventura und Guy Marchand trieben damals Michel Serrault in die Ecke. Romy Schneider brillierte als dessen Ehefrau bei einem fünfminütigen Auftritt in einem abgedunkelten Raum, rauchte kühl eine Zigarette und lieferte mit einigen erschütternden Worten den vermeintlichen Beweis.

Aus dem klaustrophobischen Kammerspiel ist nun ein durch und durch amerikanisches Remake geworden - ganz so, wie in Hollywood mit französischen Filmen oft verfahren wird. Dem jungen Stephen Hopkins, der als Auftragsregisseur von Sequels wie "Predator 2" oder Sci-Fi-Spektakeln wie "Lost In Space" noch nicht gerade als eigenständiger Stilist aufgefallen ist, verstand sein Projekt allerdings als Herzensangelegenheit. Und so ist es gerade noch mal gut gegangen.

Statt des enervierenden Klapperns der Schreibmaschine, deren Tasten Marchand manchmal bewusst brutal angeschlagen hatte, laufen ein kleines Tonband und ein modischer Camcorder. Dafür wurden die Rückblenden, mit denen die Aussagen des Notars illustriert werden, etwas ausgeweitet und zudem mit einem metallischen Rauschen versehen, das etwas prätentiös wirkt und einen eigentlich unnötigen Schauer erzeugen soll. Auch hat Drehbuchautor W. Peter Iliff die antagonistischen Charaktere leicht modifiziert. Ansonsten blieb Hopkins jedoch recht nah an der Vorlage.

Handlungsort ist allerdings nun Port San Juan in Puerto Rico. Ein schwüler Abend. Der reiche, auch als Wohltäter hoch angesehene Anwalt Henry Hearst (Gene Hackman) wird von Polizeidetektiv Benezet (Morgan Freeman) kurzfristig telefonisch aufs Revier gebeten. Die beiden kennen sich schon lange, sind fast Freunde, und Benezet hat bereits den Smoking rausgehängt für die Benefiz-Gala im Hotel gegenüber, auf der Hearst als Redner für Hurrikan-Opfer sammeln will. Nur ein paar Routinefragen fürs Protokoll, verspricht Benezet, fünf Minuten. Aber dann schaltet er das Bandgerät ein. Neben dem Schreibtisch lauert unterdessen sein junger Partner Owens (Thomas Jane), die Daumen im Hosengürtel eingehakt.

Das Frage- und Antwortspiel beginnt als Geplänkel zweier Routiniers, und von Beginn an ist es ein Genuss, den beiden alten Könnern Hackman und Freeman dabei zuzusehen, wie sie bis zum offenen Schlagabtausch eines knallharten Verhörs konzentriert die Balance halten. Wie er denn beim Joggen das tote Mädchen im Gebüsch finden konnte, will Benezet wissen. Hearst lehnt sich lässig im Stuhl zurück. Eigentlich habe der Hund es entdeckt, antwortet er. Der Hund des Nachbarn? Ja, er hole ihn immer vorher ab. Aber der Nachbar habe ihn, Hearst, diesmal nicht gesehen, sagt Benezet. Hearst lacht. Ach ja, der Hund war ihm erst unterwegs entgegengelaufen, sagt er. Für einen Moment ist es still. Dann erklärt Benezet, dass der Hund an jenem Tag gar nicht im Ort war. Und Hearst lächelt wie jemand, der sich eine taktische Auszeit nimmt, bevor er erneut kontert.

Serrault spielte die Rolle giftig und glitschig als kapriziöser, hysterischer Bourgeois, den man gerne für einen Päderasten hielt. Der allein physisch stark präsente Hackman aber dampft vor Selbstbewusstsein. Sein Hearst ist smart und süffisant und gewohnt, sich durchzusetzen. Anfangs scheint er zu tänzeln, wenn er direkten Fragen überheblich ausweicht. Hearst ist mit der 30 Jahre jüngeren Chantal (Monica Bellucci) verheiratet, Tochter eines verstorbenen Bekannten, die er schon als Teenagerin kannte. Und seit einiger Zeit, muss er eingestehen, will sie nicht mehr mit ihm schlafen ­ nicht mal ihr Zimmer am Ende eines langen Flures darf er betreten. Dass er nun im Armenviertel junge, zierliche Prostituierte aufsucht, ist jedoch noch kein Tatmotiv. Das verdichtet sich erst, als Benezet von Chantal den Grund für ihre Verweigerung erfährt.

"Under Suspicion" dringt als Studie über Eifersucht, Missverständnisse, Vorurteile, Identitäten, saubere Fassaden, Ersatzbefriedigungen und krankhafte Neigungen sogar tiefer in die Psyche der Figuren vor als "Das Verhör". Bei aller Spannung aber wirkt das Ende des Remakes so ernüchternd wie eine Therapie, die alles durchleuchtet und erklärt und zum Besseren gewendet hat. "Das Verhör" ließ einen immerhin mit dem beklemmenden Gefühl zurück, dass jenseits der juristischen Wahrheit unlösbar dunkle Abgründe zwischen den Menschen klaffen.

"Under Suspicion ­ Mörderisches Spiel", USA 2000. Regie: Stephen Hopkins; Drehbuch: Tom Provost, W. Peter Iliff; Darsteller: Gene Hackman, Morgan Freeman, Thomas Jane, Monica Bellucci; Länge: 110 Minuten; Verleih Fox; Start: 3. Mai 2001