Vampirfilme Zeit der Zärtlichkeit
Die Leute vom Film sind unruhig. Der Vampir-Darsteller, finden sie, ist ein merkwürdiger Bursche. Kahler Schädel, lange, scharfe Fingernägel, spitze Zähne - für einen Schauspieler seines Kalibers trägt dieser Max Schreck ganz schön dick auf.
Es ist ein uraltes cineastisches Rätsel, das da mit frischem Blick präsentiert wird: 1921/22 hatte der berühmte deutsche Stummfilmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau seinen Film "Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens" gedreht; sein Hauptdarsteller, der nahezu unbekannte Max Schreck, gilt bis heute als der überzeugendste Vampir-Darsteller der Filmgeschichte. "Shadow of the Vampire" (Kinostart: 21.6.) erzählt von den Dreharbeiten zu "Nosferatu" - ein Film im Film also, der dem Mythos "Nosferatu" zu Leibe rückt.
Max Schreck sei sehr scheu, sieht man den Film-Murnau am Anfang erklären: ein Schüler des großen Theaterregisseurs Konstantin Stanislawski, beinahe verzehrt von seiner Kunst. Ein Sensibelchen also, das sich bei Tage am Set nicht sehen lässt und nachts zuweilen unberechenbar erscheint. Von "Method Acting" hatte Murnau gemurmelt - im Mittelpunkt von E. Elias Merhiges Film steht eine Abmachung.
Um seinen "Nosferatu" so authentisch wie möglich zu gestalten, hat Murnau, der Wahnsinnige, einen echten Vampir engagiert. Bis zum Ende der Dreharbeiten soll er sich zusammenreißen; sobald die letzte Szene im Kasten ist, darf er sich am Hals der Hauptdarstellerin Greta (Catherine McCormack) vergnügen - das ist der Deal, quid pro quo gewissermaßen. Wenn nur dieser schreckliche Durst nicht wäre.
Und so sitzt der Produzent des Films (Udo Kier, der 1974 in "Andy Warhols Dracula" selbst den Vampir spielte) also mit dem Drehbuchautor zusammen, der Schnaps kreist, und der rätselhafte Max Schreck setzt sich dazu und hat Durst. Und greift sich plötzlich eine Fledermaus aus der lauen Luft, beißt ihr den Hals durch und genehmigt sich ein Schlückchen - Method Acting.
Mit "Shadow of the Vampire", von Nicolas Cage produziert (der 1989 in "Vampire's Kiss" selbst gebissen wurde), mit John Malkovich (als Murnau) und Willem Dafoe (als Schreck) prominent besetzt, ist der Vampir-Film wieder dort angekommen, wo er Anfang der Zwanziger aufgebrochen war: beim Grauen, auf der Nachtseite, beim Zweideutigen.
1897 hatte der Ire Bram Stoker seinen Roman "Dracula" veröffentlicht - ein viktorianisches Schauerstück, das mit Liebe zum Detail schilderte, was nach der prüden Moral jener Zeit eigentlich auf dem Index stand: Ehebruch und Blutschande, Vergewaltigung und Pädophilie - der Vampir, das absolute Grauen.
"Der Vampir ist nichts anderes als ein gehender Phallus"
Noch bei Murnau, ein Vierteljahrhundert später, bricht der Blutsauger in die Stadt Wisborg ein wie ein Zombie: groß, schwarz und hager, bewegt er sich mit einer leichenhaften Behäbigkeit - Fleisch gewordener Ausdruck unserer Angst vor dem Fremden, dem Unbewussten, dem Tod.
Auch bei Murnau hatte die Geschichte eine unübersehbar erotische Komponente: Nosferatu überwältigt sein weibliches Opfer im Bett, in einer kühnen Andeutung lässt Murnau den Schatten von Nosferatus Hand nach Ellens Brust greifen. Der ganze Vampir, schrieb der Autor Roger Dadoun, scheine nichts anderes zu sein als "ein gehender Phallus".
Knapp zehn Jahre später, als der ungarischstämmige Schauspieler Bela Lugosi der Alptraumfigur Gesicht und Kontur gibt, ist aus der zeichenhaften Anzüglichkeit ein erotisches Konzept geworden. Eingehüllt in einen schwarzen Umhang, umgeben von einer Aura geheimnisvoller Melancholie, erscheint Lugosis Graf als dämonischer Dandy, der eher beiläufig dafür sorgt, dass die Frauen ihm gleich reihenweise hypnotisch verfallen.
Drei Grundsätze ziehen sich seither durch das Genre, drei Regeln, die, in unendlicher Erfindungslust variiert, für immer neue Fassungen und Fortsetzungen sorgen.
Regel Nr. 1: In die Figur des Vampirs lässt sich alles, aber auch´wirklich alles hineinlesen. Mal ist er Liebhaber und Verführer, mal Blutsauger und Zerstörer; er ist böse und triebhaft, witzig und weltläufig, süchtig nach Blut und sehnsüchtig nach Verschmelzung, ein Untoter ohne Ruhe und ein Rastloser, der sich nach ewigem Schlaf sehnt. Voltaire nahm den Vampir als Bild für den Adel, Karl Marx wenig später fürs Kapital - eine Projektionsfläche, die größer ist als die größte erzählerische Phantasie.
Regel Nr. 2: Der Vampir lindert unsere Angst vor dem Tod. Die meisten Menschen erschreckt die Vorstellung, nach dem Tod komme nurmehr ein großes Nichts. Vampir-Filme geben uns eine Ahnung davon, wie das Leben nach dem Tod aussehen könnte.
Zugleich sind die Vampire Ausdruck unseres Wunsches nach ewiger Jugend. Da sie nicht altern, sondern für immer so bleiben, wie sie im Augenblick ihrer Verwandlung waren, schwebt um sie, bei aller Blässe, eine Aura unvergänglicher Frische.
Regel Nr. 3: Vampir-Filme sind im Grunde Sexfilme - sie zeigen das eine, weil sie das andere nicht zeigen dürfen. Ende der Fünfziger deutete Christopher Lee an, was in den Jahren der sexuellen Befreiung noch kommen sollte: Sein distinguierter Vampir ist ein unersättlicher Frauenverführer, der sich holt, wonach es ihn gelüstet.
Die neu gewonnene Freiheit des Genres freilich markiert zugleich seinen Niedergang. Zahllose Parodien sorgten schnell dafür, dass kaum noch jemand den Vampir-Film ernst nahm. Roman Polanski hatte den Anfang gemacht: Für seinen "Tanz der Vampire" erfand er nicht nur den jüdischen Vampir, der sich durch das Kreuz nicht länger bannen lässt; gleichzeitig verliebt sich der homosexuelle Blutsauger Herbert in Alfred, den Gehilfen des Vampir-Jägers. Polanski spielt ihn selber, zurechtgemacht wie der Schauspieler Gustav von Wangenheim in Murnaus "Nosferatu": ironische Verbeugung vor einem Genre, das er selbst gerade zu Grabe trägt.
Mitte der Achtziger verwandelte Aids den sexuellen Nimmersatt in einen liebenden Vampir, der sich, mehr noch als nach einem Hals voller Blut, nach einer dauerhaften Liebesbeziehung sehnt. Und plötzlich konnte auch jeder sehen, dass der Biss tatsächlich ein Kuss ist, Ausdruck einer zehrenden Sehnsucht nach Nähe, innigste Form der Vereinigung. Man muss sich nur mal anschauen, wie Tom Cruise in Neil Jordans "Interview mit einem Vampir" (1994) zum ersten Mal an die Schulter von Brad Pitt sinkt - wer dem vermeintlichen Opfer ins Auge sieht, erkennt, dass der Akt des Gebissenwerdens zugleich ein Moment der Wollust ist, eine Art Liebestod.
Die Gemeinde liebt solche Überhöhungen. Vampir-Kino ist Kult-Kino, Zitaten-Kino, Wiedererkenn-Kino. Und wenn der Vampir, wie jüngst bei "Wes Craven präsentiert Dracula" (2000), als Reinkarnation von Judas erscheint, dann freuen sich die Fans, weil man seine Kennerschaft am besten beweisen kann, indem man die Abweichungen erkennt.
Vielleicht ist Kennerschaft der einzige wirksame Schutz vor Vampiren, brauchbarer als Knoblauch und Kruzifixe. Gebissen wird nur, wer nicht an Vampire glaubt.
Hauke Goos; Mitarbeit: Cord Lappe