"Vanilla Sky": Remix im Remake - DER SPIEGEL
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"Vanilla Sky" Remix im Remake

Was passiert, wenn ein eitler Hollywood-Star einen Rock'n'Roll-Regisseur mit dem amerikanischen Remake eines kunstvollen Mystery-Dramas aus Europa beauftragt, zeigt Cameron Crowes "Vanilla Sky" mit Tom Cruise in der Hauptrolle.
Von Oliver Hüttmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Remakes sind so etwas wie angekündigte und rechtlich einwandfrei lizenzierte Plagiate. Und Hollywood, ohnehin die größte Recyclinganlage für alte Träume und abgenutzte Phantasien, hält sich gerne an bewährten Stoffen schadlos. Dass diese Reanimationen bei Filmkritikern und Cineasten meist noch verpönter sind als Sequels, stört die Kassenwarte der großen Studios natürlich wenig. Deren Rechnung geht jedoch nur bedingt auf: Neuverfilmungen, die nicht wie "Planet der Affen", "Godzilla" oder demnächst "Die Zeitmaschine" mit digitalen Schauwerten und Spezialeffekten locken, bleiben in den Charts meistens nur eine Fußnote. Und selbst wenn die Einspielergebnisse am Ende stimmen ­ ein übler Geruch bleibt haften.

Am schamlosesten und schludrigsten wird bei Remakes von ausländischen Filmen verfahren: Von den Originalen hat das amerikanische Publikum meist nie etwas gesehen oder gehört, da fremdsprachige Filme nicht synchronisiert und nur selten untertitelt werden. Ein filmkultureller Protektionismus, durch den Hollywood haufenweise starke Vorlagen ausschlachten kann. Oft wird den Regisseuren angeboten, ihre Filme mit US-Darstellern einfach noch mal zu drehen. Der Däne Ole Bornedal hat so seinen Leichenhaus-Thriller "Nachtwache" kopiert. Alejandro Amenábar aber hat es abgelehnt, seinen Mystery-Thriller "Abre Los Ojos" über Liebe, Mord, Sex und Trug selbst zu amerikanisieren. Diesen Job hat daraufhin Cameron Crowe übernommen.

Um den Ruch der Handlangerarbeit zu entgehen, spricht der einstige Rock'n'Roll-Schreiber und Regisseur von "Almost Famous" über sein Remake "Vanilla Sky" klangvoll von einer "Coverversion". Amenábar wiederum greift diese Formel auf und zollt dem Kollegen ein salomonisches Lob: Beide Filme seien derselbe Song, gesungen von verschiedenen Stimmen ­ der erste wie eine Oper, der andere wie Rock'n'Roll. Nun lässt sich dieses gewundene Statement ausnahmsweise sofort im Kino überprüfen. Denn der kleine Verleih Helkon führt "Abre Los Ojos", der 1997 in Spanien ein Hit war und mit acht Goyas prämiert wurde, aber damals in Deutschland kaum beachtet wurde, unter dem Titel "Open Your Eyes" parallel zu "Vanilla Sky" am selben Tag wieder auf. Ein schlauer Zug: Obwohl Vergleiche manchmal ungerecht ausfallen, sind sie ein legitimes, lästerliches Vergnügen.

Zumal sich Cameron Crowe wenig Mühe gegeben hat, die Nähe zum Original zu kaschieren. Sklavisch folgt er vom Anfang bis zum Ende ­ oder Note für Note ­ der Struktur und Schnittfolgen, die Amenábar vorgegeben hat, sogar viele Dialoge sind identisch. Mit Penélope Cruz, die wie bei "Abres Los Ojos" in derselben Rolle mit demselben Namen auftritt, hat er quasi die Sängerin gleich mit übernommen. Die Leadgitarre spielt aber nun Tom Cruise, Jason Lee ("Almost Famous") sitzt hinterm Schlagzeug, und Cameron Diaz steht als Bassistin etwas im Abseits.

Die Story eröffnet mit einem Täuschungsmanöver, das suggestiv in Thematik und Motive von Traum und Realität einführt. "Öffne deine Augen", säuselt die weibliche Computerstimme eines Weckers im luxuriösen Apartment von David Aames (Cruise). Er geht ins Badezimmer, betrachtet sich selbstgefällig im Spiegel, zupft sich nur leicht irritiert ein graues Haar aus und steigt schließlich in seinen schwarzen Ferrari. Es ist gegen 9 Uhr morgens, als er aus der Tiefgarage fährt, doch niemand sonst ist unterwegs. Es herrscht Totenstille in New York, selbst der Times Square ist wie ausgestorben. David hält an, rennt die Straßen entlang, und mit seinem Schrei beginnt die gleiche Sequenz noch einmal ­ mit einigen entscheidend veränderten Details.

David ist ein kaltschnäuziger Herzensbrecher und Millionenerbe eines Zeitschriftenverlages, den die Geschäfte ebenso wenig kümmern wie die Gefühle seiner Freunde und Freundinnen. Die Verführungsversuche von Ex-Model Julie (Diaz), seinem aktuellem Betthäschen, ignoriert er locker, als er auf seiner Geburtstagsparty Sofia (Cruz) erblickt. Die Tänzerin ist zwar mit Davids Freund Brian (Lee) liiert, aber der tritt sie mit einem Schulterzucken an Aames ab. Doch Sofia will mit David nicht ins Bett. Und nach einer Nacht in ihrer Wohnung, während der sie nur über Gott und die Liebe reden, ist David erstmals in seinem Leben wirklich verliebt. Draußen fängt ihn dann allerdings Julia ab. Sie überredet ihn, in ihren Wagen zu steigen, und steuert ihn in einem Eifersuchtsaffekt von einer Brücke. Der Unfall kommt ohne Explosion aus, nur das Knirschen des Blechs ist zu hören, dann folgt sekundenlange Stille.

Von da an bricht der Film mit allen Gewissheiten, jede Wahrnehmung verschwimmt. Julie könnte tot sein, während David plötzlich mit einer Latexmaske im Gefängnis sitzt. Der Unfall hat sein Gesicht entstellt, und der Psychiater McCabe (Kurt Russell) erklärt ihm, er habe einen Mord begannen. McCabe will, dass David sich erinnert. Der erzählt von seinem Martyrium, wie er von Sofia zurückgewiesen wurde, sich in seiner Wohnung verkroch und nach einer Operation doch noch mit Sofia zusammengekommen ist. Einen Mord will er nicht wahrhaben, und dass er jetzt im Gefängnis ist, hält er für einen Komplott der Anteilseigner seines Verlages, die ihn so loswerden wollen. Die Wahrheit ist natürlich eine ganz andere.

Mit dem Satz "Öffne deine Augen" wird häufig eine Hypnose beendet. Er ist aber auch der Spruch, den Sofia am häufigsten bringt. Mit teilweise kühner, aber auch allzu kühler Brillanz montiert Crowe zu den Fragen und Antworten über Narzissmus und Seele, Freundschaft und sorglosen Sex ein Mosaik aus sich überlappenden Zeit- und Bewusstseinsebenen. Dennoch findet er zu keiner Intimität gegenüber den Charakteren, die erstmals nicht von ihm stammen. Fast scheint es so, als habe er sich nur von Cruise zur Regie drängen lassen, der nach "Eyes Wide Shut" nun in einer ähnlichen Rolle einen Mystery-Hit wie "The Sixth Sense" wollte.

Bei Amenábar spielt der spanische Darsteller Eduardo Noriega einen Don Juan mit eher weichen Gesichtszügen und fast schon melancholischem Müßiggang. Cruise aber drängt sich mit enervierender Energie und gewohnter Selbstgefälligkeit als Playboy in den Vordergrund. "Abre Los Ojos" schafft mit Referenzen an Buñuel und Dali und religiösen Metaphern vom Sündenfall und Paradies eine surreale Atmosphäre. Crowe dagegen koppelt die Geschichte mit dem Einfluss der Oberflächlichkeit und den flüchtigen Eindrücken der Popkultur auf unser Ego. In diesen Momenten, wenn er eine Straßenszene in das Plattencover von "The Freewheelin' Bob Dylan" überblendet, die Songs von R.E.M, Radiohead, Jeff Buckley und den Chemical Brothers einsetzt, ein Hologramm von John Coltrane entwirft, einen Videoclip von Björk oder die Filmplakate von "Außer Atem" und "Jules & Jim" zeigt, ist er ganz bei sich selbst.

Aber auch damit entfernt sich Crowe letztlich von jedem eigenen Gedanken, beleiht nur die Inhalte und Lyrik anderer. So wirkt "Vanilla Sky", ursprünglich der Arbeitstitel zu "Almost Famous", wie ein Remix im Remake oder retrospektives Musikvideo. Wer also das Original nicht gesehen hat, könnte von "Vanilla Sky" recht angetan sein. Wer aber "Abre Los Ojos" kennt, braucht das Remake nicht zu sehen.

Da sich das Werk in den USA mit einem bisherigen Einspielergebnis von rund 80 Millionen Dollar jedoch ganz ordentlich hält, könnte Crowe ja demnächst mit Cruise und Cruz "Vom Winde verweht" als Rock'n'Roll-Melodram neu verfilmen ­ und Steven Soderbergh mit George Clooney und Julia Roberts "Citizen Kane" als zeitgemäß schickes Chill-out-Drama.

"Vanilla Sky", USA 2001. Regie und Drehbuch: Cameron Crowe; Darsteller: Tom Cruise, Penélope Cruz, Cameron Diaz, Jason Lee, Kurt Russell; Produktion: Cruise-Wagner Productions/Vinyl Films; Verleih: UIP; Länge: 130 Minuten; Start; 24. Januar 2002.


"Open Your Eyes" ("Abre Los Ojos"), Spanien/Frankreich/Italien 1997. Regie und Drehbuch: Alejandro Amenábar; Darsteller: Eduardo Noriega, Penélope Cruz, Fele Martínez, Najwa Nimri; Produktion: Sogetel, El Escorpion/Les Films Alain Sarde; Verleih: Filmwelt/Helkon; Länge: 117 Minuten.