"Vanity Fair": Viel Leid, kein Schneid - DER SPIEGEL
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"Vanity Fair" Viel Leid, kein Schneid

Wie dampft man 1000 Buchseiten auf 141 Minuten Filmminuten ein? Die Regisseurin Mira Nair hat es versucht und sich mit William M. Thackerays "Vanity Fair" ein Mammutwerk der Weltliteratur vorgeknöpft. Ein riskanter Versuch, der über seinen eigenen Anspruch stolpert.
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Becky Sharp - der Name ist Programm. Man muss scharfsinnig sein, wenn man geschnitten wird von der feinen Gesellschaft, die einen nicht haben will. Man muss Schneid haben, wenn man von der mittellosen Waise zum Star der Soireen und Gala-Diners aufsteigt. Und man muss wie eine Klinge die Intrigen jener durchkreuzen, die einen zu Fall bringen möchten. Becky, die Heldin von William Makepeace Thackerays Großroman "Vanity Fair", bewältigt dieses Aufstiegsabenteuer Mitte des 19. Jahrhunderts mit Charme, Schönheit und einem fast skrupellosen Gespür für die Schwächen ihrer Zeitgenossen.

Reese Witherspoon schien deshalb ideal für die Rolle: Als ehrgeizzerfressene Highschool-Aktivistin ("Election") und dickköpfige College-Schickse ("Natürlich blond") perfektionierte sie den Typus der Karrieristin, die sich mit herzigem Lächeln über alles hinwegsetzt - Gefühle, Menschen, Klassenunterschiede.

Die Regisseurin Mira Nair erschien den Produzenten vielleicht ebenfalls als Idealbesetzung für die Filmadaption des 1848 erschienen Werks. Wie Thackery wuchs sie in Indien auf, wie er kam sie in jungen Jahren nach England und nahm die Eigenheiten des Landes aus der Perspektive des Außenseiters wahr, der sich allmählich integriert. Nair ist zudem ähnlich erfolgreich wie ihre Protagonistin: Bereits ihr Debütfilm "Salaam Bombay!" wurde 1988 für den Auslands-Oscar nominiert und erhielt im selben Jahr die Camera d'Or in Cannes. Für "Monsoon Wedding" bekam sie 2001 den Goldenen Löwen in Venedig.

Ein großer Roman, eine exzellente Darstellerin, eine ausgezeichnete Regisseurin: Es hätte alles gut gehen können mit der Kinofassung dieses 1000-Seiten-Schmökers. Es ist ja schon einmal geglückt, einen Thackeray-Roman auf die Leinwand zu hieven: 1975 drehte Stanley Kubrick "Barry Lyndon", ein fulminantes Zeitbild aus dem 18. Jahrhundert. Anders jedoch als Kubrick will Nair nicht historische Strukturen abbilden, sondern ein Lebensdrama mit den Mitteln der Romantik entfalten. Doch taugt ein Charakter wie Sharp zur leidenden Liebesheldin?

Die US-Kritiker haben genau dies bemängelt: Dass Sharp zur braven Opferfigur abgestumpft wurde, zur hübschen Beute skrupelloser Männer und ungnädiger Zeitläufte. Tatsächlich stellt sich Nairs Adaption gegen den satirischen Zug der Vorlage: Die Heldin absolviert die Stationen ihrer sozialen Klettertour nach oben mit artiger Ergebenheit.

Zwar verdreht Sharp als Hauslehrerin des Landadligen Pitt Crawley (Bob Hoskins) nicht nur dessen schwerreicher Schwägerin Matilda (Eileen Atkins), sondern auch dessen Neffen Rawdon (James Purefoy) mit Koketterie und Kalkül den Kopf. Doch spätestens nachdem sie den Aristokraten geheiratet hat, häufen sich die Schicksalsschläge: Rawdons Spielsucht ruiniert den Haushalt, Napoleon marschiert auf Waterloo und Graf Sterne (Gabriel Byrne), Sharps mächtiger Gönner, will sich seine finanzielle Zuwendung nicht mehr nur mit einem Lächeln entlohnen lassen.

Am Ende bleibt Sharp nur der Frondienst in einem Baden-Badener Spielsalon. Erlöst wird sie - Reminiszenz an Nairs Herkunft - von einem Kolonialbeamten, der sie nach Indien bringt. Das Schlussbild zeigt die Herabgewürdigte dann wieder ganz oben - prächtig herausgeputzt auf einem Elefanten. All dies ist sehr hübsch anzuschaun: Nair ist eine großartige Bildgestalterin, die Farben, Licht und Ausstattung effektvoll einzusetzen versteht.

Doch die Geschichte hat sich da längst verflüchtigt im Rundgang durch die Kulissen eines Buches, dessen panoramatisches Auffächern einer Ära nicht aufs Dilemma einer Figur verkürzt werden kann. Genau dies aber muss filmisches Erzählen, zumindest in seinen gängigen Formen, leisten: die Entwicklung einer Story, die Zuspitzung von Konflikten. Dafür aber hält sich Nair zu streng ans literarische Original; die Dramaturgie wird ersetzt durch episodische Aneinanderreihung. Dies - und weniger die Umdichtung von Sharp zur liebreizenden Heldin - nimmt "Vanity Fair" die Schärfe.


"Vanity Fair - Jahrmarkt der Eitelkeit" ("Vanity Fair")

Großbritannien/USA 2004. Regie: Mira Nair. Buch: Matthew Faulk, Mark Skeet, Julian Fellowes. Darsteller: Reese Witherspoon, Eileen Atkins, Jim Broadbent, Gabriel Byrne, Romola Garai, Bob Hoskins. Produktion: Tempesta Films, Granada Film. Verleih: Universum. Länge: 141 Minuten. Start: 31. März 2005