Venedig-Tagebuch: Die Johnny-Show - DER SPIEGEL
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Venedig-Tagebuch Die Johnny-Show

Heulen und Zähneklappern am Lido: Wenn Superstar Johnny Depp in Venedig auftaucht, bleibt kein Auge trocken - vor Begeisterung. Überraschungen gab es mit "Freischwimmer" und "The Nines" eher in den Nebenreihen.
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In den letzten Tagen eines großen Filmfests passiert nicht mehr besonders viel, heißt es immer. Auf Venedig trifft das in diesem Jahr allerdings so gar nicht zu, denn dem Festival auf dem Lido ist gestern Johnny Depp passiert. Davon sind hier alle noch ganz benommen. Wer sich gestern Abend unvorsichtigerweise auch nur in der Nähe des Festivalpalasts aufgehalten hat, hat sie noch im Ohr, die verzweifelten Schreie, das hysterische Kreischen, als der sonst so öffentlichkeitsscheue Superstar den roten Teppich betreten hat. Vor seinen Augen die vor Tränen verzerrten Gesichter junger Mädchen, deren Lippen immer wieder nur ein Wort formen: Johnny.

Er war gekommen, um seinem alten Kumpel und Lieblingsregisseur Tim Burton den Goldenen Ehrenlöwen für generelle Großartigkeit zu überreichen. Ein bisschen gemein war es ja schon, dass Johnny natürlich die größere Aufregung verursachte, aber Tim Burton wird es gewohnt sein, sich von seinem Protagonisten aus "Sleepy Hollow", "Ed Wood" und bald "Sweeney Todd" die Show stehlen zu lassen. Wenigstens wirkten sie beide sympathisch nervös, als sie da nebeneinander auf der Bühne des Festivalpalastes standen, und die Laudatio von Johnny Depp fiel angenehm kurz aus.

Er nestelte ein bisschen an seinem Bart herum, nuschelte was davon, dass er nicht wisse, wohin mit seinen Händen, verschränkte sie schließlich hinter seinem Rücken und sprach: "Tim ist mein Lieblingsregisseur, er ist mein Freund, also geben wir ihm das Ding!" Dann nahm er den goldenen Löwen von seinem roten Podest und drückte ihn Tim Burton in den Arm. Der war wie immer ganz in Schwarz gekleidet, einschließlich Krawatte, und vor diesem Hintergrund schien das Tier noch ein bisschen mehr zu glänzen. Burton winkte stolz und etwas scheu ins Publikum – möglicherweise winkte er auch nur seiner im siebten Monat schwangeren Frau Helena Bonham Carter zu, die oben im Rang in der ersten Reihe saß und etwas unglücklich aussah.

Vielleicht weil ihre dunkle Strumpfhose vom rechten Knie abwärts eine große Laufmasche hatte. Johnny Depp, in eierschalfarbenem Sakko und schwarzer Smoking-Hose, beides wie immer viel zu groß und fatal an Jim Carreys Kostüm aus "Die Maske" erinnernd, machte die Sache auch nicht besser, als er schließlich links neben ihr Platz nahm und sie sofort auf das Loch ansprach. Gentleman-like war das nicht. Dabei hätte sich Bonham Carter keine Sorgen machen müssen: Das kleine Malheur gab ihr den perfekten Gothic-Touch, der sie so unverwechselbar macht.

Es blitzt und blinkt - in den Nebenreihen

Neben der großen Johnny-Show gab es in Venedig natürlich auch wieder reichlich Filme zu bestaunen, die interessanteren allerdings eher in den diversen Nebenreihen, als im offiziellen Wettbewerb. "Freischwimmer" von Andreas Kleinert zum Beispiel läuft im sonst recht unauffälligen Programm der Autorentage und hat es trotzdem schon zu einiger wohlwollender Aufmerksamkeit gebracht, und das obwohl er als einer der wenigen deutschen Beiträge schon als richtiger Exot gilt.

Doch die kleine, liebenswert erzählte Geschichte um einen einsamen Jungen in einer süddeutschen Kleinstadt und einen mysteriösen Mordfall in der Umkleidekabine des örtlichen Schwimmbads blitzt und blinkt vor absurden Ideen und kreativer Energie, eben das, was bei dem ein oder anderen Werk aus dem offiziellen Wettbewerb schmerzlich vermisst wird. Allein August Diehl als geheimnisvoller Deutsch- und Kunstlehrer mit merkwürdigen Hobbies macht "Freischwimmer" zu einem bedingungslos unterhaltsamen Spaß.

Noch spannender ist "The Nines" von John August, der in der Reihe der Kritikerwoche läuft – ein dreiteiliger Episodenfilm, in dem der großartige Ryan Reynolds einen überspannten Fernsehstar, einen Drehbuchschreiber und einen Videospiele-Entwickler spielt und am Ende dem Rätsel seiner Existenz auf der Spur kommt. Ein durch und durch fesselndes Kino-Erlebnis, da macht es nicht viel dass die Auflösung am Ende etwas banal ausgefallen ist.

Als Cop ganz Ohr

Und sonst? Ach ja, der Wettbewerb. Mittlerweile wurde auch der traditionelle Überraschungsfilm gezeigt, den man in Venedig immer auf der Rechnung haben muss, im letzten Jahr hat mit "Still Life" schließlich eben dieser am Ende den Goldenen Löwen gewonnen. Diesmal gab es "Mad Detective" von Johnnie To und Wai Ka Fai aus Hong Kong, in dem ein brillanter wenn auch ziemlich geisteskranker Ex-Cop aus dem vorzeitigen Ruhestand geholt wird, um eine Serie an Morden aufzuklären, die immer mit einer Polizeiwaffe begangen wurden. Sein Vorteil: Er sieht jedem Menschen seine wahren inneren Persönlichkeiten an und weiß so fast immer, was sein Gegenüber so umtreibt. Der Nachteil ist, dass er dabei nicht immer ganz der Realität verhaftet ist und sich in schlechten Momenten auch schon mal ein Ohr abschneidet, um es einem Kollegen zu schenken.

Der große Wurf ist "Mad Detective" auch nicht, aber immerhin hat er diesem bierernsten, gemächlich dahingleitenden Wettbewerb etwas Humor und vor allem Tempo geschenkt. Ein bisschen Schwung ist bitter nötig. Wenn Johnny Depp morgen wieder abfliegt, ist das Kino wieder ganz auf sich gestellt.