"Volver": Wer braucht schon Männer? - DER SPIEGEL
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"Volver" Wer braucht schon Männer?

Sollen die Macho-Männer doch in ihrer Gruft bleiben: Mit seinem neuen Film "Volver" feiert der spanische Star-Regisseur Pedro Almodóvar die Auferstehung der Weiblichkeit - und holt die grandiose Penélope Cruz zurück ins europäische Arthouse-Kino.
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Das Gespenst liegt im Kofferraum und weint. Vor vielen Jahren ist Irene bei einem Brand gestorben; nun ist sie zu den Lebenden zurückgekehrt, weil noch ein paar Dinge in Ordnung gebracht werden müssen. Die Totgeglaubte hat sich ins Auto ihrer jüngeren Tochter geschmuggelt, auf dass sie niemanden mit ihrer geisterhaften Wiederkehr erschrecke, und jetzt hört sie in ihrem Versteck ihre ältere Tochter herzerweichend zu Flamenco-Gitarren die Liedzeile singen: "Que veinte años no es nada", 20 Jahre sind nichts. Die ganze magische Kraft des Kinos in einer einzigen Szene: Alles ist ewig.

"Volver", zurückkehren, hat Pedro Almodóvar seinen neuen Film genannt. So wie den alten Tango, den der spanische Regisseur hier in einer Flamenco-Version von seiner Hauptdarstellerin Penélope Cruz anstimmen lässt. Nichts vergeht, alles kommt wieder. Auf diese Weise ist das komische Melodram eine Hymne auf den Mut und die Strahlkraft der Frauen geworden, denen männliche Zumutungen ebenso wenig anhaben können wie die Gesetze der Zeit. Es geht um drei Generationen Frauen - lebende, tote oder vermeintlich tote -, die sich von maskulinen Anmaßungen befreien und nun in einem von unnützen Männern gesäuberten Zwischenreich die späte Familienzusammenführung proben.

20 Jahre sind nichts, diese Zeile aus dem Tango "Volver" hallt den ganzen Rest des Filmes nach. Wobei auch Cruz’ gespenstisch schöne Gesangsnummer noch einmal untermauert, dass männliche Präsenz in diesem Frauenkosmos überflüssig ist: Der Text wurde von Alfredo Le Pera für den argentinischen Tango-Star Carlos Gardel geschrieben. Das Team eroberte Anfang der dreißiger Jahre den Tonfilm für den Tango. Doch kurz nachdem sie ihr "Volver" aufgenommen hatten, starben La Pera und Gardel 1935 gemeinsam bei einem Flugzeugunglück. Das Lied hat den beiden Männern kein Glück gebracht, nun wird es von einer Frau in seiner ganzen Pracht präsentiert.

Nichts vergeht, alles kehrt wieder. Nur die Männer, sie sind weg - und kommen in Almodóvars "Volver" auch nicht zurück. Sie liegen unter schweren Grabplatten, über die ein rauer Ostwind fegt. Oder schlummern, nachdem sie mit dem Küchenmesser aus dem Familienalltag entfernt worden sind, in der Tiefkühltruhe.

"Volver" ist ein Frauenfilm geworden, wie er wohl nur von einem schwulen Mann gedreht werden kann. Von einem Mann, der die Frauen liebt, aber nicht begehrt. Nur so jemand kann die weibliche Schönheit feiern und ausstellen, ohne die Figuren noch in den verfänglichsten Kameraeinstellungen zum Objekt zu degradieren.

Einmal schaut Almodóvar zum Beispiel Penélope Cruz aus Küchenlampenperspektive unverschämt tief ins Dekolleté - während er sie beim Gemüsehäckseln zeigt. Ausgerechnet in dieser Haushaltsroutine manifestiert sich ein Stolz, der auf eine weibliche Autonomie jenseits der üblichen Heim-und-Herd-Logik verweist. Schließlich wurde kurz zuvor mit den gleichen geübten Griffen das blutige Malheur beseitigt, das sich nach der unvermeidlichen Tötung des Gatten eingestellt hatte.

Sterben musste der Mann, weil er sich an der 15-jährigen Tochter (Yohana Cobo) vergehen wollte; die griff zum Küchenmesser und erstach den Peiniger. Mutter Raimunda (Penélope Cruz) entsorgt die Leiche darauf so pragmatisch wie patent. Vielleicht hat ihr kühles Vorgehen ja mit dem problematischen Verhältnis zu tun, das sie einst zu ihren eigenen Eltern pflegte. Die starben vor langer Zeit bei einem jener Flächenbrände, welche die Region La Mancha im trockenen und windigen Süden Spaniens regelmäßig heimsuchen. Doch nun kehrt Raimundas Mutter Irene (Carmen Maura) aus dem Totenreich zurück, um ihren Kind die schmerzlich vermisste Liebe zukommen zu lassen.

Was sich in der Nacherzählung wie eine tragikomische Spukgeschichte ausnimmt, wird in der Inszenierung von Almodóvar zu einem hochkomplexen Melodram, in dem er seine Heldinnen selbst dann mit unantastbarer Würde ins Bild setzt, wenn er sie sich als furzende Geister unter dem Bett verstecken lässt.

Die gewagte Konstruktion dieses Frauendramas, dessen drollige Parapsychologie sich am Ende in extrem präzise Psychologie wendet, geht voll auf. Was nicht nur an dem traumwandlerisch sicher aufspielenden weiblichen Ensemble liegt (in Cannes mit der Palme geehrt), sondern auch an dem Umstand, dass sich das Thema Rückkehr auf ganz unterschiedliche Weise in den Film eingeschrieben hat.

Zum einen kehrt hier nämlich die große Carmen Maura als Muttergespenst zu ihrem einstigen Hausregisseur Almodóvar zurück, mit dem sie seit "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" im Jahr 1988 nicht mehr zusammengearbeitet hat. Desweiteren kehrt Penélope Cruz zum europäischen Arthouse-Kino zurück. Nachdem man sie in Hollywood eher als Schmuckwerk neben männliche Helden drapierte, darf sie wieder gleichermaßen aktiv und attraktiv agieren - mit dem Gang einer Anna Magnani, der die Typen auf der Straße respektvoll zur Seite springen lässt.

Und schließlich kehrt Filmemacher Almodóvar zurück in seine Heimatregion La Mancha, wo der steife Ostwind desaströse Brände auslöst, aber mit der gleichen Kraft die Erinnerung entfacht. Nichts vergeht, alles kehrt wieder. Und so verarbeitet der Regisseur in seinem vielleicht persönlichsten Werk sowohl die einst gefühlte Bedrohung durchs Patriarchat als auch die Geborgenheit, die er bei den Frauen seiner Kindheit fand. Man darf es auch so formulieren: Almodóvar hat einen wunderbar männerfeindlichen Film gedreht.

Am Anfang von "Volver" sieht man, wie Dutzende von Witwen auf dem Friedhof zärtlich die Grabstätten ihrer verstorbenen Gatten pflegen. Gegen Ende liest man diese Aufopferungsbereitschaft dann allerdings als Selbstschutzmaßnahme: Sollen die toten Machos bloß in ihrer Gruft bleiben!

Die Frauen aber, sie dürfen bei Almodóvar auferstehen und ewig leben.