"Wahnsinnig verliebt" Madonna oder Hexe, Mutter oder Vamp
Liebe, Leidenschaft und Wahnsinn bilden ein leinwandtaugliches Ensemble; das Kino hat sie gern und ausgiebig ins Zentrum vieler Geschichten gerückt. In ihrem Spielfilmdebüt erzählt die junge Regisseurin Laetitia Colombani das alte Drama von der alles verzehrenden Liebe zunächst ohne Schnörkel und Manierismen.
Angélique, gespielt von "Amélie"-Star Audrey Tautou, liebt Loic (Samuel Le Bihan). Sie ist jung, Kunststudentin mit einem Kneipenjob. Er arbeitet als Kardiologe, ist erfolgreich und verheiratet. Die erste Hälfte des Films begleiten wir Angélique beim Schmachten, Hoffen und Verzweifeln - eine klassische Amour fou, die in Gewalt und Entzweiung endet.
Dann die dramatische Volte: Noch einmal läuft das Geschehene ab, doch diesmal erscheint die verhängnisvolle Affäre aus einer anderen Perspektive. War Angélique vielleicht gar nicht die rehäugige Unschuldige, vom egoistischen Liebhaber ausgenutzt und abgewiesen? Und ist sie vielleicht entscheidend beteiligt am Unglück des Arztes, der am Ende sogar unter Mordverdacht gerät?
Zweimal dieselbe Geschichte, jeweils aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt: eine schöne Reflexion nicht nur über das Geheimnisvolle der Liebe, sondern auch über die Relativität des Kinobilds. Denn dies macht ja eigentlich den Reiz des Mediums aus: dass es mit unserer Wahrnehmung spielen, uns belügen, irreführen und verunsichern kann - und alles auch noch zu unserem Vergnügen.
Gegen die Konventionen einer simplen Erzähllogik setzt "Wahnsinnig Verliebt" also eine Dynamik der Differenz: Dasselbe Bild kann in einem anderen Kontext eine andere Bedeutung annehmen; was wirklich und wahr ist, löst sich auf zwischen den Projektionen. Ein gutes, ein ambitioniertes Konzept, nur, dass man den ideologischen Zwang zu Geschlossenheit und Konsistenz nicht einfach los wird, indem man dessen angestammten Ausdruck - die lineare Erzählform - zum Teufel jagt.
Leider spaltet das zweimal gezeigte Liebesunglück das Weibliche erneut in die zwei stereotypen Bilder: das der jugendlichen Unschuld und das der femme fatale. Madonna oder Hexe, Mutter oder Vamp - von der Bühne unserer kulturellen Imagination ist dieses dualistische Schema scheinbar nicht wegzukriegen. Es kennt Weiblichkeit nur in idealisierter oder dämonisierter Gestalt. Für Zwischentöne ist kein Raum.
Dass "Wahnsinnig verliebt" nicht ganz in die Falle eines Denkens läuft, das auf unkritischen Gegensätzen basiert, liegt an seiner Pointe. Am Ende wartet eine schöne, böse Überraschung auf den Zuschauer, und Colombani präsentiert ihre Heldin - jenseits von Pathologie und Herzschmerz-Romantik - als souveräne Akteurin zwischen Liebe und Leidenschaft, Kunst und Wahn.
"Wahnsinnig verliebt" ("À la folie ... pas du tout"). Frankreich 2002; Buch und Regie: Laetitia Colombani. Darsteller: Audrey Tautou, Samuel Le Bihan, Isabelle Carre, Clement Sibony; Produktion: Cofimage 12, TF1 Films, TPS Cinéma, Téléma; Verleih: Prokino; Länge: 100 Min.; Start: 29. August 2002