"Weißer Oleander" Blumig bis blutig
Der weiße Oleander ist dekorativ und tödlich. Denn mit seinen Blüten lässt sich vortrefflich Gift mischen und einen Liebhaber ins Jenseits befördern. So macht es Ingrid (Michelle Pfeiffer), die Künstlerin und femme fatale, die sich selbst gern als Wikingerin bezeichnet. Und so blond und martialisch wie das nordische Kriegsvolk marodiert sie denn auch durch ihr Leben aus großen Gefühlen und ausladenden Gesten.
Michelle Pfeiffer meldet sich nach längerer Pause zurück mit dieser Literaturverfilmung, in der neben ihr noch zwei weitere Hollywood-Größen brillieren: Renée Zellweger, derzeit mit dem Musical "Chicago" im Oscar-Rennen, und Robin Wright-Penn, die im Schatten glamouröser Leinwand-Queens à la Julia Roberts und Gwyneth Paltrow zur überragenden Charaktermimin reifte. In "Weißer Oleander" verkörpern sie die Klischees weiblicher Identitätsge- und -verbote: die grausame Schöne, die zartfühlend Verwirrte und die taffe Herzensgute.
Holzschnittartig rahmen sie den Lebensweg jener anderen Figur, die im Zentrum der Geschichte steht: Astrid (Alison Lohman), Ingrids Tochter, die nach der Verhaftung der Mutter eine Odyssee durch Heime und Pflegefamilien antritt. Erst strandet sie bei Starr (Wright Penn), der bibelfesten Ex-Stripperin, dann bei Claire (Zellweger), der vom erfolgreichen Ehemann vernachlässigten Luxusgattin, schließlich bei Rena (Svetlana Efremova). Die russische Immigrantin und Selfmade-Frau lehrt ihre Schützlinge das Einmaleins des Kapitalismus: Jeder ist sich selbst der Nächste. Bei ihr wird Astrid lernen, sich gegen die Rabenmutter zu wehren und deren zerstörerischen Einfluss abzuschütteln.
Hass stärkt dich, Liebe macht dich schwach, betont Ingrid immer wieder, und Astrid droht, an diesem Lebensmotto zu zerbrechen. Noch aus dem Gefängnis heraus intrigiert Ingrid gegen die Pflegemütter der Tochter; die gläubige Starr und die weichherzige Claire sind für sie Verkörperungen des Schwachen, das gestoßen werden muss. In Ingrid betritt ein eigenwilliger Mischtypus die Leinwand: die femme fatale zwischen Herrenreiter und Muttertier. Ingrid infiltriert die zarte Mädchenseele mit der Großmannssucht des künstlerischen Übermenschen und duldet keine Göttin neben sich - eine neurotische Nemesis, die es in solch stilisierter Form nur auf der Leinwand geben kann. Ihr gegenüber stehen die Opfer - auch sie allegorische Überzeichnungen der Kinophantasie, an deren Konturen sich mehr das auf simplen Gegensätzen basierende Stilprinzip des Genrekinos als aktuelle Befindlichkeiten ablesen lassen.
Dass "Weißer Oleander" letztlich nicht zum blumigen Drama verkommt, liegt vor allem an Alison Lohman. Unprätentiös, präzise und überraschend unbeeindruckt von ihren Starkolleginnen gibt sie die sich langsam befreiende Tochter. Tatsächlich lässt sich an Lohman die Entfaltung einer Darstellerin bewundern, deren Leinwandpersona noch nicht imprägniert ist mit Ruhm und bestimmten Erwartungshaltungen. Und so präsentiert "Weißer Oleander" in seinen besten Momenten die tödliche Wucht familiärer Zwangs- und Schuldzusammenhänge, in seinen schlechtesten lediglich das Dekorum routinierten Starkinos.
"Weißer Oleander" ("White Oleander"). Regie: Peter Kosminsky. Buch: Agnes Donoghue. Nach einem Roman von Janet Fitch. Darsteller: Alison Lohman, Robin Wright Penn, Michelle Pfeiffer, Renée Zellweger, Svetlana Efremova. Produktion: Warner Bros., Pandora Filmproduktion, Gaylord Films; Verleih: Tobis Studio Canal; Länge: 110 Min.; Start: 6. Februar 2003