"Weit weg": Die große Illusion - DER SPIEGEL
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"Weit weg" Die große Illusion

Liebe, Sehnsucht, Heimatsuche: Mit sinnlichen Bildern und schmerzhaften Lebensschicksalen erzählt der französische Regisseur André Téchiné in seinem Film "Weit weg" eine kosmopolitische Geschichte in Tanger.
Von Oliver Hüttmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Heimat ist ein universelles Gefühl. Heimat kann ein Land sein oder auch nur ein Landstrich, wo man geboren wurde, Wurzeln schlägt, sich geborgen fühlt oder wie in einem Gefängnis. Heimat kann auch für eine Person stehen, Glaube, Liebe, pures Glück an jedem Ort der Welt. Und so ist Heimat vor allem immer Sehnsucht, also Bezugs- und Fluchtpunkt, Stillstand und Rastlosigkeit zugleich. Diese vielfältigen Definitionen und Emotionen hat nun der Franzose André Téchiné in "Weit weg" zu einem Schicksalsdrama verknüpft, bei dem Tanger nur eine exemplarische Kulisse darstellt, vor der sich persönliche Konflikte zwischen Traditionen und globalen gesellschaftlichen Strömungen und Auflösungsprozessen widerspiegeln.

Die Heimat von Serge (Stéphane Rideau) ist sein Sattelschlepper, ein modernes, fast schon autarkes Vehikel, mit dem er beständig zwischen Frankreich und Marokko pendelt. Auf den Touren hält der verschlossene Fernfahrer jeweils für kurze Zeit in Tanger bei seiner Freundin Sarah. Wenn Lkw und Ladung durch den Zoll sind, bricht er sofort wieder auf. Doch nun will sie ihn nicht mehr sehen. Verbittert, ja wie lebensmüde lässt Serge sich mit marokkanischen Drogenhändlern ein, deren Ware er in seinem Wagen aus dem Land schmuggeln soll. Dann versucht er aber doch noch Sarah zurückzugewinnen und überredet den jungen Said, jener solle sie während seines Aufenthaltes von einem Treffen mit ihm überzeugen.

Said (Mohamed Hamaidi) stammt aus Marokko, will aber nach Spanien. Dazwischen liegen die Meerenge von Gibraltar und der Truck von Serge, in dem er über die Grenze zu kommen glaubt. Denn sein einziger Besitz ist ein Fahrrad. Und wie viele seiner Landsleute, die Vögeln ähnlich dicht gedrängt auf den Mauern vor dem abgesperrten Hafen hocken, späht er oft über das Wasser. An klaren Tagen kann man das spanische Festland erblicken. Seit der elternlose Bub aus der Provinz von Sarahs Mutter aufgenommen wurde, arbeitet er als Laufbursche in der kleinen Familienpension, die überwiegend von Flüchtlingen aus Zentralafrika frequentiert wird. Nun aber ist die Mutter verstorben und Sarah überlegt, das Hotel aufzulösen und Said auszuzahlen. Der schmollt, fürchtet um die letzte Bindung, fühlt sich abgeschoben.

Sarah (Lubna Azabal) ist Jüdin. Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie ihre Haare abgeschnitten und ihrem Bruder versprochen, die ungewisse Beziehung zu Serge zu beenden. Ihr Bruder hat es in Kanada zu Wohlstand gebracht und möchte sie zu sich holen, damit sie studiert. Doch als sie Serge noch einmal begegnet, bricht sie ihr Trauergelübde und die Leidenschaft wieder durch. Sie möchte ihn heiraten, doch er muss das Drogengeschäft abwickeln und weist sie nun wiederum zurück. Zudem erscheint ihre Schwägerin Emily (Yasmina Reza), eine plappernde Schickeriatante, die mal eine Zeit ohne ihren Gatten genießen will und von Internet-Cafés aus E-Mails nach Australien schickt. Und über Tanger fliegen die Zugvögel vorüber.

Drei Tage lässt Téchiné seinen drei Hauptfiguren, in denen sich ihre Sehnsüchte erfüllen oder Illusion bleiben werden. Jeder steht vor großen Entscheidungen, vor dem Aufbruch, und doch zieht es alle immer wieder zu etwas, das sie nicht missen möchten. Unaufdringlich, ruhig und einfühlsam führt Téchiné die mäandernden Themen, Metaphern und Reflexionen, Gefühle, Religionen und Probleme in einem ebenso bewegenden wie geistreichen Fluss der Kulturen zusammen. Mit dem alten englischen Dauertouristen James (Jack Taylor), der politisch und philosophisch über Marokkos Entwicklung räsoniert und wie ein verbliebener, liebevoll wirrer Kolonialist wirkt, und dem jungen, sanften, womöglich schwulen François (Gael Morel), der mit Said einen Dokumentarfilm über die Aus- und Einwanderer drehen möchte, droht seine fragile Konstruktion zwar zu bersten. Doch Téchiné schafft es stets, die Elemente organisch zu verknüpfen. Aus Serges Schwierigkeiten mit den Drogendealern und Saids verzweifelten illegalen Einreiseversuchen schöpft er sogar enorme kriminalistische Spannung.

Bei einem Picknick schildert François eine Szene aus Jean Renoirs Indien-Epos "Der Strom". Es war dessen erster Farbfilm, der auch von der Zeit, Veränderungen und Entscheidungen handelte. Téchiné hat für "Weit weg" erstmals mit digitaler Videokamera gedreht, trotzdem aber unscharfe, hektische Optik vermieden. Wunderschön, sinnlich, in gleißenden Farben und mit überwältigenden Bildern fächert er seine offene, hoffnungsvolle Geschichte auf, die so klein und zart ist wie ein Herz und dennoch so gewaltig und mitreißend wie ein Erdbeben.

"Weit weg" ("Loins"), F 2000. Regie: André Téchiné; Drehbuch: André Téchiné, Faouzi Bensaidi; Darsteller: Stéphane Rideau, Lubna Azabal, Mohamed Hamaidi, Jack Taylor, Geal Morel, Yasmina Reza, Nabila Baraka; Länge: 120 Minuten; Produktion: Said Ben Said; Verleih: Alamode; Start: 12. September 2002