Alt-Vampire im Interview: "Jungfrauen, lebensfroh und neugierig"
Wenn Vampire lästern "Der Werwolf muss ins Heim!"
Edward und Bella auf der Zielgeraden: Millionen Teenager gehen ins Kino, sehen sich "Bis(s) zum Ende der Nacht" an und warten danach in dunklen Straßenecken auf den erlösenden Biss eines Vampirs. Herrliche Zeiten für Blutsauger: Sie sind das neue Kulturideal, die Manieren von Knigge, das Aussehen von James Dean.
Das war nicht immer so. Jene, die ihren Tag nicht bei StudiVZ oder mit dem Anhimmeln von Justin-Bieber-Plakaten verbringen, erinnern sich: Es gab einmal stolze, schreckliche, furchteinflößende Vampire. Kreaturen der Nacht, ohne Moral, aber mit Biss. Wo sind sie geblieben?
Beim Zahnarzt. Ja, richtig gehört: Dr. Hauchberger, Hömelweg 4b, Berlin-Steglitz (bei Melnikow klingeln, aber nur einmal, sonst wird er sauer). Da treffen sich regelmäßig die großen Vampirdarsteller. Der guten alten Zeiten wegen. Und weil Berlin in puncto Transferleistungen und Zahnersatz immer noch einsame Spitze ist.
Bela Lugosi (alle Klassiker des Genres vor 1950), Gary Oldman ("Dracula" von Francis Ford Coppola), Klaus Kinski ("Nosferatu", das Remake), Christopher Lee ("Blut für Dracula", "Dracula jagt Minimädchen") und Max Schreck, der erste Nosferatu, das Original. Bei diesen Männern gibt es keinen Unterschied zwischen Rolle und Wirklichkeit. Mit Leib und Seele (wenn sie vorhanden wäre) sind sie Vampire.
Und jetzt kommt so ein Bubi wie Edward daher, und alle stehen Kopf! Was sagen die wahren, unsterblichen Beißkünstler dazu? Getarnt mit einer gut sitzenden Parodontose lauschte unser Autor nach Einbruch der Dunkelheit im Wartezimmer.
Lee (tippt auf den Titel einer Frauenzeitschrift): Ist das nicht der Dings?
Oldman: Edward.
Lee: So einer geht jetzt als Vampir durch?
Kinski: Blutleere Pfeife! Hat noch nie wirklich in 'nem Sarg geschlafen!
Oldman: Der ist Vegetarier.
Kinski: Klar, weil im Menschen sind zu viele Schadstoffe drin. Hat sicher Angst vor Allergien.
Oldman: Oh, meine Liebe, Ihr Organismus ist aber doch hoffentlich biozertifiziert?
Kinski: Loser!
Lee: Blutspender!
Oldman: Mundduscher!
Kinski: Spangenträger!
(Alle lachen.)
Bela Lugosi betritt den Raum, Max Schreck im Rollstuhl hinterher.
Lugosi: Was amüsiert die Herren?
Lee: "Twilight".
Schreck: Beileid?
Lugosi: Nein, Max. (Sehr laut): "Twilight"! Dieser neue Vampirkitsch mit dem Jüngelchen.
Kinski: Kann der nicht auch am Tag raus?
Oldman: Klar, im Dunkeln findet der den Weg nicht.
Lee: Hat Angst, nach 'ner Nachtschicht im Sarg zu liegen.
Kinski: Und der glitzert so komisch in der Sonne.
Oldman: Vampir, jetzt auch von Swarowski!
Die Sprechstundenhilfe bringt neue Zeitschriften, darunter Bunte und Bravo.
Lee: Wie heißt doch gleich diese schwer erziehbare Tussi, die nie Sex hat?
Kinski: Bella.
Oldman: Doch, die haben jetzt Sex.
Lee: Wer's glaubt.
Lugosi: Ach, zu meiner Zeit: Jungfrauen, unschuldig, aber lebensfroh und neugierig!
Schreck: Wer ist schwierig?
Lugosi: Nein, Max. Neugierig! Die Frauen damals. (Singt:) Hals über Kopf bin ich verliebt/ Hab mit den Beißern sie zersiebt!
Kinski: Und jetzt: Hanni und Nanni für Vampire.
Oldman: Horror für alle, denen Harry Potter zu hart ist.
Kinski: Was sollen eigentlich diese Werwölfe?
Oldman: Früher ließ man sich von denen den Kaffee servieren, aber nicht das Babe ausspannen.
Lugosi: Einer meiner Enkel wünschte sich mal einen zu Weihnachten, aber nach drei Monaten war der so verzeckt, wir mussten ihn im Heim abgeben.
Schreck: Wir geh'n heim?
Lee: Wie kann eine auch nur einigermaßen kultivierte Frau mit einem Werwolf...
Kinski: Impotente Schwächlinge. Wir Vampire können immer, die nur einmal im Monat. Vollmond. Voll peinlich.
Lee: Im Film sind das ja Indianer.
Kinski: Winnetou meets Hui Buh.
(Alle lachen.)
Lugosi: Das kommt davon, wenn man nach Amerika zieht.
Kinski: Der totale Ausverkauf.
Lee: Was soll man von einem Land erwarten, wo sie mit 16 den Führerschein machen, aber keiner mit dir in die Kiste springt.
Lugosi: Transsylvanien, das ist wahre Heimat!
Schreck: Wer kommt zur Heirat?
Lugosi: Heimat, Max! Transsylvanien, Siebenbürgen, Rumänien!
Kinski: Ceausescu. Da war noch richtig Zug in der Truppe.
Schreck: Blut und Boden!
Lugosi: Max, bitte!
Lee: Wieso, er hat doch recht. Diktaturen sind für uns ideal.
Oldman: Fällt nicht auf, wenn jemand verschwindet.
Lee: Sind die Leute eh blass vor Angst.
Kinski: Aber heute, überall Demokratie.
Lugosi: Was ist mit Nordkorea?
Lee: Die sind so klein, in denen ist zu wenig drin.
Schreck: Es gibt Gin?
Kinski: Iran?
Oldman: Verschleierung! Ja, das hat was.
Lee: Überraschungsei-Effekt.
Lugosi (singt): Es kommt zu selten vor/ Ein Snack unterm Tschador!
Hier bricht das Gespräch ab, weil Lugosi aufgerufen wird ("Zimmer drei, und Finger weg vom Lidocain, Bela!"). Die anderen verfallen in brütendes Schweigen.
So bleiben die wichtigsten Fragen unbeantwortet: Wie beißen sich richtige Männer durch in Zeiten politisch korrekter Vampirsofties? Sind Frauen wirklich mehr als hübsch verpackte Blutkonserven? Taugt der Werwolf vielleicht doch zum Haustier - und wenn ja, wie kriegt man ihn stubenrein?