Wes Cravens "Verflucht" Der sich den Wolf dreht
Er lässt sadistische Psychopathen, marodierende Kannibalen, tiefenpsychologische Nachtgespenster, maskierte Popkultur-Schlitzer und neuerdings Werwölfe auf seine Zuschauer los. Doch "das erste Monster, welches das Publikum eines Horrorfilms erschrecken muss, ist der Filmemacher selbst": Mit diesem koketten Bonmot hat Autor und Regisseur Wes Craven sehr treffend Segen und Fluch seiner mehr als drei Jahrzehnte überdauernden Karriere im US-amerikanischen Genrekino beschrieben. Gleichgültig, ob der Name Craven dabei für verstörende Exploitation ("Last House on the Left", 1972), innovative Alptraumszenarien ("A Nightmare on Elm Street", 1984) oder hochpolierten Meta-Grusel ("Scream", 1996) stand - zwischen bahnbrechenden Erfolgen und veritablen Flops blieb er stets ein Synonym für filmgewordene Furcht.
Dieser Nimbus ermöglichte dem 1939 geborenen Geisteswissenschaftler und Filmautodidakten zwar zahlreiche Comebacks, doch gleichzeitig band ihn sein bleibender Ruf auf Gedeih und Verderb an das kreative Geschäft mit der Angst. Denn so wie die Protagonisten seiner aktuellen Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Kevin Williamson ("Scream") ist letztlich auch Craven "Cursed", verflucht, immer wieder zum Horror als Ausgangs- und Angelpunkt seiner Kinolaufbahn zurückzukehren.
Der Fluch der Fernsehgesichter
Nur - nomen est omen - liegt diesmal leider auch ein böser Bann auf dem dazugehörigen Film. Erschreckend ist hier nämlich allein die Einfallslosigkeit, mit welcher die geistigen Väter der "Scream"-Trilogie vergeblich versuchen, ihre Erfolgsformel aus blutigen Genrestandards, herziger Adoleszentenkrise und medialer Selbstbespiegelung vom Teenager-Slasher auf den altehrwürdigen Werwolf-Schinken zu übertragen.
Entsprechend bemüht geht es am plakativ gewählten Schauplatz Hollywood zu, wo die Vollmond-Kreatur gleich zu Beginn einen Autounfall verursacht und den drei Opfern der Karambolage nachstellt. Während die glücklose Becky (Shannon Elizabeth) im Unterholz zerteilt wird, können die TV-Produktionsassistentin Ellie (Christina Ricci) und ihr jüngerer Bruder Jimmy (Jesse Eisenberg) entkommen. Selbst von der spurlos verschwundenen Bestie leicht verwundet, durchlaufen die verwaisten Geschwister in den Tagen nach der Attacke eine sonderbare Wandlung: Sie entwickeln übernatürliche Kräfte, einen ungezügelten Appetit auf rohes Fleisch sowie ungehörigen Sex-Appeal. Dazu gibt es als schickes Unheilslogo ein mysteriöses Pentagramm auf die Handfläche.
Erwartungsgemäß handelt es sich hierbei um den hundertfach kolportierten Fluch des Werwolfs, der folgerichtig nur durch den Tod des mannshohen Ungetüms gebrochen werden kann. Doch hinter welchem Seriengesicht - denn wirklich alle männlichen Hauptdarsteller rekrutieren sich aus dem US-Fernsehen - verbirgt sich der Ur-Wolf? Ist es Ellies Kollege Kyle (Michael Rosenbaum aus der Superman-Serie "Smallville")? Ellies Schwarm Jake ("Dawsons Creek"-Bewohner Joshua Jackson)? Oder doch Jimmys missgünstiger Mitschüler Bo ("Gilmore Girls"-Star Milo Ventimiglia)?
Allein, nach einer halben Stunde lustfreien Wandelns durch die vertraute Staffage der "Scream-Filme" will es eigentlich niemand mehr wissen. Derart berechenbar stolpert der Film von einem müden Vexierspielchen zum nächsten abgehangenen Filmzitat, dass die in ihrer gequälten Doppelbödigkeit schon wieder altbackene Auflösung ruhig ein maues Geheimnis bleiben soll.
Recycelte Ratlosigkeit
Doch was mitnehmen von diesem Gipfeltreffen des Nachmittagsprogramms außer der Erkenntnis, dass sich der Fernsehschlaf dank "Verflucht" nun problemlos in den Kinosaal verlängern lässt? Zum einen der fromme Wunsch, nie wieder Williamsons unerträgliche "Dawsons Creek"-Rhetorik hören zu müssen, die grundsympathische Teenager in frühgreise, schwadronierende Hobby-Psychologen verwandelt.
Zum anderen die nüchterne Feststellung, dass vom schwarzweißen "The Wolf Man"(1941) über die knalligen Genrekolportagen "An American Werewolf in London" (1981) und "The Howling" (1981) bis hin zu Mike Nichols' kopflastigem "Wolf" (1994) nahezu jeder bisherige Leinwand-Lupo mehr Biss hatte als Cravens begossener Postmoderne-Pudel. Außerdem spielten Filme wie Neil Jordans "Zeit der Wölfe" (1984) ungleich konsequenter mit den sexuellen Subtexten des Mythos, und erst vor wenigen Jahren schuf die kanadische Horrorallegorie "Ginger Snaps" (2000) mit ihrer tragischen Teenager-Werwölfin ein faszinierendes Kinomonster aus pubertären Hormonwallungen und animalischer Verwandlung.
Wes Craven hingegen filmt sich vor lauter recycelter Ratlosigkeit zwar buchstäblich einen Wolf, findet aber sonst keinerlei Zugang zum Potential seines Sujets. Weder gelingt es ihm, ein ernsthaftes Verständnis für die adoleszenten Ängste zu entwickeln, die sich im Prozess der unmenschlichen Verwandlung so trefflich transportieren ließen, noch findet er die Bildsprache für ein drastisches Update des klassischen Monsterfilms.
Stattdessen schickt er Christina Ricci als armes Rotkäppchen auf Valium durch eine mühselig ironisierte Filmwelt, in der allein die Abwesenheit jedweder Inspiration für nachhaltiges Unbehagen sorgt. Dass der Regisseur und Autor Craven ebenso verloren wirkt, wundert indes kaum: Seine besten und beunruhigendsten Filme speisten sich nie aus dem märchenhaft Okkulten, sondern aus dem Wissen um den dunklen Unterbauch Amerikas, der hinter gutbürgerlichen Fassaden erbarmungsloses Grauen gebiert.
Zurück ins Blutbad
Während Craven früher ohne Rücksicht auf geltende Moralvorstellungen und Geschmacksgrenzen diese Fassaden einriss - was ihm die Abscheu vieler Sittenwächter und die Ehrfurcht eines hartgesottenen Publikums einbrachte -, wurde "Scream" von konservativen Horrorpuristen als Kompromiss mit dem Mainstream geächtet. Dabei wird gern übersehen, dass der selbstreflexive Reißer nicht nur eine bitter notwendige und höchst amüsante Abrechnung mit den reaktionärsten Spielarten des Genres bedeutete, sondern durch seinen immensen kommerziellen Erfolg den Horrorfilm aus dem Orkus der Video-Schmuddelecke befreite, in welchem er dank der seriellen Schlitzer in den achtziger Jahren gelandet war.
Heute gestaltet sich die Leinwandrenaissance des Grauens so vielfältig wie lange nicht mehr; sie reicht vom internationalen Erfolg asiatischer Geisterfabeln bis zur Wiederkehr des sozialkritischen Zombie-Spektakels. Aber gerade das momentane Comeback der harten Horrorschule mit Filmen wie Alexandre Ajas umstrittenem Blutbad "Haute Tension" zeigt, dass die Halbwertzeit der einst revolutionären "Scream"-Schule längst verstrichen ist. Auch Craven scheint dies zu wissen und produziert derzeit ein Remake von seinem stilbildenden Independent-Schocker "The Hills Have Eyes" - inszeniert vom Bilderstürmer Aja.
"Verflucht" bietet daher nicht den erhofften letzten Schrei fürs Horrokino, sondern nur reichlich Anlass, vor lauter Langeweile die Leinwand anzuheulen. Denn Bangemachen gilt wieder im Kino.
"Verflucht" ("Cursed")
USA 2004. Regie: Wes Craven. Buch: Kevin Williamson. Darsteller: Christina Ricci, Joshua Jackson, Jesse Eisenberg, Judy Greer, Scott Baio, Milo Ventimigli, Kristina Anapau, Portia De Rossi, Shannon Elizabeth. Produktion: Outerbanks Entertainment. Verleih: Buena Vista. Länge: 99 Minuten. Start: 21. April 2005.