Western-Remake Wenn Tod am Mann ist
Der Western ist ein herrliches Genre. Es wurde schon mindestens so oft wiederbelebt wie totgesagt und lebt so in seinem eigenen Mythos munter weiter. Immer wieder wagen sich beherzte Regisseure an einen Western, zuletzt der Australier Andrew Dominik mit seiner poetischen Ballade "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" . Der Western mit seinen klaren Fronten und kargen Landschaften eignet sich eben hervorragend als Leinwand für die kontrastreiche Analyse amerikanischer Mythen. Individualismus, Pioniergeist, Entrepreneurtum, Begriffe, die stets auf eine griffige Formel zu bringen sind: Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.
Russell Crowe als Outlaw Ben Wade: Anarchischer Libertär
Foto: Sony PicturesBevor es hier gleich zu kopflastig wird: Ein wichtiger Grund, warum immer noch Western gemacht werden, ist natürlich schlicht die Tatsache, dass viele Filmemacher und Schauspieler als Kinder nichts als Western gesehen haben und endlich mal selbst einen drehen wollten. Was kann cooler sein, als tagelang mit Zigarrenstumpen im Mundwinkel auf einem Gaul zu hocken, mit riesigen Revolvern herumzufuchteln und markige Sprüche zu reißen? Oder, wie Russell Crowe es kürzlich in einem Interview gestand: "Du reitest, schießt, du grillst und spuckst ein wenig. Dann ist Feierabend. Und das in göttlicher Kulisse! Was will man mehr."
Crowe spielt in "Todeszug nach Yuma" den Outlaw Ben Wade, einen gewieften, aber auch schwer psychopathischen Bankräuber und Wegelagerer, der nach seinem jüngsten Coup geschnappt wird und von dem bettelarmen und behinderten Farmer Dan Evans (Christian Bale) in die Stadt Yuma gebracht wird, wo um 3.10 Uhr am Nachmittag ein Eisenbahnzug mit Gefängniswagen abfährt. Ben Wade! Dan Evans! Namen so einfach und klar wie ein kühler Morgen in der Prärie, die schon in der reinen Phonetik deutlich machen, wie schlicht und einfach die Welt doch zu begreifen sein kann. Im Western, das macht ihn so attraktiv, sind die Grenzen von Gut und Böse, Recht und Unrecht noch intakt: Guter Mann bringt bösen Mann zum Zug. Fertig, aus.
Moderne Zwischentöne
Im mittlerweile 50 Jahre alten Original-"Todeszug", der von Hollywood-Routinier Delmer Daves mit Van Heflin (als Evans) und Glenn Ford (als Wade) in Schwarzweiß gedreht wurde, war es wirklich so einfach: Weite Strecken des Klassikers spielen in einem Hotelzimmer in Yuma und widmen sich dem psychologischen Duell der beiden unterschiedlichen Männertypen. Das weitaus farbigere und vor allem längere Remake von James Mangold ("Copland", "Walk the Line") lässt Raum für ein paar moderne Zwischentöne, was der Spannung und Geradlinigkeit dieses Retro-Westerns jedoch kaum Abbruch tut.
Auch bei Mangold steht der Antagonismus der Macho-Archetypen im Vordergrund: Evans ist ein Pioniertyp, der im Bürgerkrieg ein Bein verlor und nun gegen die Widrigkeiten der Natur Farm, Vieh und Familie durchbringen muss. Christian Bale spielt ihn als abgemagerte, vom Leben gezeichnete Vogelscheuche, in dessen verhärmte Gesichtszüge sich jede Demütigung des Lebens an der Frontier eingegraben hat. Mehr noch als die anhaltende Dürre setzt dem Farmer die beginnende Macht des Großkapitals zu. Hochverschuldet muss er darum fürchten, sein Land an den örtlichen Tycoon zu verlieren, der ihm wahrhaftig das Wasser abgräbt. Gleichzeitig droht ihm seine frustrierte Ehefrau (Gretchen Mol) zu entgleiten, während sein pubertierender Sohn durchblicken lässt, dass er seinen Vater mehr und mehr als Loser erlebt.
Alltagskämpfer gegen Schöngeist
Es ist der tägliche Mehrfrontenkrieg des westlich geprägten Durchschnitts-Mannes, ein steter Kampf um Anerkennung und Kontrolle, um Würde und Männlichkeit in einer Welt, die mit bloßem Willen, stählerner Moral und körperlicher Anstrengung einfach nicht mehr zu bewältigen ist.
Ben Wade ist der Gegenentwurf zum Spießer Evans: Mit einem kecken schwarzen Hütchen, das den verbeulten Schlapphut des Farmers zu verhöhnen scheint, reitet der Gesetzlose mit seiner Bande durchs Land und schert sich nicht um bürgerliche Konventionen. Wade ist ein brutaler Gangster, aber auch ein anarchischer Schöngeist, eben jener künstlerisch veranlagte Libertär, den sich amerikanische Individualismus-Romantiker von Thoreau bis Ayn Rand als Ideal ausmalten.
Russell Crowe spielt ihn als Variation seiner Raubeine aus "Gladiator" und "Master & Commander", verleiht der Figur aber noch eine feine, postmoderne Note der Selbstironie, die den Charakter kongenial abrundet: Wade weiß, dass Zivilisation und Kapitalismus, symbolisiert durch die unaufhaltsam in den Westen vordringende Eisenbahn, das letzte Refugium, den Spielplatz der Männlichkeit, erreichen werden. Auch er ist, ebenso wie der aufrechte Farmer, vom Aussterben bedroht. Die Zukunft gehört den kalten Controllern, den zynischen Rechnern, den skrupellosen Geschäftsleuten, die für Lagerfeuer-Romantik nur noch einen Sinn haben, wenn sie sich gut vermarkten lässt.
Beim Showdown in Yuma geht es also nicht mehr darum, ob Recht oder Unrecht obsiegt, sondern ob es für echte Männer noch eine Chance gibt. Das Schöne an Mangolds Remake ist, dass er es am Ende den Regeln des Genres gehorchen lässt: Wenn es um die letzte Frage geht, die der Ehre, muss eben einer auf der Strecke bleiben, ins Gras beißen oder in den Staub sinken.
Der andere springt gerade noch so auf den Zug, der Yuma in Richtung moderner Zeit verlässt. Wer das ist, wird hier natürlich nicht verraten. Nur so viel: "Todeszug nach Yuma" ist ein packender Western voller lärmender Action, landschaftlicher Grandezza, leiser Melancholie und grandiosen Hauptdarstellern. Fast wie damals in der Sandkiste.