Western von Nick Cave: Beim Barte des Ästheten - DER SPIEGEL
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Western von Nick Cave Beim Barte des Ästheten

Nick Cave, Chef-Melancholiker der Rock-Avantgarde, kam zur Berlinale, versetzte Journalisten und Fans in Aufruhr - und präsentierte nebenbei einen exzellenten Spätwestern, zu dem er Drehbuch und Soundtrack geschrieben hatte.
Von Thomas Winkler
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nun ist der einsame Held wieder aus der Stadt geritten, hinein in den Sonnenuntergang. Trotzdem darf sich jeder ein wenig besser fühlen: Berlin, weil es seinen Liebling mal wieder bejubeln durfte; die Zuschauer der Berlinale, weil ihnen ein beeindruckendes Leinwanderlebnis beschert wurde; Plattenfirma und Filmproduktion, weil sie großartige Werbung für ihre Produkte bekamen und auch der Held selbst, weil er den Irrsinn unbeschadet überstehen und sich wieder aufmachen durfte gen Brighton, das er dieser Tage seine Heimat nennt.



Die Rede ist von Nick Cave, der anlässlich der Internationalen Filmfestspiele in die Hauptstadt kam. Dort war im Programm des Panoramas "The Proposition" zu sehen, ein Film, für den Cave das Drehbuch verfasst und die Musik komponiert hat. Der Film, in den Worten seines Regisseurs John Hillcoat "ein australischer Anti-Western", ist exzellent. Das eigentliche Ereignis aber war die bloße Anwesenheit des mittlerweile 48-jährigen Sängers, Musikers, Dichters und Schauspielers Cave.

Überall dort, wo er zu erscheinen drohte, war eine nervöse Spannung zu bemerken. Schon Minuten vor dem sogenannten Photo-Call, wenn die Presse-Meute die Gelegenheit erhält, die anwesenden Filmarbeiter abzulichten, drängten sich um die kleine Fotografen-Tribüne herum auffallend viele Menschen ohne Kamera und reckten die Hälse. Aus geflüstertem "Nick?", getuscheltem "Nick!" und leise geseufztem "Nick!?" entstand eine Art Summen, das schließlich, als der Erwartete endlich mit angemessener Verspätung erschien, vom hysterischen Rufen der Fotografen übertönt wurde, die geflissentlich vergaßen, Regisseur Hillcoat zu beachten.

Bei der anschließenden Pressekonferenz gaben auf Nachfrage von Cave ungefähr drei Viertel der Anwesenden zu, dass sie den Film, der ja eigentlich der Anlass der Veranstaltung war, gar nicht gesehen hatten. Dafür musste er sich von einer italienischen Journalistin fragen lassen, was ihn traurig mache, was ihn fröhlich stimme und was womöglich doch einmal seiner Seele Frieden bringen könnte. So unangebracht die Frage auch war, so böse die Blicke, die Cave gen Fragestellerin schickte, so berechtigt schien doch die naive Sorge um den Seelenzustand des Drehbuchautors - erst recht nach Ansicht von "The Proposition".

Vorhölle des Outback

Der Film ist eine konsequente Fortsetzung von Caves Arbeit als Songschreiber und Romancier ("Und die Eselin sah den Engel") und schließt nahtlos an sein erstes Drehbuch für "Ghosts ... of the Civil Dead" von 1988 an. Schon damals führte sein "guter Freund" Hillcoat Regie, schon damals war das Thema die Ausweglosigkeit des menschlichen Daseins. Ein Gefängnis gab die Kulisse ab für die Cavesche Vorhölle, diesmal ist es das australische Outback der 1880er Jahre, das von Verdammten bevölkert wird.

Auf der Jagd nach dem Anführer der Burns-Gang, einer brutalen Verbrecherbande, werden alle moralischen Standards in den braunen Staub der australischen Wüste getreten. Niemand ist ohne Schuld: Das gilt für den Anführer der Bande, der so behende Leben auslöscht wie er Philosophen zitiert, ebenso wie für den brutalen Kopfgeldjäger, den intriganten Richter oder den örtlichen Polizeichef, der "dieses Land zivilisieren" will. Selbst seine Frau, die tapfer Porzellan und weißes Leinen in die Einöde bringt, macht sich des Rachedurstes schuldig und muss bestraft werden. Hier braucht keiner aufs Jüngste Gericht zu warten, das besorgen die Menschen lieber gleich selbst.

Es geht also 104 zermürbende Minuten lang Einwanderer gegen Eingeborene, Weiß gegen Weiß, Schwarz gegen Schwarz, Mann gegen Frau, Mann gegen Mann. Die Bärte sind zottelig, die Gesichter verschwitzt, das Blut ist dick. Es ist staubig und heiß, überall Fliegen, und der Film zeigt eindrucksvoll, wie es damals gewesen sein könnte in Australien, als es noch kein Recht und kein Gesetz gab, keine Moral und keine Zahnärzte. Kein Zweifel: Hillcoat und Cave wollen ihren Film als Beitrag zur Geschichtsschreibung des fünften Kontinents verstanden wissen.

Spiel ihnen das Lied vom Tod

Cave war allerdings auch bei den Filmfestspielen, um Hillcoat zu unterstützen, einen deutschen Verleih zu finden. Anfang März erscheint immerhin der Soundtrack, den der Star zusammen mit Warren Ellis eingespielt hat, dem Violinisten seiner Begleitband The Bad Seeds. Er und Ellis, der zudem mit seiner eigenen Band The Dirty Three schon seit Jahren großartige Americana auf Geigen-Basis spielt, haben die Dreharbeiten besucht und bei bis zu 60 Grad Hitze recht schnell festgestellt, wie die Musik für diesen Film zu klingen hat: so quälend und verloren wie die Landschaften, die in "The Proposition" eine tragende Rolle spielen.

Der verlorene Sohn war also zurückgekehrt, und der Film, den er im Gepäck hatte, war die Aufmerksamkeit tatsächlich wert. So durfte man dem herzlichen Applaus lauschen, der Cave jedes Mal empfing, wenn er ein Kino betrat; man konnte die Autogrammjäger beobachten, die ihm auflauerten und schließlich in einem recht kurzen Gespräch erfahren, dass es nur drei Wochen gedauert habe, das Drehbuch zu schreiben, aber drei Jahre, den Film fertig zu stellen.

Zudem ließ der Künstler wissen, dass er überrascht gewesen sei, wie sehr der fertige Film seiner Vorstellung entspreche; dass er gerne einmal eine romantische Komödie schreiben würde und das nächste gemeinsame Projekt mit Hillcoat "sehr lustig" werden wird - seiner Meinung nach jedenfalls. Dass er im Auftrag von Ridley Scott ein Drehbuch für "Gladiator II" verfasst habe, das dem Regisseur zwar gefiel, aber trotzdem niemals verfilmt werden wird; dass seine Jahre in Berlin von 1985 bis 1989 eine prägende Erfahrung gewesen seien und schließlich, dass er niemals darüber nachgedacht habe, selbst in "The Proposition" mitzuspielen. Dabei hätte sich der martialische Bart, den Cave momentan trägt, perfekt ins Gesamtbild eingefügt.

Der Bart passt aber ebenso gut ins Bild vom Western-Helden, der nach getaner Arbeit das Städtchen wieder verlässt, Ordnung und ein paar gebrochene Herzen hinter sich lassend.


"The Proposition - Original Soundtrack" von Nick Cave & Warren Ellis erscheint am 3. März.