"Wild Christmas" Rentierspiele machen Spaß!
Schon schade. Gerade hatte sich Regisseur John Frankenheimer, der seinen Ruf in den vergangenen Jahren mit Machwerken wie "The Island Of Dr. Moreau" ruiniert hatte, vor den Augen der Kritiker rehabilitiert: "Ronin", sein europäisch anmutender Spionage-Thriller von 1998, verfügte über erstklassige Darsteller, eine spannende Story und - Frankenheimers Markenzeichen - atemberaubende Autoverfolgungsjagden. Ganz anders nun leider sein neuer Film, der im Original "Reindeer Games" ("Rentierspiele") heißt und fürs deutsche Publikum unsinnigerweise mit dem Titel "Wild Christmas" versehen wurde.
Wilde Weihnachten erlebt allerdings Rudy Duncan (Ben Affleck), ein Kleinganove, der seine Zeit im Knast abgesessen hat und kurz vor dem Fest der Liebe entlassen werden soll. Seine Zelle teilt er mit Nick (James Frain), der am selben Tag auf freien Fuß gesetzt werden soll. Eigentlich träumt Rudy nur von ein paar entspannten Feiertagen daheim bei seiner Familie - und ganz besonders von einer schönen, heißen Tasse Schokolade. Doch als Nick auf ominöse Weise erstochen wird, kann er nicht widerstehen, gibt sich als sein Zellenkumpan aus und beginnt eine Affäre mit dessen Brieffreundin Ashley (Charlize Theron), die am Tag der Entlassung der ersten Begegnung mit ihrem noch nie zuvor gesehenen Lover entgegenfiebert.
Schon nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn schnell findet sich Rudy (man beachte die Affinität zum berühmten Rentier) alias Nick in der Gewalt von Ashleys fiesem Bruder Gabriel (Gary Sinise) wieder, der einen weihnachtlichen Raubzug plant, zu dessen Gelingen er beitragen soll. Nick war nämlich vor seiner Verhaftung Angestellter eines Spielcasinos, auf dessen vermeintlich hohe Festtags-Einnahmen Gabriel es abgesehen hat. Mit Hilfe von Nicks Kenntnis der Casino-Interna erhofft er sich einen reibungslosen Ablauf des Beutezugs. Was er natürlich nicht ahnt: Rudy hat keine Ahnung, wovon die Rede ist und fängt an zu bluffen, um seine Haut zu retten. Dass er sich ganz nebenbei in Ashley verliebt hat, die nicht ganz so unschuldig ist, wie sie zu sein vorgibt, macht seine prekäre Lage nicht besser...
Was sich hier schon ein wenig anstrengend liest, entpuppt sich im Zuge des Films tatsächlich als geradezu hinreißend konstruierte Verwechslungs-Posse voller wenig überraschenden Plot-Wendungen vor der malerischen Kulisse des winterlichen Michigans. Rudys Versuche, sich trotz aller schnell aufkommenden Zweifel als Nick auszugeben, sind ebenso fragwürdig wie die Beharrlichkeit Gabriels, von der erzwungenen Hilfe des aufwendig aus dem Knast geköderten Helfershelfers alles abhängig zu machen. Spätestens wenn Rudy - zerschunden aber glücklich - endlich am weihnachtlichen Herd seiner Familie sitzt, fragt sich der Zuschauer, was das nun eigentlich alles sollte.
US-Kritiker prügelten nicht ganz zu unrecht unisono auf Frankenheimers Christmas-Komödie herum - dem Film fehlt ganz offensichtlich jene Finesse, die vergleichbare Thriller-Komödien wie Hitchcocks "Der unsichtbare Dritte" zu Klassikern gemacht hat. Der Verdacht, dass der vom "Ronin"-Erfolg beruhigte Regie-Routinier Frankenheimer ("Grand Prix", "French Connection II") mal schnell herunterdrehte, was das Studio als kassenträchtiges Vehikel für den kommenden Superstar Affleck erdacht hatte, liegt nahe. Allein vom Drehbuchautor Ehren Kruger hätte man allerdings mehr erwartet - nicht wegen seiner müden Vorlage für "Scream 3", aber wegen seines hervorragenden Skripts zu "Arlington Road".
Doch wie dem auch sei: Wenn man es schafft, sich auf "Wild Christmas" einzulassen, bereitet es jede Menge Vergnügen, dem kleinen, aber feinen Ensemble bei seinen Rentierspielchen zuzusehen. Affleck ("Dogma", "Armageddon") präsentiert sich gekonnt als tollpatschiger Hollywood-Held der neuen Schule, der immer dann eine gute Figur macht, wenn das Drehbuch ihm genügend Luft für flapsige Sprüche lässt. Charlize Theron ("The Astronaut's Wife") sieht mit ihren rot gefärbten Haaren hinreißend aus und erfüllt ihre Aufgabe als Dekorationsobjekt mit Bravour, während Gary Sinise ("Forrest Gump") so erfreulich sinister wie immer agiert. Dazu gibt's jede Menge Schießerei, ein paar Explosionen, einige wirklich komische Dialoge und natürlich den völlig irrwitzigen Überfall einer Handvoll Weihnachtsmänner auf besagtes Spielcasino. Mal ehrlich: Was zum Teufel will man eigentlich mehr von einem gemütlichen Kinoabend kurz vor Weihnachten? Okay, mal abgesehen von einer schönen, heißen Tasse Schokolade...
Trailer: "Wild Christmas" Quick Time
"Wild Christmas" ("Reindeer Games"). USA 2000. Regie: John Frankenheimer; Drehbuch: Ehren Kruger; Darsteller: Ben Affleck, Gary Sinise, Charlize Theron, James Frain, Danny Trejo, Isaac Hayes; Länge: 100 Min.; Verleih: Kinowelt; Start: 7. Dezember 2000