"Windtalkers": Gemetzel mit müder Mimik - DER SPIEGEL
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"Windtalkers" Gemetzel mit müder Mimik

Reduziert in der Stilisierung der Gewalt, aber nicht minder brutal und virtuos im Arrangement hat Honkong-Regisseur John Woo mit "Windtalkers" eine Widmung an die Navajo-Funker während des Pazifikkrieges als klassisch patriotischen Actionfilm über Freundschaft, Tapferkeit und Verrat inszeniert.
Von Oliver Hüttmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Billige Gefühle mit barocken Gesten ­ darauf kann man die Hongkong-Filme von John Woo reduzieren. Seine Gangsterwerke wie die Ballade "Blast Killer" und das Epos "City Wolf" bestachen durch unerhört stilisierte Blutorgien, hinter denen mit altmodisch anmutender Romantik um Freundschaft, Vertrauen, Loyalität und Respekt sowie gegen Verrat und Verlust gerungen wurde. Damit war er nicht weit entfernt von Filmen aus Hollywood, zumal er Actionszenen aus Sam Peckinpahs Gewaltszenarien und die Opulenz von MGM-Musicals choreografierte, die wie ein ballistisches Ballett aussahen.

Dann ging Woo tatsächlich nach Amerika. Und mit Ausnahme des Thrillers "Im Körper des Feindes", bei dem er den ewigen Dualismus faszinierend überspannte, entpuppten sich alle Filme als Missverständnis: Der asiatische Sinn für melodramatische Männermoral und der amerikanische Hang zum virilen Pathos passen doch nicht zusammen. Im System von Studios und Produzenten der alleinigen Kontrolle beraubt, wurde der Michelangelo des Action-Kinos zum gut entlohnten und erfolgreichen Lieferanten seiner Markenzeichen.

Dazu gehören auch die weißen Tauben, die beim Showdown von "The Killer" mit sakraler Schicksalhaftigkeit aufstiegen ­ und die sich Tom Cruise für "M:I-2" ausdrücklich gewünscht hatte. Die flattern in "Windtalkers" diesmal nicht. Dafür starrt Nicolas Cage als GI während des Zweiten Weltkrieges im Pazifik einmal den Möwen hinterher. Ein schwer sentimentales Symbol für die Sehnsucht nach innerem Frieden und Schuldgefühle, weil er als Sergeant Joe Enders einen Einsatz gegen die Japaner als Einziger seiner Einheit schwer verwundet überlebt hat. Traumatisiert und auch körperlich nicht mehr ganz tauglich drängt es ihn an die Front, zur Rache und Erlösung. So ist er wenig begeistert, dass sein Vorgesetzter ihn und Sergeant Ryan Anderson (Christian Slater) als Beschützer der zwei indianischen Funker Ben Yahzee (Adam Beach) und Charles Whitehorse (Roger Willie) abstellt.

Die Neulinge sind Navajo, auf deren weltweit einzigartiger Sprache ein Code basierte, den die Japaner niemals knacken konnten. Mit anderen jungen Männern ihres Stammes werden sie zu Chiffrier-Experten ausgebildet und einem Aufklärungstrupp zugeteilt. Damit ist aber schon der Hintergrund abgehandelt, vor dem Woo zwischen gigantischen Materialschlachten und infernalischen Feuergefechten dann oberflächlich das bekannte Konfliktrepertoire ausbreitet. Natürlich prallt der freundliche, idealistische Yahzee am verschlossenen, mürrischen Enders ab, versagt er ängstlich und geschockt vom Gemetzel im Schützengraben, besinnt er sich auf sein kriegerisches Erbe und gewinnt er schließlich die Anerkennung des Haudegens. Was er nicht weiß: Enders muss unter allen Umständen verhindern, dass Yahzee von den Japanern gefangen genommen wird ­ ihn im Zweifelsfallen also töten. Dass der Moment eintritt, an dem diese Option droht, ist dabei ebenso wenig überraschend wie der Ausgang.

Doch nicht die Vorhersehbarkeit ärgert, sondern die Ausrichtung des Plots. Zwar werden die beiden Hauptfiguren nacheinander in gleichberechtigten Handlungssträngen zusammengeführt, dann aber kreist der Titelheld, den "Windtalkers" vorgibt, mehr um den Star des Films, also Cage. Sein Seelenleid bildet den emotionalen Mittelpunkt, obwohl weder das Drehbuch noch der Darsteller der Figur spürbare Tiefe geben. In seiner typischen müden Manier stapft Cage mit dumpfen Geschrei und der Maschinenpistole im Anschlag durch die feindlichen Linien oder mit stumpfen Blicken und der Schnapsflasche an den Lippen über die Gräber gefallener Kameraden. Und auch Slater gelangt wieder nicht über zwei Gesichtszuckungen hinaus.

Mitreißend hingegen agiert der Anfänger Beach, der vom sanften Gemüt bis zum jähzornigen Kurzschluss die ganze Gefühlspalette meistert. Er und Willie sind echte Navajo, die im Film nun mit rührendem Patriotismus jenem Amerika dienen, dessen Kavallerie einst die Indianer massakrierte. Und obgleich "Windtalkers" ihren für den Sieg über Japan mit entscheidenden Beitrag würdigen will, der historisch lange unterschlagen wurde, reicht es dafür nur zu einer symbolischen Fußnote. Zunächst wird Yahzee vom obligaten Redneck schikaniert und mit der rassistischen Demütigung bedroht, man könne ihn glatt mit einem Japaner verwechseln. Als die Truppe fast zwischen den Stellungen aufgerieben wird, wagt er sich in einer japanischen Uniform mit Enders als vorgeblichen Gefangenen ins Lager der Feinde. Die wagemutige Aktion rettet schließlich den weißen Amerikanern das Leben. Von da an gehört Yahzee zu ihnen.

Wie die Indianer inalten Western fungieren nun die Japaner ­ gesichtslose Schießbudenfiguren, die von überall herandrängen und niedergemäht werden. Mit den eleganten, in ihrer Exzessivität auch metaphorischen Schießereien seine Gangsterfiktionen hat dieses Gemetzel bewusst nichts mehr gemeinsam. Woo hält schonungslos drauf, zeigt zerfetzte Leiber und Leichen zuhauf. Dennoch sieht das Sterben hier schöner aus als in vergleichbaren Kriegsfilmen, wird man bei dem virtuos inszenierten Spektakel weniger vom Sperrfeuer und den Explosionen erschüttert, vielmehr von den prächtigen Farben und der schieren Größe des Ereignisses überwältigt. Die Mechanik des Krieges, die Steven Spielberg bei "Der Soldat James Ryan" mit der Landung in der Normandie zeigte, oder der meditativen Balanceakt über die Natur des Tötens aus "Der schmale Grat" von Terence Malick bleiben unerreicht. Den schmetternden Score von "Titanic"-Komponist James Horner, der ähnlich auch Jean-Jacques Annauds "Duell ­ Enemy At The Gates" unter sich begrub, kann Woo einfach nicht gewollt haben.

Früher hat er den Kugelhagel mit lieblichen asiatischen Pop-Schlagern kontrastiert und auch bei seinem Vietnam-Epos "Bullet In The Head" den Punkt getroffen, an dem es in der Seele schmerzt. Wenn "Windtalkers" jedoch in der Weite des Monument Valley endet, von wo Ben Yahzee aufgebrochen war, bleibt zwischen den gravitätischen roten Felsformationen nur die versöhnliche Heldenstimmung klassischer amerikanischer Kriegs-Action zurück.

"Windtalkers", USA 2002. Regie: John Woo; Drehbuch: John Rice, Joe Batteer; Darsteller: Nicolas Cage, Adam Beach, Christian Slater, Roger Willie, Peter Stormare, Noah Emmerich; Länge: 134 Minuten; Produktion: MGM; Verleih: Fox; Start: 1. August 2002.