Wolfgang Petersen Der Katastrophenmacher
Nebel, Gewitterstürme und hoher Wellengang nach dem Hurrikan Floyd legten in diesem Sommer die Dreharbeiten zu "The Perfect Storm" für mehrere Tage lahm. Wolfgang Petersen ("Air Force One", "Das Boot") drehte am Originalschauplatz, der Küstenstadt Gloucester im Bundesstaat Massachusetts. Die Hauptrollen spielen George Clooney und Mark Wahlberg. Der Film läuft im Sommer 2000 in den US-Kinos an, der deutsche Start ist für Herbst 2000 vorgesehen.
SPIEGEL ONLINE: Wie ist das Wetter denn heute bei Ihnen?
Petersen: Danke, gut. Aber jetzt drehen wir ja im Studio in L.A., da haben wir wenig vom Sonnenschein.
SPIEGEL ONLINE: Warum waren Sie bei dem Hurrikan überhaupt draußen? Mit Tricks läßt sich doch unangestrengt simulieren.
Petersen: Jetzt sind wir im Studio, denn für die Sturmszenen brauchen wir tatsächlich Technik. Im Moment traktiere ich die Schauspieler mit Wassermassen. Wir drehen gerade den Höhepunkt der Sturmszenen. Aber für Außenaufnahmen bei ruhiger See waren wir in Gloucester, Massachusetts. Dort wurden wir vom Hurrikan überrascht. Wir hatten ziemlich Angst, als er kam. Zum Glück ist er abgedreht. Doch wir hatten noch acht bis zehn Meter hohe Wellen als Ausläufer. Da haben wir gleich die Kamera draufgehalten. Floyd hat eher ausgeholfen als geschadet.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem schrieb die amerikanische Presse danach, sie müssten jetzt wohl ihr Budget überziehen.
Petersen: Was berichtet wurde, ist nicht wahr. Wir haben das Budget nicht überzogen. Im Gegenteil, ich bin sehr stolz, dass wir noch eine Million drunter sind, obwohl nur noch 25 Drehtage vor uns liegen.
SPIEGEL ONLINE: "Perfect Storm" ist wieder die Verfilmung einer Buchvorlage. Haben Sie nicht langsam genug vom Ärger mit Autoren?
Petersen: Mit Buchheim beim "Boot" und Michael Ende bei der "Unendlichen Geschichte" habe ich in der Tat große Schwierigkeiten bekommen. Mit Sebastian Junger hat erstmals ein Autor positiv auf das Drehbuch reagiert. Er ist kein Schriftsteller, sondern Journalist, vielleicht hat er deshalb einen realistischeren Blick fürs Filmemachen.
SPIEGEL ONLINE: Dabei haben Sie Jungers Geschichte wohl entscheidend verändern müssen. Er erzählt ja selber nichts von den Männern auf der "Andrea Gail", da es von deren Untergang im größten Sturm dieses Jahrhunderts keine überlebenden Zeugen gibt.
Petersen: Er hat nur aufgeschrieben, was er recherchieren konnte. Wie die Stunden auf dem untergehenden Schiff ausgesehen haben, weiß natürlich niemand. Wir müssen es aber im Film zeigen. Junger war bei den Dreharbeiten in Gloucester dabei, er hat ja dort monatelang für die Buchrecherchen gelebt und konnte uns sehr helfen.
SPIEGEL ONLINE: Wie hört sich denn die Geschichte jetzt an?
Petersen: Am Anfang wird das Leben der Fischer in Gloucester dargestellt und etwas ins Bewusstsein rücken, worüber sich sonst niemand Gedanken macht: Der gefährlichste Beruf der USA ist Fischer. In keinem anderen Job sterben so viele Menschen. Dann gibt es natürlich Nebenhandlungen wie Piloten, die mit dem Helikopter Schiffe retten und notlanden müssen.
SPIEGEL ONLINE: Also ein Katastrophenfilm?
Petersen: Es ist ein realistischer Katastrophenfilm. Zwischen Elia Kazans "On The Waterfront" und Jan de Bonts "Twister". Und natürlich ist er auch ein mythischer Film über Menschen und Naturgewalten. Mich hat an dem Stoff als erstes die Möglichkeit interessiert, wie auch beim "Boot", enorm starke menschliche Emotionen zu zeigen und zugleich ein großes Spektakel.
SPIEGEL ONLINE: Warum sollten wir uns überhaupt noch einen Katastrophenfilm ansehen?
Petersen: Weil "Perfect Storm" ein Meilenstein in der Herstellung von Filmen wird. Das klingt jetzt überheblich, weil ich der Regisseur bin. Aber ich habe ja ein ähnliches Thema schon mit dem "Boot" gehabt und ich kann wirklich sagen: Noch nie war das Meer in einem derartigen Realismus zu sehen. Wir haben 30 Meter-Wellen, drehen ohne Modelle. Es wird der erste Film sein, der einen Schiffsuntergang realistisch zeigt.
SPIEGEL ONLINE: Wir hatten schon einen in Echtzeit: bei "Titanic".
Petersen: Titanic war kein Sturm, sondern ein glatter Untergang eines Schiffes. Sturm hat es auf Film noch nicht gegeben.
SPIEGEL ONLINE: Braucht ein spektakulärer Sturm auch spektakuläre Tricks?
Petersen: Für den Film wurde der größte Tank der Welt gebaut. In der Halle 16 der Warner Studios wurde der Boden ausgehoben, eine enorme Investition des Studios. "Perfect Storm" ist mit Abstand der größte Film, den ich je gemacht habe. Und der wichtigste nach dem "Boot". Auch der teuerste. Wir verwenden ganz neue Filmtechnologie, um den Sturm realistisch wirken zu lassen.
SPIEGEL ONLINE: Der Realismus scheint eine neue Mode im Kinogeschäft zu werden. Statt "Jurassic Park" und "Starship Troopers" kommen jetzt Krakauers Mount-Everest-Expedition, die Verfilmung von Colum McCanns Roman über die Tunnelmenschen von New York und eine Reihe von Holocaust-Filmen.
Petersen: Das ist tatsächlich so. Hier läuft gerade "The Insider" an, der die Klagen gegen die Tabakindustrie behandelt. Al Pacino spielt darin einen Journalisten.
SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich diese neue Vorliebe für Realismus im Kino?
Petersen: Es kommt immer in Wellen: Erst Fantasyfilme, jetzt wollen die Leute wieder Ernstes. Vielleicht hat das ja auch mit dem Ende des Jahrhunderts zu tun, dass die Menschen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückwollen. Sie möchten das Gefühl haben, wirklich etwas von ihrer Zeit verstanden zu haben, bevor sie das Jahrtausend verlassen.
SPIEGEL ONLINE: Offenbar besteht Mangel an filmtauglichen Stoffen mit realem Hintergrund.
Petersen: Alle sind verzweifelt auf der Suche nach neuen Ideen und Stoffen. Man sucht Themen in den Schlagzeilen der Zeitungen.
SPIEGEL ONLINE: Wenn "Perfect Storm" ein Erfolg wird, finden Sie vielleicht auch endlich ein Filmstudio, das Sie Ihren "Störtebeker" drehen lässt.
Petersen: Ach ja, der Störtebeker, der ist ein Traum, seit ich zwölf war. Aber ich habe inzwischen einen neuen Traum: Shackleton und seine Expedition ins Packeis ist auch ein großartiges Projekt.