Zeitgeist Amerika liegt im Auenland
Die Schlachten sind geschlagen, das Böse ist besiegt, die Finsternis weicht dem Frühling. So üppig wie am Anfang von "Der Herr der Ringe" erstrahlt das Auenland bei der Rückkehr der Hobbits im Schlussakt der Trilogie. Paradiesischer Kitsch, der im Fantasy-Genre nicht weiter auffällt. Doch derzeit blüht das Auenland allerorten im amerikanischen Film.
In auffällig vielen großen Hollywood-Produktionen, die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entstanden sind, vollzieht sich eine Stadtflucht, die bildlich mit einer nahezu identischen Idylle schließt. Am Ende von "Last Samurai" reitet Tom Cruise zurück ins Dorf der Krieger, die zuvor mit modernen Waffen von der japanischen Armee niedergemetzelt wurden. Friedvoll liegen die Häuser in einem grünen, von sanft wiegenden Bäumen umgebenen Tal, wo ihn eine schöne Witwe erwartet.
Im Schoß der Natur drängt sich eine Stimmung zum Kinderkriegen auf, wie auch in der letzten Szene von Kevin Costners "Open Range": Nachdem er bei einer rohen Schießerei den Despoten einer Westernstadt umgelegt hat, macht er der Jungfer Annette Bening zwischen Rosenbeeten einen Heiratsantrag, wobei die Hügel im Hintergrund leuchten wie auf der Alm. In Ron Howards "The Missing" (Deutschlandstart: 12. Februar) dräut der Neuanfang, wenn Cate Blanchett nach dem Tod von Mann und Vater mit ihren zwei Töchtern auf die Ranch heimkehrt und am Gebirgshorizont der Himmel aufklart.
Um optische Parallelen zu den einstürzenden Türmen des Word Trade Centers zu vermeiden, sucht Hollywood sein Heil in historischen Stoffen und auf dem Land. Bis dahin war Amerika vor allem stolz auf seine Metropolen, wo der Fortschritt pulsiert, das Herz des Kapitalismus, die Adern der Überlegenheit. Über ihre hohen Wolkenkratzer und nicht das weite Hinterland definierte die Nation ihr Selbstbild, das auch Hollywood seit dem schleichenden Niedergang des Western-Genres in den siebziger Jahren der Welt vorführte. Der Mittlere Westen verblieb als unübersichtliches Areal für Gestrige, Rassisten, Verrückte und dunkle Mythen.
Selbst die Verwahrlosung und steigende Kriminalität in den Großstädten änderte daran nichts. Hier führte das amerikanische Actionkino der achtziger und neunziger Jahre erfolgreich seine Abwehrkämpfe gegen Gangster und Terroristen. "Der Terminator" (1984), "Lethal Weapon" ("Zwei stahlharte Profis", 1987) und "Die Hard" ("Stirb langsam", 1988) schufen Szenarien, die ihre siegreichen Helden am Schluss zwischen rauchenden Trümmern und viel Blaulicht feierten. Seit dem Zusammenbruch des WTC ist diese Fiktion nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die Stadt schien als Sinnbild der Überheblichkeit nicht mehr sicher. Obwohl Martin Scorseses "Gangs Of New York" mehr als ein Jahrhundert vor dieser Tragödie spielt, wurde das urbane Epos mit seinem Chaos zwischen brennenden Gebäuden an der Kinokasse abgestraft.
Zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges spielt auch Anthony Minghellas "Unterwegs nach Cold Mountain" (Deutschlandstart: 19. Februar). Das ist ein Ort in North Carolina, umringt von schneebedeckten Gipfeln und prächtigen Tannen. Dorthin will Jude Law als Deserteur Inman zurück zu seiner von Nicole Kidman gespielten großen Liebe Ada. Nach dem Tod ihres Vaters verfällt die glanzvolle Farm, die kultivierte Pastorentochter wird depressiv. Erst eine tatkräftige Vagabundin richtet sie wieder auf und das Haus neu her. So schöpft Minghella den Trost und die Hoffnung ebenfalls aus der Kraft des Reinen und Ländlichen, wenn Kidman schließlich mit ihrer kleinen Tochter bei strahlendem Sonnenschein über eine Wiese bunter Blüten spaziert wie im Garten Eden.
Der Regisseur David W. Griffith deutete 1915 in einem monumentalen Stummfilm die Wirren des Bürgerkrieges als "Die Geburt einer Nation". In jene Periode kehrt Hollywood nun wieder zurück, jetzt wo Amerika seit 2001 ebenfalls verwirrt, auch zerstritten ist. Dort traut man sich offenbar nicht, das Trauma am Gegenstand in der Gegenwart zu therapieren, baut statt dessen das amerikanische Haus mit alter Tugend, viel Tüchtigkeit und Trauerflor noch mal auf. Spike Lees "25 Stunden" ist bis jetzt der einzige Spielfilm, der sich mit der Psyche der New Yorker nach den Attentaten befasst. Und der Regisseur ist auch noch ein Afro-Amerikaner.
Auch während des Vietnamkrieges kam es mit dem so genannten Spätwestern in den siebziger Jahren zu einer Renaissance des Genres. Diesmal verweisen die Rollenmodelle subtil auf die Hinterbliebenen und Waisen nach den Terrortaten. Frauen wie Kidman und Blanchett erleiden einen Verlust, Männer wie Cruise und Costner als Bürgerkriegsveteranen einen Schock. Und letztere treten nicht mehr wie einst Revolverhelden auf, sondern geben sich als kampferprobte Pazifisten: Wir wollen niemandem etwas antun, aber wissen uns zu wehren. Deren moralische Erneuerung sendet dabei eine versöhnliche Botschaft und ein Frieden stiftendes Image an die Völkergemeinschaft - und soll zeigen, wie sehr die USA andere Kulturen achtet.
Dafür verbrüdert man sich sogar mit den naturverbundenen Indianern. Tom Cruise ist entsetzt vom Massaker an einem Stamm, wird zum Säufer und mit seinem Einsatz für die Traditionen der Samurai von seiner Schuld befreit. Verblüffend ähnlich passiert es mit Viggo Mortensen, bei "Der Herr der Ringe" als Aragorn zum neuen König von Mittelerde gekürt wurde. In "Hidalgo - 3000 Meilen zum Ruhm" (Start: 8. April) spielt er den amerikanischen Kurierreiter Frank T. Hopkins, der 1890 bei einem strapaziösen Pferderennen durch die arabische Wüste siegte. Der Rest des Abenteuerfilms ist frei erfunden: Zu Beginn überbringt Hopkins der US-Kavallerie eine Depesche, die zum Tod hunderter Indianer führt. Anschließend tritt er betrunken in der Wild-West-Show von Buffalo Bill auf, wo ein greiser Häuptling den Schlüsselsatz spricht: "Wir sterben alle in dieser Show für die große Stadt."
Bei dem Wettrennen galoppiert sein Mustang Hidalgo dann allen reinrassigen Araberpferden davon, übersteht Hopkins mit Indianertricks alle Schikanen der Naturgewalten, kämpft in lässiger Cowboymanier hinterhältige Orientalen nieder und schließt am Ende Freundschaft mit dem obersten Scheich, dessen Tochter mit Verweis auf die westlichen Frauen gegen den Schleier rebelliert. Der gegenseitige Respekt kaschiert nur wenig, dass hier in Nahost einseitig amerikanisches Selbstverständnis und Selbstbewusstsein demonstriert wird. Denn Hopkins ist durch den Sieg über die Araber von seiner Krise genesen und rettet am Ende mit einer weiteren Depesche in letzter Sekunde das Leben einer Mustangherde, mit der Hidalgo in Freiheit über die Prärie preschen darf.
Aber für diesen allgegenwärtigen Rückzug vor der Moderne in die Provinz ist noch nicht mal eine Geschichtsstunde nötig. In der Komödie "Im Dutzend billiger" (Start: 25. März), dem Remake eines Familienfilmes aus dem Jahr 1950, zieht Steve Martin mit seiner Ehefrau und den zwölf Kindern von einer Villa in Miami zurück in ein possierliches altes Anwesen am Rande einer Kleinstadt von Illinois. Und sogar John Woos futuristischer Thriller "Paycheck" endet blumig - in einem Gewächshaus.