Zum Tode Ken Russells: Der kunstbeflissene Ketzer - DER SPIEGEL
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Ken Russells Filme in Bildern: Der Opulenzspezialist

Foto: epa PA Melville/ dpa

Zum Tode Ken Russells Der kunstbeflissene Ketzer

"Fellini des Nordens" oder obszöner Provokateur? Die Filme des Regisseurs Ken Russell ließen ihre Betrachter nicht kalt. Mit brachialer Emotionalität inszenierte er Rockopern und Komponistenbiografien, bildstark zeigte er Sex und Sinnlichkeit. Ein Großer des britischen Kinos tritt ab.
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Mit gefälligem Mittelmaß vermochte Ken Russell herzlich wenig anzufangen, und so tat der britische Filmemacher in seiner gut 50-jährigen Laufbahn auch so ziemlich alles, um ja nicht im Mainstream anzukommen. In seiner Hochzeit polarisierte der flamboyante Bilderstürmer so Publikum und Kritik, und Russells Arbeiten fanden zumeist ebenso viele Verehrer wie Verächter. Mal wurde der 1927 in Southampton geborene Sohn eines Schuhladenbesitzers überschwänglich zum "Fellini of the North" erkoren, bei anderer Gelegenheit verdammte man ihn als obszönen Skandalregisseur. In jedem Fall stand man Russell nicht gleichgültig gegenüber, und das war für den experimentierfreudigen Künstler selbst wohl der entscheidende Gradmesser.

Über die Fotografie und erste Amateurfilme gelangte Russell Ende der Fünfziger zum Fernsehen, wo er in den folgenden Jahren die ästhetischen und inhaltlichen Grenzen des Mediums austesten sollte. Für die BBC realisierte Russell Monografien über Komponisten, die nichts mehr mit der bis dahin herkömmlichen Machart der TV-Dokumentation gemein hatten. Filme wie "Elgar" (1962) oder "Song of Summer" (1968) - über die letzten Lebensjahre des erblindeten und gelähmten Frederick Delius - arbeiteten mit Schauspielern statt mit Standfotos, wagten die dramatische Re-Inszenierung der Wirklichkeit und standen mit ihrer expressiven Bildsprache quer zum staatstragenden Fernsehprogramm.

Der Ärger ließ nicht auf sich warten: Als er in "Dance of the Seven Veils" (1970) gewohnt bildstark die Verbindung von Richard Strauss zu den Verbrechen des Nationalsozialismus zog, empörten sich die Erben des Opernkomponisten und erwirkten einen weltweiten Bann des Films.

"Tommy" als größenwahnsinniges Filmspektakel

Zu diesem Zeitpunkt konnte Russell jedoch bereits seinen ersten großen Kinoerfolg vorweisen, der zwar ebenfalls Kontroversen auslöste, aber zum Glück nicht im Giftschrank landete: "Women in Love" ("Liebende Frauen", 1969), eine ekstatische Adaption des gleichnamigen Romans von D. H. Lawrence, etablierte Russell als wagemutigen Regisseur, der Sex und Sinnlichkeit mit vorher unbekannter Vehemenz auf die Leinwand brachte. Für ihr Porträt der Künstlerin Gudrun Brangwen erhielt Hauptdarstellerin Glenda Jackson - eine der wichtigsten kreativen Partnerinnen Russells - den Oscar als Beste Schauspielerin. Damals drohte ihre außerordentliche Leistung indes in den Hintergrund zu geraten angesichts der Entrüstung, die eine freizügige Ringkampfszene mit Oliver Reed und Alan Bates bei etlichen Kritikern auslöste: So lag das Augenmerk häufig eher auf den hier sichtbaren männlichen Genitalien, als auf der poetischen Wucht des Liebesdramas.

Gut 20 Jahre später sollten Russell und Jackson mit "The Rainbow" (1989) dann noch einmal zur Prosa von D. H. Lawrence zurückkehren: Diese beiden Filme bilden denn auch eine erstaunlich schlüssige Klammer um zwei Jahrzehnte, in denen Ken Russell dem Kino ebenso eklektische wie extreme Phantasmagorien bescherte: "The Devils" (1971), ein bis heute skandalschwangerer Historienrausch über sexuelle Repression, Bigotterie und Glaubenskampf im 17. Jahrhundert, brachte etwa die Kirche auf die Barrikaden und verschreckte die amerikanischen Produzenten derart nachhaltig, dass der Film nur in einer drastisch geschnittenen Fassung zur Aufführung kam.

Gut gealterte Horrorphantasien

Vor allem kommerziell erfolgreicher geriet dagegen die Rockoper "Tommy" (1975), mit der Russell die exaltierte Rock'n'Roll-Extravaganz von The Who in ein gleichermaßen größenwahnsinniges Filmspektakel goss. Who-Sänger und Hauptdarsteller Roger Daltrey, der die ideale Kombination aus Narzissmus und Unschuld mitbrachte, durfte für Russell denn auch gleich darauf einen entrückten Franz Liszt in dem noch verstiegeneren Operndelirium "Lisztomania" (1975) geben, für das Prog-Rock-Doyen Rick Wakeman einen kongenial verschwurbelten Soundtrack produzierte.

Die Achtziger begann Russell mit einem Paukenschlag in einem gänzlich anderen Genre: "Altered States" ("Der Höllentrip", 1980), ein verwegener Hybrid aus Science-Fiction und body horror, inszenierte die fatalen Selbstversuche eines Wissenschaftlers (William Hurt) als brillante und bizarre Tour de Force. Was Russells Blick auf die Mutationen und Transformationen dabei von den verwandten, aber ungleich kühler analysierenden Körpertraumata eines David Cronenberg unterscheidet, ist die brachiale Emotionalität seiner Inszenierungen, die auch vor Kitsch nicht zurückschrecken.

Schwül bis schwülstig geriet denn auch der Erotikthriller "Crimes of Passion" ("China Blue - Bei Tag und bei Nacht, 1984) mit Kathleen Turner als amerikanische Belle-de-Jour-Variante und Anthony Perkins in der vertrauten Rolle als sittenstrenger Psychopath. Weit mehr Ironie und Verve zeigten hingegen "Gothic" (1986) und "The Lair of the White Worm" ("Der Biss der Schlangenfrau", 1988), in denen Russell mit ansteckender Lust seine Lesart der literarischen Horrorphantasien Mary Shelleys und Bram Stokers propagierte. Beide Filme sind erstaunlich gut gealtert und markieren zugleich zusammen mit "The Rainbow" das Ende der aufsehenerregenden Schaffensperiode Russells: In den vergangenen zwei Jahrzehnten war Russell eine geschätzte, aber kommerziell nicht mehr relevante Filmlegende, deren Arbeiten zumeist keine größere Öffentlichkeit fanden.

Unstrittig ist heute Russells maßgebliche Rolle als Wegbereiter für Filmemacher wie Peter Greenaway, der in seinen besten Jahren ebenfalls eine eigene, ebenso kunstbeflissene wie ketzerische Ästhetik im Kino behauptete. Russell, der eloquente Provokateur, der in seinem schillernden Werk die große Oper in allen Facetten durchspielte - und selbst mehrfach an maßgeblichen Musiktheatern inszenierte - hatte am Ende einen leisen Abschied: Am Sonntagverstarb er im Alter von 84 Jahren in einem Krankenhaus.