Zum Tode Michael Althens: Egal war immer der Feind - DER SPIEGEL
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Zum Tode Michael Althens Egal war immer der Feind

Michael Althen ist tot. Der Filmkritiker, bekannt aus "Süddeutscher Zeitung" und "FAZ", starb im Alter von nur 48 Jahren. Georg Diez erinnert sich an einen eloquenten Schweiger, an einen schön Schonungslosen, an einen, der dem Rätsel des Lebens näher kommen wollte. An einen Freund.
Filmkritiker Althen (1962 bis 2011): Ein großer Skeptiker, ein eloquenter Schweiger
Filmkritiker Althen (1962 bis 2011): Ein großer Skeptiker, ein eloquenter Schweiger

Filmkritiker Althen (1962 bis 2011): Ein großer Skeptiker, ein eloquenter Schweiger

Foto: ddp images/ Zorro Film
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie schreibt man über einen Freund, der fehlt? Wie schreibt man über eine Stimme, die verklungen ist? Wie schreibt man über einen Autor, der im Grunde immer mit dieser Frage gerungen hat: Wie schreibt man?

Michael Althen war ein Skeptiker, der wusste, dass man die Dinge von sich wegrücken muss, um sie besser zu betrachten. Er benutzte die Sprache dazu, seinen Platz in der Welt zu finden. Das machte ihn in jedem Moment zu einem wunderbaren Autor, egal ob er in der "Süddeutschen Zeitung" oder in der "FAZ" über Filme schrieb oder Videoclips: Seine Kolumne im legendären Magazin "jetzt" prägte die Art und Weise, wie es einer ganzen Generation egal wurde, ob etwas Pop war oder nicht, ob etwas hoch war oder tief - nichts war nichtig genug, dass man es nicht doch dazu benutzen konnte, der Welt ein kleines Geheimnis abzutrotzen.

Die tröstende Lächerlichkeit

Michael Althen glaubte an die Verzauberung der Welt, was überraschend ist für jemanden, der nicht nur ein großer Skeptiker, sondern auch ein besonders eloquenter Schweiger war. Niemand konnte so schön nichts sagen wie Michael Althen. Es war diese seltsame Mischung, die ihn dem entrückte, was ihn umgab: dem Gehechel der Meinungen, der Manipulation der Geschmäcker, der Kleinheit der Karrieristen, die im Kulturbetrieb vielleicht noch korrupter sind als anderswo. Denn sie verraten das Einzige, um was es am Ende geht: zu wissen, warum man es tut.

Michael Althen hätte über all das natürlich gelächelt. Er konnte lächeln, ohne zu lächeln. Er lächelte über sich, über seine Freunde, seine Frau, die Filme, die er liebte. Was nicht hieß, dass er sie nicht ernst nahm. Im Gegenteil, er verstand nur, dass das Drama dieser Existenz erst die Lächerlichkeit offenbart, was wir sind. Hier liegt unsere Freiheit, unsere Würde, unser Trost. Von nichts anderem erzählen Beckett in "Warten auf Godot" oder Peter Sellers im "Partyschreck".

Michael Althen war Filmkritiker, heißt es, er war der beste, den wir hatten, heißt es, und das ist auch beides nicht falsch. Falsch ist nur, wenn man es dabei belässt. Michael Althen hat wunderbar über Literatur geschrieben, er war ein besonderer Kunstkenner, er hat in den letzten Jahren ein widerspenstige Zuneigung zum Theater gefasst, das er eigentlich so hasste, seit er als ganz junger Journalist in die Kleinbühnen Schwabings hinabklettern musste und dort verstand, was passiert, wenn die Kunst stolz ist auf das Wort "klein", hinter dem sie sich versteckt.

Eines war er nicht: nett

Denn Michael Althen war vielleicht ehrlich, loyal, leidenschaftlich, ruhig, zurückhaltend, auf die angenehmste Art nur arrogant. Eines war er nicht: nett. Er hasste sie geradezu, die Nettheit, die ja nur bedeutete, dass alles gleich ist und keiner sich traut zu sagen, wie es ist. Und dafür ging Michael Althen nicht ins Kino, dafür las er keine Bücher, dafür unterhielt er sich nicht mit Menschen: Egal war immer der Feind.

Michael Althen kam in einer Zeit zum Journalismus, als es noch Feinde gab, Unterschiede, Kriterien, die die Filme, die man mochte, mit der Frage verband, welches Leben man führen wollte. In dieser Hinsicht war er sogar eine Art Existentialist, zwar der postmodernen Prägung, aber doch von der Einsicht getragen, dass die Kunst vielleicht nicht wichtiger ist als das Leben, dass aber das Leben einem die wesentlichen Fragen mitgab, mit denen man die Kunst beurteilen sollte.

Und so ist sein Schreiben mit dem Wort Kritiker nicht wirklich benannt. Natürlich urteilte er über Filme, aber das Urteil war nicht das Wesentliche, wesentlich war, was der Schreiber beim Schreiben über das Leben erfuhr. Michael Althen verwechselte nicht die Kunst und das Leben, die Kunst war nur eine Möglichkeit, dem schönen, dem grausamen Rätsel des Lebens näher zu kommen.

Oft sagte er, dass nicht jeder Autor einen Roman in sich trage, und irgendwie schien er damit sich selbst zu meinen. Was die größte Lüge im Leben dieses so schön schonungslosen Menschen war. Er war ein Roman, sein Schreiben war ein Roman, der von ihm handelte und von uns, weshalb ihn die Leser so sehr liebten. Sein Schreiben gab dieser Zeit eine Zärtlichkeit, die sie manchmal gar nicht verdient, sein Schreiben bleibt ein Schlüssel, nicht nur um ihn zu verstehen, sondern unsere Spezies an sich.

Es ist ein Verbrechen, dass dieser Roman nicht auserzählt werden wird. Der Krebs hat uns Michael Althen gestohlen, viel zu früh, lächerlich früh, mit gerade mal 48 Jahren.

Er schien zu warten

Vor ein paar Monaten waren wir zusammen in Indien. Es war kalt, es war fremd, es war nicht lustig. Michael saß dort jeden Morgen im Daunenanorak auf der Veranda, er hielt eine Zigarette in der Hand und schaute zugleich hinüber zum nahen Ganges, den man nicht sah, und schaute in sich hinein, wo er etwas sah, das er nur über Umwege erzählen konnte. Er schien zu warten, er schien angekommen zu sein. Er wird immer dort sitzen. Ich werde immer auf ihn warten.

Wie kann man über einen Freund schreiben, der fehlt? Mit Dankbarkeit.

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