Forschung Kitzeln nach Code
Mit ihren gelenkigen Fingern drückte die dreieinhalbjährige Lana etliche Knöpfe einer Schalttafel. Auf dem Anzeigefeld leuchteten vier Zeichen auf, graphische Kürzel für »bitte«, »Tim«, »hereinkommen«, »Raum«.
Jenseits der Plexiglaswand tippte Timothy Gill das »Ja«-Symbol. Lana, augenfällig beglückt, rannte zur Tür und führte den Freund und Lehrer an der Hand zu ihrer Code-Tastatur.
Gill setzte die vom Computer vermittelte Unterhaltung fort: »Bitte -- Lana -- pflegen -- Tim.« Nach Affenart begann Lana in seinen Haaren zu kramen.
Das Schimpansenweibchen und der Psychologiestudent haben es weiter als viele ebenso ungleiche Paare gebracht. Erstmals führen sie derzeit unter kontrollierten Laborbedingungen vor, daß eine Art Gespräch zwischen Tier und Mensch in Sätzen aus einer vernünftigen Folge von einzelnen Begriffen möglich ist.
Dabei hatte Dr. Duane M. Rumbaugh, der Leiter des Experiments am
Yerkes-Primatenforschungszentrum von Atlanta (US-Staat Georgia), strenge Maßstäbe angelegt. »Zeichensprache ist ja ganz schön«, so bewertet er Versuche, allein mit Gesten zu einer Verständigung über die Barriere zwischen den Arten hinwegzukommen. »Aber es geschieht zu leicht, daß man den Handbewegungen eines Schimpansen gerade jene Bedeutung unterlegt, die man erwartet.«
Immerhin -- der Austausch sinnvoller Handzeichen mit den haarigen Vettern aus der Evolutionsgeschichte hat auch beachtlich zugenommen.
Das erste Wunderkind der Inter-Spezies-Kommunikation war Washoe, eine Jung-Äffin, die das US-Ehepaar Dr. Allen und Beatrice Gardner von 1966 an in einem Wohnwagen aufzog.
Frühere Experimente, Schimpansen Sprachbrocken zu lehren, waren fehlgeschlagen, weil sogar diesen Menschenaffen ein hinreichend ausgebildeter Kehlkopf, ein hochentwickeltes Sprach-Zentrum im Gehirn und wohl auch der psychische Antrieb zum Nachplappern menschlicher Laute fehlt. Da sie aber gern und geschickt gestikulieren, versuchten es die Gardners, Psychologen von der Universität von Nevada in Reno, mit der amerikanischen Taubstummen-Sprache.
In langwierigem Training begann Washoe tatsächlich, vier Begriffe zu verstehen und wiederzugeben -- komm / gib, mehr, auf/ hoch / süß. Damit aber hatte sie offenbar lernen gelernt. Nach 14 Monaten hatte sie ihren Wortschatz auf 13 Zeichen erweitert; nach 21 Monaten waren es 34, nach drei Jahren 85 und nach vier Jahren 160 Zeichen.
Überdies entwickelte das Tier schöpferisch Wort-Kombinationen. Statt der vorgeführten Umschreibung »kalt -- Kasten« für Kühlschrank etwa signalisierte es nicht minder sinnfällig »öffnen -- essen -- trinken«.
Mittlerweile kam Washoe ins Primatenzentrum von Norman (Oklahoma). Dort verständigt sie sich wieder auf animalische Weise; denn die untrainierten Art- und Käfiggenossen gaben auf ihre von den Menschen übernommenen Gebärden nie Antwort.
Dazu bedarf es, wie Psychologe Roger Fouts -- Washoes neuer Pfleger -- nachwies, eines weiterzielenden Lernprogramms. Sieben Schimpansen des Instituts in Norman bekommen derzeit dafür täglich eine Stunde Unterricht.
Vor allem die beiden sechsjährigen Männchen Bruno und Booee gingen alsbald dazu über, sich auch untereinander in der Freizeit mit menschlichen Gesten zu verständigen. Statt durch die arteigene instinktive Zärtlichkeitsaufforderung locken sie zum Beispiel mit der korrekten Folge von Taubstummen-Handzeichen »komm -- schnell -- umarmen oder »komm -- kitzeln«.
Mit der achtjährigen Lucy konnte Doktorand Fouts inzwischen sogar demonstrieren, wie Schimpansen diese Zeichen eigentümlich verarbeiten, indem sie damit neue Erlebnisse beschreiben. So ordnete sie Radieschen vom bloßen Ansehen als »Essen« ein; seit sie aber den scharfen Geschmack kennenlernte, gestikuliert sie präziser »Schrei -- Schmerz -- Essen«.
Wie genau das Affenhirn der artfremden Verständigung folgt, untersucht Roger Fouts an unterschiedlichen Sätzen aus denselben Wortzeichen. Es bereitet Lucy keine Schwierigkeit, etwa zwischen »Roger -- kitzeln -- Lucy« und »Lucy -- kitzeln -- Roger« zu unterscheiden.
Von solchen Erfolgen ermutigt, erproben etliche Wissenschaftler nun Kommunikationsmittel, die noch indirekter und mithin genauer zu überprüfen sind, um insbesondere die Experimente gegen ein unbewußt eingespieltes unterschwelliges Einverständnis zwischen Tier und Mensch abzusichern. Verhaltensforscher Dr. David Premack in Stanford (Kalifornien) lehrte Schimpansen nicht Gesten, sondern benutzte als Wortsymbole verschieden geformte und gefärbte Plastik-Chips.
Seine Musterschülerin Sarah lernte so 130 Begriffe. Sie kombinierte mit den Chips Sätze wie »Ann -- geben -- Apfel -- Sarah« oder löste Aufgaben wie »Sarah -- Aprikose -- legen (auf) -- rot -- Teller«, wobei sie Frucht und Teller erst auswählen mußte.
Noch kritischer verfuhr Dr. Rumbaugh in Atlanta, als er für Lana die Computer-Tastatur herrichtete. Das elektronische Medium, mit einer eigens entwickelten simplen Grammatik programmiert, schließt Überinterpretationen der Affen-Botschaften aus.
Auf Lanas Kommando »bitte -- Maschine -- geben -- Milch« zum Beispiel füllt ein Getränkeautomat den Becher; auf »bitte -- Maschine -- machen -- Milch« hingegen tut sich nichts.
Mit ähnlichen Methoden, so hoffen die Forscher, könnten sie sogar Menschen mit begrenzten oder gestörten Hirnfunktionen besser verstehen. Für geistesschwache oder autistische Kinder ließen sich vielleicht Übungen finden, die ihnen das Erlernen rudimentären Sprechens oder womöglich besser noch das Zeichengeben erleichtern.
Rumbaugh und sein Student Gill legten es denn auch weniger darauf an, Lana einen besonders großen Wortschatz einzutrichtern (gleichwohl beherrscht sie schon 71 Zeichen). Es geht ihnen vielmehr darum, ihre Fähigkeiten für Sinnzusammenhänge zu erkunden.
Der Affenverstand leistet dabei Beachtliches. Wenn etwa das Bild eines blauen Balles an die Wand projiziert wird, vermag Lana auf die Frage nach dem Gegenstand mit »Ball«, auf die Frage nach der Farbe mit »blau« zu antworten.
Und manchmal gibt das Tier auf seiner Zeichen-Tabulatur, deren Anschläge der Computer registriert, unverkennbar Gemütsbewegungen kund. So tippte es nachts, als es allein im Käfig war, die kaum als Zufallstreffer zu wertenden Sätze »bitte -- Maschine -- hereinkommen -- Raum« und »bitte -- Maschine -- kitzeln -- Lana«.