Klebrige Rebellion - DER SPIEGEL
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KUNST Klebrige Rebellion

In Hamburg wird für die Schimmelwerke des Objektkünstlers Dieter Roth ein eigenwilliges Privatmuseum gebaut: unter der Erde.
• aus DER SPIEGEL 34/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Mann hatte so gar keinen Respekt. Weder vor den Werken der Weltliteratur noch vor sich selbst: Seit 1961 zerhackte der Schweizer Künstler Dieter Roth (1930 bis 1998) Bücher wie »Die Blechtrommel« von Günter Grass und verarbeitete das Geschnipsel mit Gelatine zu Würsten. Später modellierte er sein Selbstporträt in Schokolade, klebte Vogelfutter auf die Büste und stellte sie zum freien Verzehr in den Garten.

Bis zuletzt war der Ex-Fluxuskünstler fasziniert von allem, was nicht für die Ewigkeit gemacht war: was faulte, meterweit stank und das Ungeziefer anzog. Er rahmte Fladenbrote ein, malte »Wolkenbilder« aus Mayonnaise und formte Kaninchen aus Karnickelmist: die »Karnickelköttelkarnickel«. Wenn er nicht stückelte oder manschte, wurde er auf deftige Art poetisch: Seit 1966 kamen die »Scheiße«-Gedichte heraus. Das filmische Tagebuch seines Multikünstlerdaseins zeigte er 1982 auf der Biennale in Venedig.

Gerade die Vorstellung, seine Zerfall-Objekte würden museal konserviert und dürften nicht bis zum letzten Krümel verwesen oder von Maden gefressen werden, wurmte den Allesverwerter - im Herbst soll in Hamburg am Harvestehuder Weg, Ecke Alsterchaussee, trotzdem das erste Dieter-Roth-Museum gebaut werden. Der Initiator ist ein langjähriger Roth-Mäzen, der Hamburger Wirtschaftsanwalt Philipp Buse.

Roth, der erst in Hannover, dann in der Schweiz aufwuchs, später seiner isländischen Frau zuliebe nach Reykjavik zog, aber eigentlich ständig durch die Welt vagabundierte, provozierte mit seinem übel riechenden Werk nicht selten seine Umwelt. Im amerikanischen Providence, wo er 1965 einen Lehrauftrag angenommen hatte, ließ sein Vermieter das müffelnde Atelier räumen: ein fast verständlicher Akt von Intoleranz, der sich später in Düsseldorf wiederholte.

Doch der Zersetzungskünstler, den manche wegen seiner beißend ironischen Un-Kunst einen Neodadaisten nannten, fand auch etliche Anhänger. Sie sammelten die Werke so obsessiv, wie er sie erarbeitete - die Stuttgarter Staatsgalerie zeigt bis zum 3. September eine Roth-Schau mit Werken aus dem Besitz eines schwäbischen Privatsammlers.

Museumsbauherr Buse, 60, der mit über 2000 Objekten die meisten Roth-Stücke besitzt, kannte den Künstler seit den späten sechziger Jahren; er richtete ihm in seiner Villa schließlich ein Atelier ein und kaufte für ihn nahe der Alster eine alte Remise. Roth, der das organisierte Chaos liebte, verwandelte das zweistöckige Gebäude während seiner Aufenthalte in Hamburg zum »Schimmelmuseum« - ein begehbares »work in progress«, in dem die Türme aus Zuckerfiguren allmählich zusammensacken, die Knoblauchtruhe vor sich hin stinkt und die Schokoladenküche aussieht, als sei sie eben benutzt worden.

Manchmal hat es zwischen dem Gönner und dem impulsiven Künstler gekracht - etwa als Buse ein Müllarrangement verglasen ließ und Roth Löcher in die Oberfläche bohrte, damit die Insekten nicht starben. Doch der Anwalt sammelte unbeirrt weiter, ihm gehören Roths frühe Nagel- und Kugelbilder, dessen Kooperationsmalereien, an denen Kollegen wie Richard Hamilton beteiligt waren, Grafiken, Leimbilder, Riesencollagen mit Toastbrot und Glühbirnen oder seine Musikmaschine »Kellerduo«.

Einige Stücke hängte Roth eigenhändig in Buses Wohnung und in dessen Kanzlei auf - der größte Teil liegt im Depot. Mit den Museumsplanungen begann Buse, als der Künstler noch lebte: Weil beide die Öffentlichkeit scheuten, gingen sie so konspirativ vor wie bei einem Geheimprojekt. Und wenn schon ein Museum, sollte es nicht als solches auffallen.

Das Hamburger Architektenbüro Konermann, Pawlik und Siegmund baut deshalb ein weitgehend unterirdisches Museum. Darüber darf dann, das wäre dem Virtuosen der organischen Kunst genehm gewesen, Gras wachsen: ein Biotop für eine Kunst, die im klebrigmodrigen Verfall auch gegen die Glätte und kühle Perfektion unserer technoiden Kultur rebellierte.

So wird der 600-Quadratmeter-Bau vor allem aus einem Kellersaal bestehen. Nur ein kleiner weißer Kubus soll über die Erdoberfläche ragen. Voraussichtlich im Herbst 2001 wird das Gebäude eröffnet. Wenige Meter entfernt steht dann noch das Schimmelhaus mit der Schokoladenküche.

Womöglich aber soll das Zwei-Etagen-Kunstwerk irgendwann umhüllt werden. Gedacht wird an eine Art bombastischen Kühlschrank, der den Zerfall verlangsamt. Die Kunst darf ihrem Ende entgegengammeln. Aber erst übermorgen. ULRIKE KNÖFEL

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