TECHNIK Kleiner Fehler
Auf der Hannover-Messe rühmte der Elektronikkonzern AEG-Telefunken sein neues Glasfasersystem »Bigfon«. In den Labors von AEG-Telefunken, hieß es da, habe »die Zukunft neuzeitlicher Kabel-Kommunikation bereits begonnen«.
Nun ist die AEG-Zukunft schon wieder von gestern.
Ein abermals verbessertes System zur Nachrichtenübermittlung mit Hilfe von Glasfaserkabeln hat jetzt der amerikanische Technikkonzern Bell Telephone vorgestellt. Es übertrifft in seinen Möglichkeiten die Leistungsfähigkeit bisheriger Systeme um ein Vielfaches.
Dabei grenzt, was die AEG-Glasfaser an Informationen zu übermitteln vermag, ohnehin schon ans Astronomische.
Das »breitbandig integrierte Fernmelde-Orts-Netz« (abgekürzt Bigfon) arbeitet mit Hilfe von Lasern. Die jeweiligen Nachrichten, ob Bild, Ton oder Computer-Datenströme, werden gleichsam nach Art eines Morsecodes in Form von Lichtimpulsen durch die haarfeinen Glasfasern geschickt.
Bis zu 280 Millionen solcher Lichtimpulse können pro Sekunde bei Bigfon übermittelt werden - ausreichend, um zur gleichen Zeit drei Fernsehprogramme und 32 Stereo-Hörfunksendungen zu übertragen; daneben blieben noch 30 Leitungen frei für zusätzliche Dienste wie Telex, Teletext und Telephon.
Ein weiterer Vorteil gegenüber der bisherigen Nachrichtentechnik mit dicken und schweren Kupferkabeln ist die Einsparung von Verstärkern: Bei Kupferleitungen muß, weil die Signale sonst zu schwach werden, etwa alle 1,5 Kilometer ein Verstärker eingebaut sein, bei Bigfon nur noch im Abstand von jeweils sieben Kilometern.
Vom Herbst dieses Jahres an sollen 28 Teilnehmer in der Oststadt von Hannover mit Hörfunk, Fernsehen und Telephon an ein Glasfasernetz angeschlossen werden - gerade halb so viele wie bei dem ersten Berliner Telephonnetz des Generalpostmeisters Heinrich von Stephan im Jahre 1881. Es ist der erste praktische Versuch, den die Bundespost mit Bigfon unternimmt. Aber noch während die Techniker in Hannover mit dem Verlegen der neuen Glasfaser beschäftigt sind, melden die Wissenschaftler von Bell Telephone ihre neuen Rekorde: *___Das Bell-System transportierte schon beim ersten ____Versuch die doppelte Menge von Informationen pro ____Sekunde, verglichen mit Bigfon. *___Verstärker sind nicht mehr alle sieben, sondern nur ____noch alle 120 Kilometer nötig. *___Das Bell-System ist noch ausbaufähig - ein Vielfaches ____der bisher erzielten Leistung ist denkbar.
Kernstück der neuen Glasfaser-Technik aus den USA ist ein Laser, den der Bell-Wissenschaftler Won-Tien Tsang entwickelt hat. Tsangs Laser arbeitet mit sogenannten gekoppelten optischen Höhlen, wobei jeweils nur Licht einer einzigen, scharf definierten Wellenlänge das Höhlensystem verlassen kann. Mit einer trickreichen Elektronik kann auf diese Weise Licht von verschiedenen, jeweils ultrareinen Wellenlängen erzeugt und als Träger für die Nachrichtenübermittlung benutzt werden.
Mit dem Tsang-Laser kann das Glasfaserkabel höher ausgereizt werden: Der Laser produziert jeweils diejenigen Wellenlängen, für welche die Glasfaser aufgrund ihrer physikalischen Eigenschaften besonders leitfähig ist. Werden mehrere Tsang-Laser angeschlossen, können auf ein und derselben Faser über verschiedene Wellenlängen gleichzeitig mehrere Signalfolgen übermittelt werden.
420 Millionen Nachrichtenimpulse pro Sekunde schickten die Bell-Telephonisten bei ihren ersten Versuchen über eine 118 Kilometer lange Glasfaser-Teststrecke - mit einer phantastisch niedrigen Fehlerquote.
Die Menge der übermittelten Signale pro Sekunde entspricht dem Informationsgehalt einer 29bändigen Enzyklopädie. Dabei gab es jeweils nur einen Übermittlungsfehler - so als stünde in der gesamten »Encyclopaedia Britannica« nur ein einziger häßlicher Druckfehler - kein X für U, sondern nur ein Großanstelle eines Kleinbuchstabens.