Billard Knall auf Fall
»Schon nach wenigen Stunden«, heißt der Slogan der amerikanischen Freizeitfirma Brunswick, »werden auch Sie begeistert sein.« Nun hat das Spiel, das schon nach wenigen Übungsstunden Erfolgserlebnisse vermittelt, auch in Europa -- buchstäblich -- eingeschlagen. In Kneipen und Diskotheken, in Ferien- und Freizeitzentren ist der neue Hit der Unterhaltungsbranche lärmend gegenwärtig: Pool-Billard, importiert aus den Vereinigten Staaten.
Mit Grausen wenden sich traditionsbewußte Billardspieler, die Anhänger des klassischen französischen Billard, bei dem es darauf ankommt, durch raffinierte geometrische Taktik, durch vielfältiges Spiel an der »Bande« möglichst lange Serien von Treffern zu erringen: Ihnen kommt das laut knallende Pool-Billard so abgeschmackt vor wie Minigolf dem 18-Loch-Profi.
Begeistert hingegen registriert die Zubehörindustrie den Boom des Simpel-Billards, hei dem es gilt, mit der Stoß-Stange ("Queue") und dem Queue-Ball 15 verschiedenfarbige, durchnumerierte Kugeln in die sechs Löcher des Tisches zu manövrieren. »Hunderttausende von Bundesbürgern«, so US-Hersteller Brunswick, seien für das Knall-auf-Fall-Spiel bereits gewonnen . »Tagesgespräch der deutschen Aufsteller«. wirbt Konkurrent Irving Kaye; Marktforscher schätzen allein die Zahl von Münztischen in der Bundesrepublik auf 30 000. »Messeschlager« » meldet auch die Düsseldorfer Importfirma Spobag. Und Kollege Kiesewetter aus Wiesloch bestätigt »wahnsinnige Nachfrage«.
Unterdes machen sich heimische Hersteller wie der fränkische Förster-Automatenbau oder die Vertrieb Europäischer Neuheiten GmbH & Co. KG des Frankfurter Waldemar Grinke (Firmen-Slogan: »Spielgefährte der Freizeitgeneration") schon daran, Hobbyräume, Kellerbars und Villenetagen zu möblieren -- mit Minitischen für rund 500, aber auch mit Komfortplatten für 6000 Mark.
In den USA, woher der neue Spiel-Bazillus eingeschleppt wurde, war Pool jahrzehntelang in Verruf: Das einstmals höfische Spiel (Karl IX. von Frankreich stieß die Kugeln in der Bartholomäusnacht, Ludwig XIV. kämpfte damit gegen Fettleibigkeit) degenerierte zum trickreichen Taschenspiel im Hinterzimmer; das Hobby von Poeten (Goethe) und Philosophen (Kant) wurde, während der Prohibition und Depression, zum Lieblingsspiel von Gangstern und Tagedieben.
Hollywood-Krimis spiegelten jene böse Billard-Ära. Finstere Gestalten. die Cagneys, Rafts und Robinsons Hut auf, Hosenträger, Zigarre zwischen den Zähnen, Colt im Halfter -, verabredeten ihre Verbrechen, während sie die Lederspitzen ihrer Queues mit Kreide einrieben.
Pool-Profis entwickelten Fertigkeiten, die ihnen bei »Jahrhundert-Duellen« Rekordbörsen eintrugen. Die physisch wie psychisch aufreibenden Zweikämpfe jener »Minnesota Fats«, »Arizona Jimmy«, »Wimpy Lassiter« und »Machine Gun« forderten oftmals Opfer. Die Kontrahenten ergrauten früh, verloren Gewicht, bissen sich Zunge und Lippen blutig. Magengeschwüre gehörten zu den Berufskrankheiten wie Schlaganfälle.
Champion Cannafax pflegte sich zu zähmen, indem er ein Taschenmesser in sein Holzbein stieß. Seinem Vorgänger Fox wurde eine Fliege zum Verhängnis: Das Insekt ließ sich auf dem Queue-Ball nieder, als er zum alles entscheidenden Stoß ansetzte. Fox verfehlte und verließ den Saal; einige Tage später fischte man ihn aus einem Fluß.
Die Gesetzgeber verbannten Pool aus der Nähe von Schulen und Kirchen (Michigan) und ganz aus der Öffentlichkeit (Texas) oder belegten es mit Jugend- (Tennessee) und Sonntagsverbot (Massachusetts).
Inzwischen sind die Gesetze teilweise wiederaufgehoben; ein Billard-Fieber ohnegleichen überzog die Staaten. Brunswick brachte den Ball ins Rollen. Bowlingbahnen und Supermärkte wurden zu Billard-Hallen, Salons wie »Golden Q« in New York City entstanden, mit 40 bis 60 Tischen in einem Saal.
In Deutschland erreichte die Pool-Welle anfangs nur GI-Kasernen und einen Altberliner Hinterhof, wo die Queue-Fabrik Carl Boetzel plötzlich durch Großaufträge aus Übersee überrascht wurde.
Doch alsbald dehnten die Amerikaner ihre Absatzkampagne auf Deutschland aus, und auch hier war Brunswick mit am Ball: Von den Bowlingbahnen aus (die der Konzern als »Brückenköpfe« und »Stützpunkte« betrachtet) eroberten sie die Vereinszimmer von Gaststätten und ganze Automaten -- Dielen. Schließlich mußten auch konservative Karambol-Spieler kapitulieren -- unter Geknall und Gepolter drang Pool bis in die Beletagen von Akademien und Casinos vor.
Freilich: Klaus Dieter Mayer. Geschäftsführer im Deutschen Billard-Bund, sieht »keine Grundlage zur Gleichberechtigung«. »Der Sinn ist schnell erschöpft. Die Regeln sind zu einfach«, erläutert der West-Berliner Dieter Müller, dreizehnfacher deutscher und dreifacher europäischer sowie Vizeweltmeister im Cadre 47/2.
Doch gerade deshalb, scheint es, greifen zunehmend auch Damen aller Jahrgänge zur Stoß-Stange am Pool. »Na klar«, kommentiert Meister Müller den Zeitvertreib, »wenn der Ball ins Loch geht, ist das Erfolgserlebnis da.«
Namentlich um die Frauen an den Tisch zu holen, ließen sich Amerikas Pool-Tischler Varianten einfallen. Sie fertigten runde Tische, elliptische, sechs- und achteckige, solche mit einem Loch nahe der Mitte, andere als Mehrzweckplatten (auch für Bridge und Dinner) und wählten als Tuchfarbe statt des traditionellen Grün modische Töne wie Mandarine und Gold. Entsetzen selbst unter Pool-Spielern löste ein BH-Inserat der Miederfirma »Maidenform« aus. Das spärlich gegürtete Modell stand in einem Pool-Salon und flüsterte: »Ich träumtem ich nahm das Queue ...
Sie war schön anzusehen, und auch der Büstenhalter saß perfekt. Nur: Sie hielt die Stange völlig falsch.