KATASTROPHEN Kochender Kopf
Arbeiter beschrieben das erste alarmierende Geräusch als »Banshee wail« - das Heulen des Geistes, der nach schottischem Volksglauben den Tod eines Familienmitglieds ankündigt. Dann folgten mehrere Explosionen, und innerhalb von Minuten verwandelte sich die künstliche Insel in ein flammendes Inferno.
»Ich stand vor der Frage, springen oder geröstet werden«, erzählte der Techniker Ron Carey, 45. Er sprang 30 Meter von der Plattform ins Meer und hatte Glück, weil er sich nicht die Knochen brach und im Wasser landete, auf dem kein ausströmendes Öl brannte. Um ihn herum züngelten Flammen. »Mein Kopf fing an zu kochen«, berichtet Carey, »ich mußte immer wieder untertauchen, um ihn zu kühlen.«
Carey gehört zu den Davongekommenen der größten Katastrophe in der Geschichte der Erdölindustrie. 166 Männer starben, als Mittwochabend eine Serie von Explosionen die 120 Meilen nordöstlich von Schottland in der Nordsee verankerte Bohr- und Fabrikinsel »Piper Alpha« zu einem ausgeglühten Stahlgerippe reduzierte. Der Versicherungsschaden wird auf über eine Milliarde Dollar beziffert.
Während der Katastrophe war das Meer ruhig und die Sicht gut. Das als größte schwimmende Feuerwehr der Welt geltende Versorgungsschiff »Tharos« dümpelte keine Meile entfernt von der Piper Alpha; innerhalb von Stunden war eine von Nato-Schiffen geführte Rettungsflotte zur Stelle.
Aber die Hilfswilligen auf Schiffen, in Hubschraubern und Flugzeugen mußten weitgehend machtlos zusehen, wie die Piper Alpha einer Fackel gleich brannte und schließlich teilweise im Meer versank.
Denn wie bei einem Vulkanausbruch flogen glühende Teile durch die Luft. Flammen erfaßten auf dem Heliport der Ölinsel verzweifelt winkende Männer. Ein Boot, das vom Schlepper »Sandhaven« aus zu der brennenden Bohrinsel eilte, um Arbeiter zu retten, ging selbst in Flammen auf. Kein Schiff und kein Hubschrauber konnte sich der Piper Alpha wirklich nähern. 64 Überlebende wurden Hunderte Meter entfernt von der Insel aus dem Wasser gefischt.
»Der Preis für Nordsee-Öl und -Gas wird mit Blut beglichen«, schrieb der Londoner »Daily Mirror«. Seit der Boom in der Nordsee begann, starben auf britischen und norwegischen Ölfeldern über 500 Menschen. Beim Kentern der norwegischen Insel »Alexander Kielland« 1980, der bis dahin größten Katastrophe, waren 123 Ölarbeiter umgekommen. Ihr Beruf gilt als elfmal so gefährlich wie die Tätigkeit im Baugewerbe, neunmal so gefahrvoll wie die Arbeit der Kumpel im Bergbau.
Ob das unvermeidlich ist, diskutieren die Briten nach dem Piper-Alpha-Desaster. »Diese Industrie gibt im Verhältnis zu ihren Einnahmen weniger für Sicherheitstraining
aus als jede andere Branche«, behauptete der Energie-Sprecher der Labour-Opposition, John Prescott.
Experten empfehlen seit längerer Zeit eine generelle Überprüfung der Sicherheitsvorschriften, die zum Teil schon 20 Jahre alt sind. Auch die meisten technischen Einrichtungen, die Stahlträger und Plattformen, Rohrleitungen und Wohnbauten halten nun schon bald zwei Jahrzehnte den Wellen und Winden der Nordsee stand.
Die dem Occidental-Petroleum-Konzern des US-Industriellen Armand Hammer gehörende Piper-Alpha-Plattform arbeitet seit Dezember 1976. Mit einer Tagesproduktion von 167 200 Barrel Öl und 23 Millionen Kubikfuß Gas als Jahresdurchschnitt galt Piper Alpha als eine der profitabelsten Anlagen in der Nordsee, Förder- und Fabrikinsel in einem. Das aus dem Meeresboden herausgepumpte Gemisch aus Öl, Gasen und Wasser wird in auf der Insel installierten Anlagen getrennt und in verschiedenen Rohrleitungen aufs Festland geleitet.
Am vergangenen Mittwoch entwich offenbar Gas aus der Kompressionskammer - darauf deutet das von den Überlebenden wahrgenommene klagend-heulende Geräusch hin. Das Gas entzündete sich aus bislang ungeklärter Ursache und zerstörte in einer Kettenreaktion von Explosionen den Fabrikteil der stählernen Insel.
Der seitwärts darüber gelegene Wohnteil, der 240 Arbeitern Unterkunft bietet, fing Feuer. Weil das alles unheimlich schnell ablief, gelang es niemandem, die Rettungsboote der Plattform flottzumachen.
»Ein mächtiger Pilz von Flammen und Rauch stieg in die Luft«, sagte der gerettete Arbeiter Tony Sennet, 34, »es war, als ob eine Atombombe eingeschlagen hätte.«
Der schreckliche Unfall überraschte nicht alle. »Potentielle Zeitbomben« sieht der Off-shore-Spezialist Dan Kirkwood vom Robert Gordon Institute of Technology in Edinburgh in vielen der insgesamt 140
Nordsee-Ölinseln. »Sie suchen ein feuergefährliches Produkt (Öl und Gas), aber das Material, mit dem sie arbeiten, ist teilweise selbst feuergefährlich.«
Auf Piper Alpha war im März 1984 schon einmal ein Feuer ausgebrochen, nachdem sich im Kondensationsteil stromleitende Apparaturen entzündet und eine Explosion ausgelöst hatten. Der Taucher Keith Wagland, der damals zusammen mit 175 Arbeitern per Hubschrauber evakuiert wurde, hielt die Insel für eine »Todesfalle«.
Daß auch die Besatzung von Piper Alpha mit den Sicherheitsvorkehrungen unzufrieden war, enthüllte nach dem Unglück die Gewerkschaft »Manufacturing, Science und Finance Union« (MSFU), die auf der Insel mit 60 Mitgliedern vertreten war. Vor zwei Jahren hatte sich ein Komitee aus Arbeitnehmern und Managern aufgelöst, weil Verbesserungsvorschläge der Arbeiter nie ernst genommen worden waren.
Am Freitag vergangener Woche ließen sich über 100 Ölarbeiter von drei Bohrinseln der Gesellschaft BP aufs Festland fliegen. Sie hatten aus Protest gegen mangelnde Sicherheitsvorkehrungen gekündigt.
Die MSFU beklagt darüber hinaus, daß es in Großbritannien keine unabhängige Instanz gebe, welche die Sicherheit von Bohrplattformen und -anlagen kontrolliert.
Die Verantwortung dafür war 1980 von der Gesundheits- und Sicherheitsaufsichtsbehörde an das Energie-Ministerium übergegangen. Das aber erfüllt nach Meinung der Gewerkschaft »gleichermaßen die Funktion des Jagdaufsehers und des Wilddiebs«. Denn das Ministerium ist an der für Großbritanniens Zahlungsbilanz so essentiellen Förderung von Nordsee-Öl interessiert.
Das Unglück kostet London Exporteinnahmen von 80 Millionen Pfund monatlich, ein schwerer Schlag. Denn 300 Millionen Pfund Öleinnahmen im Monat milderten bislang Großbritanniens wachsendes Handelsdefizit. Zusätzlich verliert der Finanzminister allein durch Schließung des Piper-Alpha-Feldes Steuereinnahmen von jährlich bis zu 400 Millionen Pfund.
Auf dem internationalen Ölmarkt aber steigen nach der Piper-Alpha-Katastrophe die Preise: Nordsee-Brent-Crude-Öl, am Mittwoch noch für 14,70 Dollar zu haben, kostete am Donnerstag 15,65 Dollar pro Barrel.
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Bohrinsel Piper Alpha Hubschrauber-Landeplatz Mannschaftsquartiere Stromerzeugung Rettungsboote möglicher Explosionsherd Druckgas Öl- und Gasseparator Bohrmast Arbeitsbühne Gasfackel Zeichnung nach: »The Independent« Bohrinsel Piper Alpha Sbetland Inseln Orkney Inseln GROSSBRITANNIEN Aberdeen Edinburgh NORDSEE
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