Köder und Sprinter - DER SPIEGEL
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ABWEHR-RAKETEN Köder und Sprinter

• aus DER SPIEGEL 50/1964
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wieder einmal spielten die Elektronenrechner im amerikanischen Verteidigungsministerium die Stunde Null eines Atomkriegs durch. Dann präsentierten sie eine Rechnung:

Den Preis eines Chevrolet - 2800 Dollar (11 200 Mark) - wird jede amerikanische Durchschnittsfamilie aufwenden müssen, wenn nur die 20 größten US-Bevölkerungszentren, in denen 35 Prozent aller Amerikaner wohnen, gegen sowjetische Interkontinental-Raketen geschützt werden sollen.

Noch vor Ende dieses Jahres will US-Verteidigungsminister McNamara entscheiden, ob das bislang aufwendigste und technisch komplizierteste Abwehrprojekt der Vereinigten Staaten verwirklicht werden soll: ein Waffensystem, das sowjetische U-Boot- oder Interkontinental-Raketen während des Anflugs auf amerikanische Großstädte abfangen und in der Luft zerstören könnte.

Letzten Monat stellten US-Militärs erstmals der Öffentlichkeit ein Kernstück dieses Abwehrsystems vor, dessen Einzelheiten bislang, wie die amerikanische Fachzeitschrift »Missiles and Rockets« formulierte, »so geheimgehalten worden sind wie das Projekt Manhattan« (der Bau der ersten Atombombe) während des Zweiten Weltkriegs:

Die Journalisten sahen ein originalgetreues Modell der Anti-Raketen -Rakete »Sprint«, die während der kommenden Wochen auf der Pazifik-Insel Kwajalein erprobt werden soll. Das zuckerhutähnliche Projektil, das auch in seinen Umrissen von herkömmlichen Raketenformen abweicht, wird alle seine Vorläufer an Start- und Spurtgeschwindigkeit weit übertreffen.

Bereits seit einem Jahrzehnt beschäftigt amerikanische Militärtechniker das Problem, auf welche Weise sowjetische Interkontinental-Raketen abzufangen wären, die im Ernstfall mit der kaum vorstellbaren Geschwindigkeit von acht Kilometer in der Sekunde auf die Vereinigten Staaten niedergehen würden.

Erstes Ergebnis solcher Überlegungen war die Abwehrrakete »Nike Zeus«, von der mittlerweile mehrere Prototypen gebaut und (gegen amerikanische »Atlas«-Raketen, die als fliegende Übungsziele dienten) erprobt wurden. Zuverlässig vermag die Nike Zeus feindliche Interkontinental-Geschosse abzufangen, sobald sie die Flugkörper vermittels ihrer hochempfindlichen und vielfältig wirksamen Radar-Geräte aufgespürt hat.

Aber diese Abwehrwaffe könnte mit einem Verwirrungstrick leicht überspielt werden: Wenn die Sowjets neben den atomaren Raketen-Sprengköpfen eine Vielzahl von Sprengkopf-Attrappen auf den Weg bringen würden, die sich auf dem Radar-Schirm nicht von den scharfen Geschossen unterscheiden ließen, könnte die Nike-Zeus-Abwehr nur noch per Zufall den einen oder anderen der feindlichen Atom-Sprengköpfe auffinden und abschießen.

Die Radar-Unterscheidung zwischen Sprengköpfen und Attrappen ist jedoch zweifelsfrei möglich, sobald die feindlichen Flugkörper bei der Annäherung an ihre Ziele in die dichteren Schichten der Atmosphäre eintauchen

- dann freilich ist auch die Zeitspanne

beträchtlich kürzer, die der US-Abwehr zum Abfangen der atomaren Sprengköpfe noch bleibt.

Die Nike Zeus wäre für einen solchen Blitz-Auftrag zu langsam und zu schwerfällig; sie würde die Sowjet-Raketen erst wenige Kilometer über dem Zielgebiet treffen können, und die Vernichtungsgewalt der roten Atomgeschosse würde dabei allenfalls geringfügig gemindert.

Demgegenüber ist die »Sprint« -Rakete des neuen, mit einem Kostenaufwand von sechs Milliarden Mark entwickelten Abwehrsystems ("Nike X") in der Lage, mit Spurtgeschwindigkeit Feindraketen auch dann noch vernichtend abzufangen, wenn sie schon so nahe sind, daß sie eindeutig von etwaigen Köder-Projektilen unterschieden werden können. Schon Sekundenbruchteile nach dem Start aus dem unterirdischen Silo zündet die Sprint ihren besonders schnell brennenden Fest-Treibstoff und erreicht innerhalb von zehn Sekunden eine Flughöhe von 50 Kilometer.

Wie sehr die amerikanischen Techniker bei der Nike-X-Entwicklung buchstäblich mit jeder milliardstel Sekunde geizten, um die Reaktionsschnelligkeit des Abwehrsystems zu vergrößern, verdeutlicht ein Konstruktionsdetail der elektronischen Rechenanlage im bodenständigen Feuerleitsystem der Raketen. Elektronische Arbeitseinheiten in der Apparatur, die noch bei der Nike Zeus etwa die Größe eines Leitz-Ordners hatten, wurden jetzt auf den Umfang eines Streichholzbriefchens mikrominiaturisiert (SPIEGEL 7/1964) - aber nicht etwa, um Platz zu sparen.

Der Grund ist vielmehr, daß die - ohnehin mit Lichtgeschwindigkeit ab-, laufenden - elektronischen Rechenvorgänge durch die nunmehr verkürzten Schaltwege noch um einige milliardstel Sekunden schneller beendet sind, eine Zeiteinsparung, die bei der neuartigen Raketenabwehr von Bedeutung ist.

Rund 65 Milliarden Mark müßten die Vereinigten Staaten aufwenden, um ihre zwanzig wichtigsten Metropolen mit einem Abwehrgürtel von spurtstarken Sprint-Raketen zu umgeben. In Planspielen ermittelten die Militärs den voraussichtlichen Nutzeffekt solchen Aufwands: Die Zahl der Atomtoten bei einem massiven sowjetischen Angriff auf die USA würde um 48 Millionen verringert werden - von 144 Millionen (wie sie ohne Raketenabwehr und zivilen Luftschutz zu erwarten wären) auf etwa 96 Millionen.

Den geplanten Raketen-Abwehrschirm auch auf die restlichen amerikanischen Großstädte auszudehnen, halten die Militärplaner jedoch wegen der astronomischen Kosten eines solchen Unterfangens für unmöglich: Die Einrichtung einer allamerikanischen Nike -X-Abwehr würde den ganzen amerikanischen Verteidigungs-Etat eines Jahres verschlingen - rund 240 Milliarden Mark.

Anti-Raketen-Rakete »Sprint« (Modell)

48-Millionen Tote weniger?

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