Köpfe rollen - DER SPIEGEL
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Verlage Köpfe rollen

Mit immensen Garantiehonoraren in Millionenhöhe wollen amerikanische Verleger Bestseller züchten - mit halsbrecherischem Risiko.
• aus DER SPIEGEL 29/1990
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Knapp einen Nachmittag mußte sich der Thriller-Autor Ken Follett ("Die Nadel") in Geduld fassen. Dann, als sein Agent einige Telefongespräche geführt hatte, war Follett um 12,3 Millionen Dollar reicher - garantiertes Honorar für zwei Bücher. Zu Papier gebracht hatte Follett davon noch keine Zeile.

Das war Ende Juni. Ähnlich Gutes war kurz zuvor seinem englischen Kollegen Jeffrey Archer ("Kain und Abel") widerfahren: Stattliche 20 Millionen Dollar offerierte ihm ein amerikanischer Verlag für immerhin drei neue Bücher. Eins davon ist sogar schon fertig.

Dergleichen Pokerpartien um ungeschriebene Bücher sind nicht unbedingt neu. Zwischen fünf und sieben Millionen Dollar Garantiehonorar wurden dem Autor Tom Wolfe für einen neuen Roman geboten, nachdem dessen »Fegefeuer der Eitelkeiten« die Hitlisten von 1988 angeführt hatte - zu einer Zeit, als Wolfe von seinem zweiten Roman eher embryonale Vorstellungen im Kopf wälzte.

Inzwischen aber, bei stagnierenden Verkaufszahlen, erscheint der Honorarpoker selbst der heißluftgewohnten amerikanischen Bücherbranche als überzogen, manchen Verlegern der Verkäufermarkt für ungeschriebene Manuskripte als »hysterisch«, ein Ausdruck entweder von »Verzweiflung« oder schlicht »Dummerhaftigkeit«. Gleichwohl bieten alle mit, Viking Penguin und New American Library zum Beispiel zwischen 30 und 40 Millionen Dollar für die nächsten vier Horrorschwarten des Stephen King.

Rund fünf Millionen Dollar warf Warner Books für die Südstaaten-Autorin Alexandra Ripley und deren Fortschreibung von Margaret Mitchells Welterfolg »Vom Winde verweht« aus. In den nächsten Monaten soll das 1000-Seiten-Manuskript vorliegen.

Sogar die Deutschen sind mit von der Partie: Hoffmann und Campe legte für die Übersetzungslizenz von Ripleys Tränendrücker über eine Million Mark hin und hofft dafür auf ein gesegnetes Weihnachtsgeschäft. Der Frankfurter S. Fischer Verlag hat sich für 1,8 Millionen Mark die deutschen Rechte an Nelson Mandelas Memoiren ersteigert, laut Buchreport die »höchste Summe, die bisher für die vergleichsweise ,kleine' Sprache Deutsch im internationalen Bestsellergeschäft geflossen ist«. Mandelas Vertrag räumt ihm (oder seinem Ghostwriter) eine Schreibzeit von zwei Jahren ein.

Der Millionenpoker wird in einem Industriezweig gespielt, in dem die Aussichten auf ansehnliche Gewinne und wüste Zusammenbruchsvisionen so dicht zusammenliegen wie selten zuvor, wo inzwischen nur mehr ein halbes Dutzend Verlagshäuser (die zum Teil von branchenfremden Konzernen aufgekauft worden sind) den Markt beherrschen und wo, so das New Yorker Wall Street Journal, »Köpfe rollen« und »Blutbäder« stattfinden.

Beim renommierten New Yorker Random House räumte nach 28jähriger Amtsausübung der in der Branche überaus geschätzte Andre Schiffrin seinen Sessel bei der Random-Tochter Pantheon - nachdem ein Mann ins Topmanagement gehievt worden war, dem Random-Starautor und (Auflagen-) Millionär James Michener bestenfalls Qualitäten als »Erbsenzähler« bescheinigte.

Der Eklat führte zu einer Protestresolution von über 300 Autoren und einer Demonstration vor dem Verlagshaus. Pantheon, dessen Autorenliste »eine genaue Kenntnis der modernen Weltliteratur vorführt« (Die Zeit), hat in seiner 48jährigen Geschichte Autoren wie Studs Terkel, Günter Graß, Boris Pasternak, Marguerite Duras und Simone de Beauvoir verlegt.

Der Vorfall ist symptomatisch für eine Branche im Umbruch. Auf der Verkaufsseite haben in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre riesige Buchhandelsketten den Markt erobert. Nur zwei, höchstens drei Wochen haben dort Taschenbuch-Neuerscheinungen Zeit, um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen. Hardcover-Büchern, die nach strenger Rationalisierung und erhöhter Druckauflage inzwischen fast wie Taschenbücher vermarktet werden können, geben Experten immerhin rund zwei Monate Bewährungsfrist im Regal - schlechte Zeiten für anspruchsvolle Ware.

Für die rasante Drehgeschwindigkeit sorgen allmonatlich auftauchende Verlagsvertreter oder gleich die Lastwagenfahrer der Großhändler, die Flops und Langsamstarter gegen Frischware austauschen: Bücher eben, die per Design, Herstellungsverfahren und Reklame auf Bestseller komm raus emporgepeitscht werden können. Die Gefahr, laut Wall Street Journal: »Riesige und weiter wachsende Garantiesummen für Autoren suchen die Verleger jetzt in Form von Lastwagen unverkaufter Bücher heim.«

Hollywood heizt dabei kräftig mit. Als im Januar dieses Jahres der Autor Warren Adler seinen neuen Roman »Private Lies« fertiggestellt hatte, setzte seine Agentur Boten mit Adlers Manuskriptfassung von »Private Lügen« über eheliche Untreue und Verrat in der Liebe erst mal in Richtung auf 15 Studios in Marsch - Adler ist Autor von »War of the Roses«, dessen Filmfassung ("Der Rosen-Krieg") allein in den USA mehr als 84 Millionen Dollar eingespielt hatte. Nach 24 Stunden hektischer telefonischer Auktionen jagte Tri-Star Pictures den Konkurrenten die Rechte für 1,2 Millionen Dollar ab, noch bevor die ersten Druckfahnen vorlagen.

Dabei lief diese Prozedur halbwegs zivilisiert ab. »In dem Sumpf, in dem ich nun mal sitze«, sagt Ken Folletts Agent Al Zuckerman, »gibt es ein ausgeklügeltes System, nach dem Manuskripte exakt zu der Minute geklaut werden, zu der sie den Verleger erreichen.« Am Manuskriptklau sind in fröhlicher Eintracht Sekretärinnen, Lektoren, Kopierladen- und Buchklubpersonal, Mitarbeiter an Fachzeitschriften, Rezensenten und auch die Autoren selbst beteiligt.

Die Verwilderung der Sitten freilich hat auf ironische Weise etlichen Schriftstellern zum Vorteil gereicht, die sogar unter dem geschäftsschädigenden Makel des Literaturverdachts zu leiden haben - sofern sie bei Andrew Wylie, 42, unter Vertrag stehen, dem »heißesten und verhaßtesten Agenten New Yorks« (The Guardian), der Werke des verstorbenen Bruce Chatwin ("Traumpfade"), V. S. Naipaul, Susan Sontag, David Leavitt, Allen Ginsberg und seit der vorvorigen Woche Italo Calvino betreut.

Seinen größten Coup landete Wylie, früher Amphetaminschlucker, Dichter und Kumpan des Rockstars Lou Reed, als er - unerhört in der Branche - den Autor der »Satanischen Verse«, den später vom Ajatollah Chomeini mit Todesurteil bedrohten Salman Rushdie, der Konkurrenz wegschnappte, indem er ihm ziemlich fehlerfrei die ersten Seiten alter Rushdie-Werke rezitierte. Der geschmeichelte Autor lief ebenso zu Wylie über wie I. F. Stone, der mit einem Roman über den Prozeß des Sokrates schwanger ging und dem Wylie am Telefon Verse Homers skandierte.

Der »ungezogene Schuljunge« Wylie (so bewundernd Time) pflegt Verleger zu vergrätzen, indem er auch literarisch hochkarätige Klienten handelt, als wären sie Sportler oder zumindest Bestseller-Autoren. Wylies eigentlich altmodisch wirkendes Credo: Langfristig beraubt sich ein Verlagshaus, das seinen Autorenstamm nicht pflegt, seines eigentlichen Kapitals.

Für bescheidene anderthalb Millionen Dollar offerierte er etwa die ungeschriebenen nächsten drei Werke des Sensibilisten Philip Roth ("Portnoys Beschwerden") dessen ureigenem Verlagshaus Farrar, A. Strauß & Ciroux. Der Verleger winkte ab, Wylie erzielte bei der Konkurrenz immerhin 1,2 Millionen Dollar an garantiertem Honorar - fast das Dreifache der bisher üblichen Roth-Honorare.

Einen ähnlichen Poker wie um die anspruchsvollen Roth-Stoffe, meinte feinsinnig Die Zeit, werde es hierzulande kaum geben: »Amerika ist doch noch weit.«

Doch wenn's ums Triviale geht, wird's eng. Letzte Woche verkauften Heinz G. Konsalik und Tochter ihre Verlage Hestia, Diana und Neff an den Heinrich Bauer Verlag. Einer der Verkaufsgründe: Hestia-Autor Robert Ludlum wechselte aufgrund eines hohen Garantievorschusses zur Konkurrenz.

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