Kohl oder Birne - DER SPIEGEL
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Kohl oder Birne

• aus DER SPIEGEL 16/1992
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Gleichberechtigung ist nicht mehr aufzuhalten, sie macht selbst vor der Ehe, der perfektesten und perfidesten Unterwerfungsmaschine, die sich die Zivilisation hat einfallen lassen, nicht mehr halt.

Der Staat in seiner unendlichen Fürsorgepflicht hat jetzt, mit dem neuen Namensrecht, geregelt, wie sich die schier grenzenlose Gleichheit vor dem Gesetz in der Nomenklatur der Ehe niederzuschlagen hat. Der Gesetzentwurf, den das Kabinett gebilligt hat, »entspricht«, wie Bundesfrauenministerin Angela Merkel (CDU) befriedigt feststellte, »dem Verfassungsideal einer gleichberechtigten Partnerschaft«.

Lange Jahrhunderte war es ja so, daß eine Eva-Maria von Klangenburg-Cypressenhain sich dadurch, daß sie sich einem Ehemann auch rechtlich hingab, einfach Frau Schmitz wurde, während Herr Schmitz Herr Schmitz blieb, da half ihm kein Gott und kein Standesamt.

Bestenfalls konnte er seinen Namen wegen Häufigkeit durch die Geographie der Ortsansässigkeit veredeln. Kam Adam Schmitz also in den Bundestag oder den Aufsichtsrat, dann mauserte er sich zu Adam Schmitz-Rauxel, der dadurch von Herrn Schmitz-Schweppingen deutlich zu unterscheiden war.

Die geborene von Klangenburg-Cypressenhain, immerhin, konnte sich in den letzten Jahren nicht nur den Kosenamen Emma zulegen, ohne von ihrem Mann auf Unterlassung aufrührerischer Namensgebung verklagt zu werden. Nein, sie durfte sich auch Eva-Maria Schmitz-Rauxel-Klangenburg-Cypressenhain nennen.

Es waren vom Gesetzgeber nur Doppelnamen verboten, die vier Schreibmaschinenzeilen auf einem vom Standesamt genormten DIN-A4-Blatt überschritten oder die beim ungekürzten Aussprechen einen mittelschweren Asthma-Anfall provozierten.

Durch diesen Schritt in Richtung Gleichberechtigung erfreuten sich die Deutschen des wohlwollenden Spotts ihrer europäischen Nachbarn unter dem gemeinsamen Dach: Wenn Herr Schulz-Westernhagen mit seiner Frau Schulz-Westernhagen-Müller-Wipperfurt auftrat, wurde die ganze Anmutung deutscher Provinz samt Fachwerk, Fußgängerzone und Schwiegermutter spürbar. Ein heimeliger Hauch demokratischer Gesittung machte sich schon per Namensnennung breit.

Jetzt hat man die Wahl. Man kann entweder nach der Gattin Senf oder nach dem Mann Essig heißen, man kann sich für Essig-Senf und für Senf-Essig sowie für Senf-Solingen und Essig-Elberfeld entscheiden. Man darf sogar, wenn man sich nicht einigt, auf die Eheschließung verzichten - so liberal ist deutsches Recht.

Man kann aber auch, wenn man sich nicht einigt, den Standesbeamten durch das Los entscheiden lassen. Er holt eine Münze aus der Tasche, ruft dann Frau Vera Adler und Herrn Peter Zahl im Moment der gesetzlichen Vereinigung, die der Brautnacht ja nicht unbedingt mehr vorauseilt, die Frage »Kopf oder Zahl?« zu, und schon sind die beiden dank Schicksalsentscheidung Herr und Frau Adler oder Frau und Herr Zahl.

Vor dieser Möglichkeit schrecken Leute, die so wohlklingende Namen wie Pfalzgraf oder Kortzfleisch ihr eigen nennen, natürlich zurück und bleiben womöglich ledig.

Um Krisen im Eheschließungsgewerbe zu vermeiden, könnte sich der Vorschlag hören lassen, daß dem Ehevollzugsmann oder der entsprechenden Beamtin bei seinem (oder ihrem) schweren Benennungsamt mit einem Präferenzenkatalog zu helfen wäre.

Bestimmte Namen hätten den Vorrang und Vorzug vor andern, nach der Regel etwa, daß Gemüse vor Obst komme (Kohl siegt gegen Birne) oder daß höhere Tiernamen den Vorzug vor niederen genössen: Reblaus gewinnt gegen Laus, von Ochs gegen von Lambsdorff.

Außerdem sollten allen durch den Standesbeamten gewaltsam umbenannten Verehelichten eine Reuefrist und ein Regreßrecht eingeräumt werden. Für den Fall, daß sie ihren neuen Namen innerhalb von 14 Tagen bereuen, können sie den alten abgelegten wieder anlegen. Voraussetzung ist eine lebenslängliche Unterhaltszahlung an denjenigen, dessen Name auf diese Weise verschmäht wurde.

So ließen sich die letzten Ungereimtheiten und Härtefälle im ohnehin nicht einfachen Zusammenleben der gleichberechtigten Geschlechter beseitigen.

Daniel Doppler
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