FILM Kolossales Märchen
Im Atelier 5 der römischen Filmstadt Cinecitta hängt ein halbes Dutzend Arbeiter wie Klettermaxen in den Reißleinen eines zehn Meter hohen Heißluftballons. In dem komischen Ungetüm, zusammengenäht aus seidener Rokoko-Reizwäsche, ist der verrückte Baron von
Münchhausen einmal mehr durch imaginäre Welten gereist. Nun kann der geblähte »Zeppelin« im Atelier 5 eingepackt werden: Die jüngste Filmreise des kühnen Abenteurers und notorischen Lügners ist nach sechs Monaten Drehzeit zu Ende gegangen.
Aus dem burlesken Klassiker, den vor gut 200 Jahren der wegen Betrügereien nach London geflüchtete Kasseler Professor Rudolf Erich Raspe auf englisch veröffentlicht hat, entstand in Rom ein Kolossalfilm, der seinesgleichen sucht: Mit 30 Millionen Dollar Produktionskosten gilt er als das aufwendigste Werk, das seit »Cleopatra« (1962) in Cinecitta hergestellt wurde. Zu Weihnachten soll der Film gleichzeitig in Deutschland, den USA,England, Frankreich und Spanien anlaufen.
Der deutsche Produzent Thomas Schühly, 37, hat das Ding möglich gemacht. Doch mit dem für ältere Fans »unvergeßlichen« Hans-Albers-Film von 1943 soll es, schon aus urheberrechtlichen Gründen, nicht das geringste zu tun haben. Der Außenseiter Schühly, der als Ex-Jurastudent und Karate-Lehrer am Bochumer Theater zur Fassbinder-Truppe gestoßen war, dann als Assistent und Produktionsleiter bei »Berlin Alexanderplatz«, »Lola« und »Veronica Voss« Filmerfahrung gesammelt hat, wagte mit der Verfilmung des deutschen Abenteuerstoffs seinen Sprung ins große internationale Kinogeschäft. »Wir drehen in Rom«, entschied er, »weil dort die besten Filmhandwerker der Welt sitzen, die Kosten 40 Prozent unter den deutschen liegen und dafür 100 Prozent mehr Qualität geboten wird.«
Seine positiven Rom-Kenntnisse hatte sich Schühly erworben, als er für die Neue Constantin in Cinecitta vor zwei Jahren die Produktion »Der Name der Rose« durchzog und dabei in der 50 Jahre alten Filmstadt alle die erfahrenen Zauberer kennenlernte, die im internationalen Business als Markenartikel gehandelt werden: etwa den Architekten Dante Ferretti ("Ginger und Fred«, »Schiff der Träume"), den Kameramann Giuseppe Rotunno ("Der Leopard«, »Amarcord") und die Kostümbildnerin Gabriella Pescucci - für seinen »Münchhausen« nahm er sie unter Vertrag.
Die Idee, Münchhausens Abenteuer neu zu verfilmen, zum fünften Mal seit Georges Melies anno 1911, war nicht Schühly gekommen, sondern dem Amerikaner Terry Gilliam, 47, der seit fast 20 Jahren zu der britischen Anarcho-Komikertruppe »Monty Python« gehört. Die Geschichte des Lügenbarons spukte dem ehemaligen Cartoonisten und Trickfilmer Gilliam mit seiner ausgeprägten Vorliebe fürs Surreale und Groteske schon seit Jahren im Kopf herum: »In unserer Welt, in der die Vernunft die Phantasie verjagt hat, ist es wohltuend zu erleben, wie die Träume eines Mannes Bäume versetzen können.«
Gilliam erfand eine Ballonreise als Handlungsfaden für fünf Fabeln aus dem unerschöpflichen Münchhausen-Fundus, und er gab dem Baron, den nun im Film der britisch-kanadische Shakespeare-Profi John Neville spielt, als Gefährtin die kleine Sally bei, der auf der Leinwand die achtjährige Kanadierin Sarah Polley beachtliches Profil gibt.
Wie Kreuzfahrer im Namen der Kindlichkeit gondeln die beiden durch eine Märchenwelt und lernen immer wieder das Staunen, zum Beispiel auf dem Mond, als sie dem machtgierigen Mondkönig begegnen und dabei erfahren, daß dort die Bevölkerung bei jeder Erdumdrehung das Gedächtnis verliert. Sally und Münchhausen rennen mit der Schattengrenze um die Wette, weil sie fürchten, von ihr verschluckt zu werden.
Im Krater des Ätna, in dem Höllenknechte das Blut der Erde kochen, müssen sie vor dem eifersüchtigen Hausherrn flüchten, dem Gott Vulkan, weil der alte Charmeur Münchhausen es nicht lassen kann, mit der Göttergattin Venus zu flirten. Der alte Mann und das kleine Mädchen rutschen dann quer über den Planeten, stürzen am anderen Ende aber tief ins Maul eines Riesenwalfisches.
Lange fand sich kein Produzent, der das Geld für die teure Ausstattung und die aufwendige Tricktechnik des Filmmärchens lockermachen konnte. In Hollywood wird der brillante Exzentriker Gilliam gefürchtet, seit er die Verleihfirma Universal in zähem Kampf dazu nötigte, seine bitterböse Zukunfts-Satire »Brazil« (1985) unverstümmelt in die amerikanischen Kinos zu bringen. Und
Gilliam findet selbst: »Ich mag das Geld der Amerikaner, aber nur unter der Bedingung, daß ich von ihnen so weit wie möglich entfernt arbeiten kann.«
Eine Art schicksalhaften Zufalls spielte daher mit, als 1986 Thomas Schühly bei Gilliam am Comer See anreiste, um den Regisseur von »Time Bandits« (1981) endlich kennenzulernen. Schon beim ersten gemeinsamen Abendessen wurde der »verrückte« Schühly Komplize des »genialischen Gilliam« (Schühly): »Wir sprachen Stunden miteinander, ich mochte Gilliam sofort, auch weil er mich an Fassbinder erinnerte.«
Es war die richtige Begegnung zur richtigen Zeit, denn Schühly hatte gerade beschlossen, nicht länger im kleinkarierten bundesdeutschen Subventions-Kino herumzuackern, sondern in Rom zu bleiben und den großen Wurf zu wagen. Er tat sich mit Gilliam zusammen und ging auf Geldsuche für »Münchhausen« - natürlich in Hollywood. Als lockende Augenweide für Studiobosse, die nicht gerne Drehbücher lesen, hatte er eine Kollektion farbenprächtiger Ausstattungsentwürfe von Dante Ferretti im Gepäck. Und die machten Eindruck.
Das Pokern und Feilschen zog sich eine Weile hin, doch im Sommer 1987 hatte Schühly beisammen, was er brauchte: einen US-Vertrag mit der Firma Columbia, Bankkredite, dazu zwei Millionen Dollar von der mächtigen italienischen Mediengruppe Cecchi Gori und noch einiges mehr. In der deutschen Fachpresse konnte man damals lesen, bei dem Columbia-Anteil handle es sich, laut Schühly, »um das größte Investitionsvolumen, das je eine US-Firma einem unabhängigen Produzenten zur Verfügung stellte«. Von 40, gar 45 Millionen Dollar war die Rede.
Columbia hielt es für gut, so münchhausenhafte Flunkereien zu korrigieren. Investiert habe man überhaupt nichts, ließ die Firma wissen, und erst bei Ablieferung des fertigen Films werde man zahlen, was vereinbart sei, nämlich 21 Millionen für alle Nordamerika-Rechte - immerhin eine Rekordsumme für einen europäischen Film.
Daß andere Geldgeber bei diesem »Münchhausen« das Sagen hatten, zeigte sich im November: Beinahe wäre es zu einer Bruchlandung des Märchenballons gekommen, denn die kalifornische Versicherungsgesellschaft, die eine Garantie für die Fertigstellung des Films übernommen hatte, legte Gilliam für zwei Wochen das Regiehandwerk. Wenn er so exzessiv weitermache, fand man, werde er das vereinbarte Budget um zehn Millionen Dollar überschreiten. Gilliam mußte sich einige Drehbuchstraffungen auferlegen lassen, und Schühly zog sich noch einmal am eigenen Schopf aus dem Sumpf, indem er durch Lizenzverkäufe frisches Geld auftrieb. Später, schon wieder ganz siegreicher Münchhausen, prahlte er dreist, allein die italienischen Fernsehrechte hätten ihm zwei Millionen Dollar eingebracht.
Nur ein Störenfried, der seit Monaten eine Kampagne gegen diesen »Münchhausen« führt, wird wohl auch weiterhin nicht Ruhe geben: der Amerikaner Allan Buckhantz. Er hat, vor nun schon 20 Jahren, der bundeseigenen Firma Transit-Film die Rechte an einer Reihe von Ufa-Klassikern abgekauft, darunter dem »Münchhausen« mit Hans Albers - und von seinem Alleinanspruch auf einen neuen »Münchhausen« will Buckhantz nicht streitlos lassen, obwohl Stoff und Titel 200 Jahre alt sind.
Der verrückte Gilliam und der verrückte Schühly werden sich davor nun, glücklich am Ziel, nicht mehr fürchten. »Die Filmindustrie braucht Abenteurer, die etwas riskieren«, sagt Schühly, »ohne die sogenannten Verrückten gäbe es sie nicht.«