Fernsehen Komplize Kamera
Wenn die ARD an diesem Sonntag (20.15 Uhr) Ulrich Tukur in »Der Mörder und sein Kind« (Buch: Sabine Thiesler; Regie: Matti Geschonneck) über den Schirm schickt, dürfen sich alle die aufregen, die Verbrecher im Fernsehen am liebsten als perverse Kreaturen sehen, als Marionetten an den Fäden einer mißratenen Gesellschaft, zu Tode erklärt durch die Klischees der Küchenpsychologie.
Der Weg des Düsseldorfer Werbegrafikers Martin Dreyer, der zwei kleine Mädchen ermordet, wird als schreckliche Liebesgeschichte erzählt. Eine geheimnisvolle Sehnsucht zieht den Unglücklichen in das Paradies kindlicher Unschuld und Geborgenheit, das er nur erreichen kann, in dem er es mordend zerstört.
So unschuldig, entspannt und geradezu zärtlich hat wohl selten ein Film im Fernsehen über einen Triebtäter begonnen. Ein Mädchen spielt einsam und selbstvergessen in den Dünen der Nordseeinsel Amrum. Warm und freundlich spricht Dreyer die Kleine an, überreicht ihr einen Seestern, um sie fortzulocken. Das Mädchen bestrickt mit großen Augen nicht nur seinen Mörder, sondern - die Kamera ist immer Komplize - auch den Zuschauer. Ohne es zu wollen, verfällt er der Geschichte.
Auch vor der zweiten Tat sind es die ernsten Blicke des Kindes, die den sich gegen sein Verlangen verzweifelt wehrenden Mörder ins Herz treffen. Nichts Lolitahaftes haftet dem Mädchen an, kein perverses Gelechze auf seiten des Täters mildert die schreckliche Logik der Szene.
Vergebens versucht der Grafiker erst, sich zu töten, dann durch das Zusammenleben mit seinem behinderten Bruder und zuletzt durch eine hastige Ehe sich selbst zu heilen. Die tödliche Sehnsucht ist stärker, erst vor dem Mord am dritten Kind, das seine Frau in die Ehe mitgebracht hat, vermag dieser perverse Tristan den erlösenden Liebestod zu sterben.
Ulrich Tukur macht den inneren Zwiespalt seiner Figur meisterhaft sichtbar. Er führt eine Schauspielerei vor, die über zwei Kanäle zum Zuschauer verfügt: den für das Sichtbare und den für das, was hinter dem Sichtbaren liegt. Er weint, wenn er lächelt, und er giert, wenn er verzweifelt schaut.
Schade nur, daß sich der Regisseur nicht ganz auf die Kunst seines Protagonisten verlassen hat. Es wabert etwas zuviel mystischer Seenebel durch den Film, und die Kamera-Blicke in fließende Gewässer, wenn der Trieb Dreyer zu mörderischer Tat getrieben hat, weisen ins Platte.
Doch Geschonnecks fürchterlicher Liebesfilm besticht, weil er nicht richtet, Kausalitäten zuweist oder Partei ergreift. Er ent-rüstet im wahrsten Sinne des Wortes: Die Rüstungen und Brüstungen der Moral bieten keinen Sichtschutz mehr auf den Schrecken.