Komplott gegen BB - DER SPIEGEL
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Bücher Komplott gegen BB

Ein Roman um den »letzten Kondottiere der deutschen Schwerindustrie« macht schon vor Erscheinen Skandal -- als angeblicher Schlüsselroman um Berthold Beitz.
• aus DER SPIEGEL 28/1973
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Während sich der Industrielle bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko um Günter Netzer sorgt, bricht an der Ruhr sein Konzern zusammen. So wird ein Roman enden, der erst Ende August auf den Büchermarkt kommt, von dem überhaupt erst die Hälfte bekannt ist und der dennoch schon jetzt ins Gerede einer Fachwelt geraten ist, die Belletristik ansonsten wenig bekümmert: »Das Tall-Komplott« von Will Tremper, verlegt bei Molden in Wien.

Die Frankfurter »Wirtschaftswoche« widmete dem unfertigen Buch, von dem der Verlag Leseproben ("Die ersten 280 Seiten") verschickt hatte, eine Titelgeschichte, Groß- und Deutschbankier Hermann Josef Abs schickte ein halbes Dutzend kritische Hinweise an den Verlag. Krupp-Aufsichtsrat Berthold Beitz bat den Autor um Korrekturen. Hinter dem »Tall-Komplott«, einem Buch über den »letzten Kondottiere der deutschen Schwerindustrie« (Molden), witterten sowohl »Playboy« wie »Welt am Sonntag« eine Schlüssel-Geschichte – einen Roman über die Krupp-Krise von 1967 und ihre Hauptfigur Beitz.

Das von dem Münchner Journalisten und Film-Autor ("Die Halbstarken") Will Tremper, 44, konzipierte Romanwerk – ein zweiter Band soll 1974 folgen – erzählt Sturz und Wiederaufstieg des deutschen Top-Managers Benjamin Bach, eines gutaussehenden Verkaufstalents, Chef des Traditionskonzerns Tall. Außenseiter unter der steifen Ruhrprominenz und Anhänger der Sozialdemokratie. Dieser Benjamin Bach, genannt »BB«, trägt Blumen im Revers, kann »lächeln wie sonst keiner in der Branche«, arbeitet ohne Aufsichtsrat und ohne Bilanzen und war bereits Gast bei Chruschtschow. Seine waghalsigen Ostexporte, die Kreditfinanzierungen bedingen, treiben den Konzern in eine Finanzkrise: unter dem Druck der Banken, die ihm weitere Kredite verweigern, und der Bundesregierung wird Tau schließlich in eine Aktiengesellschaft umgewandelt – der in der Öffentlichkeit beliebte, in Bank- und Industriekreisen gehaßte Bach muß den Chefsessel räumen. Die Ähnlichkeiten zu Beitz und zu den äußeren Abläufen der Krupp-Krise sind unverkennbar. Autor Tremper hat denn auch nach eigenem Bekunden in den letzten Jahren mit Beitz »zwei Dutzend Zusammenkünfte« gehabt und sich dabei in den einstigen Majordomus des Krupp-Konzerns »verliebt«.

Aber ein »Schlüsselroman« ist nicht zustande gekommen – zu wenig ist der Autor in die Details der Krupp-Krise eingeweiht, zu weit entfernt er sich von ihr mit seiner »Komplott«-Fiktion.

Für gute Sales-promotion – die den Verkauf fördernden Vermutungen, es handele sich bei dem Buch um eine verschlüsselte Wiedergabe von Insider-Kenntnissen über reale Vorgänge – sorgte allerdings Hermann Josef Abs. Der Alt-Bankier, gelegentlich Gast bei den von »Verleger« Molden veranstalteten »Alpbacher Buchgesprächen«, intervenierte mehrfach bei Molden und legte Wert auf die Feststellung, daß seine Rolle in der Krupp-Krise bei Tremper falsch dargestellt werde – eine Feststellung ohne rechten Anlaß.

Bachs Gegenspieler ist ein Bankier namens Josef Maria Diergard, der zwar – wie Abs – über eine »komische Lesebrille« schaut, »die nur aus den unteren Hälften der Gläser besteht«, im übrigen aber mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank kaum zu verwechseln ist. Trempers Tall-Komplott ist vor allem eine Diergard-Intrige: Dessen Bank will sich bei Tall einkaufen. Hinter ihr wiederum steht ein US-Konglomerat, das über Bach ins Ostgeschäft einsteigen möchte. Diergard will Bach »vernichten«, verliert aber zunächst und wird von seinen Kollegen sogar aufgefordert, selber zurückzutreten. So verwickeln sich die Fäden auf jenen »Komplott«-Seiten, die bislang noch nicht veröffentlicht wurden. Noch in der letzten Woche arbeitete Tremper am Schlußkapitel des Romans – einer effektvoll geschriebenen Kolportage.

Je weiter Tremper die »Tall«-Geschichte fortschrieb, um so weniger wurde sie ein Schlüsselroman über die Krupp-Krise von 1967 – während der in der Tat unter den Beitz-Anhängern sich das Gefühl ausbreitete, das Unternehmen sei einem Bankenkomplott zum Opfer gefallen. Krupp hatte zur Jahreswende 1966/67. bei einem Umsatz von fünf Milliarden Mark, Schulden von über drei Milliarden Mark angesammelt. Konzernlenker Beitz fühlte sich jedoch – »ohne Warnung« – von der Weigerung der Dresdner Bank (seiner Hausbank) und der Ausfuhrkredit-Gesellschaft (Aka) überrascht, ihm weitere Exportkredite ohne eine Bonner Bürgschaft zu bewilligen. Krupp geriet so in einen Strudel von Pleite-Gerüchten. den Ruhr-Star Beitz umgab bald das Odium eines Beinahe-Bankrotteurs. Beitz selbst erinnerte sich noch 1970: »Wenn Alfried Krupp nicht gewesen wäre: drei Monate hätten die mir noch gegeben – und dann einen Tritt in den Hintern*.«

Schon Ende 1968 allerdings wurden alle während der Krupp-Krise von der Aka geforderten Sondersicherheiten wieder aufgerufen; sämtliche Banken erklärten sich bereit, mit Krupp wieder unverbürgte Geschäftsbeziehungen aufzunehmen. Wer ein Komplott gegen Beitz inszeniert haben könnte, wurde nie geklärt. Eher als Deutschbankier Abs. der 1968 die Kontrolle bei Krupp übernahm, geriet der damalige Vorstand der Dresdner Bank, Werner Krueger, in die Verdachtslinie. Kruegers Verhältnis zu Beitz zeigte durchaus zeitweise jene Feindseligkeit, die Tremper über die Beziehungen Diergards zu Bach dichtete.

Der deprimierte Beitz wollte lange Zeit einigen Vertrauten Einzelheiten erzählen. Je mehr sich jedoch der Konzern konsolidierte, um so mehr erholte sich auch Beitz und nahm von möglichen publizistischen Rachegedanken Abstand. Tremper traf Beitz noch zu einer Zeit, als dieser seine Verbitterung selten verbarg. Ursprünglich plante der Journalist deshalb auch ein Sachbuch über die Krupp-Krise. Als Beitz sich jedoch mit der Geschäftswelt an Rhein und Ruhr aufs neue zu arrangieren begann und sogar Mitte 1970 Abs als Aufsichtsratsvorsitzenden bei Krupp ablöste, zog er sich auch von den Buchplänen Trempers wieder zurück.

Dem Autor blieb nur die Fiktion: Tremper begann sein Projekt – zunächst als Fernsehfilm gedacht – ohne Insider-Wissen über Krupp und die Krise, gestützt nur auf Andeutungen über eine mögliche Verschwörung. Als er mit dem Film-Treatment für den WDR nicht fertig wurde und auch der gewünschte »BB«-Darsteller Carl Raddatz nicht verfügbar war, beschied Tremper die WDR-Dramaturgen: »Laßt mich erst mal einen Roman draus machen. Dann können wir den ja verfilmen.« »Für uns«, sagt WDR-Dramaturg Witte heute, »war immer klar, daß das kein Beitz-Film werden würde, sondern einfach einer über einen Supermanager.

Als Beitz sich im Roman über den Supermanager Bach nun dennoch wiedererkannte und um Streichung der »zarten Sexstellen« bat (Bach zu seiner Sekretärin. »Mach mir's schon«), distanzierte sich Tremper von seinem Vorbild: »Sie sind es nicht«, schrieb er an Beitz, »und darum dürfen Sie sich um Himmels willen nicht mit einer solchen schriftlichen Bitte an mich wenden, die sich ja liest, als ob Sie sich vollkommen mit dem Romanhelden identifizierten.« Und als Bankier Abs in der vergangenen Woche erneut bei Molden Beschwerde einlegte, antwortete ihm der »Tall«-Autor selbst: Tremper betonte, seine Erzählung sei frei erfunden. Krupp-Verweser Beitz hat sich mittlerweile damit abgefunden, mit fast 60 Jahren noch als Romanfigur in die Trivialliteratur einzuziehen. Beitz letzten Donnerstag über Trempers »Komplott«: »ich halte es wie der alte Preußenkönig – niedriger hängen.«

* Konzernbesitzer Alfried Krupp, der im Sommer darauf starb, rettete Beitz vor dem Ende seiner Karriere, indem er ihn zum Chef der Stiftung ernannte, auf die er das Unternehmen vererbte.

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