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FILM Kopf hoch!

Mit der Gruselfabel »Sleepy Hollow« eifert »Batman«-Regisseur Tim Burton den Horrorfilmen seiner Kindheit nach - und erweckt ein altes Pferd zu neuem Leben.
• aus DER SPIEGEL 8/2000
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Aus toten Pferden kann man Seife machen, edle Schuhe und Salami; man kann einem alten Gaul aber auch ein bisschen die Gelenke ölen und ein Funkgerät einpflanzen, dann läuft er wieder - sogar, wenn er schon über 50 ist.

Letzteres geht natürlich nur im Kino. 1944 spielte Elizabeth Taylor, gerade 12 Jahre alt, in »National Velvet« eine ehrgeizige Reiterin. Bei den Dreharbeiten verliebte sich Liz - schon damals! - in ihren Filmpartner, einen Hengst namens King Charles, den ihr das »Velvet«-Studio MGM auf ihr Drängen hin schenkte. Indes, die Liebe ging, die Unterhaltsverpflichtungen blieben: 15 Jahre später klagte die Diva, sie müsse immer noch »das Futter für diesen verdammten Gaul bezahlen«.

Dabei waren die Reitkünste der Taylor schon bei »National Velvet« nicht die besten; man brauchte zwei Doubles: eines für Liz, eines für King Charles. Das Stunt-Horse war aus Stahl und fernbedienbar.

An diesen Wunder-Hengst erinnerten sich jetzt die Trickexperten, als sie die Spezialeffekte für »Sleepy Hollow« planten, den neuen Film von Tim Burton. Burton, 41, hatte 1989 die Comic-Fledermaus »Batman« reanimiert; die visuelle Kraft des Regisseurs beeindruckte selbst diejenigen, denen Batman sonst herzlich egal war.

Auch Burtons »Sleepy Hollow«, letzte Woche für drei Oscars nominiert (Kamera, Produktionsdesign, Kostüme), hat bereits rund hundert Millionen Dollar eingespielt - obwohl sich der Film allen Mainstream-Gewohnheiten lustvoll verweigert. Stattdessen erzählt Burton, sehr frei nach dem US-Dichter Washington Irving (1783 bis 1859), eine schräge Gruselfabel.

Anno 1799 liegt Jahrhundertwende-Angst über dem Dorf Sleepy Hollow. Ein im wahrsten Sinne des Wortes kopfloser Reiter tötet wehrlose Menschen, indem er ihnen nimmt, was er selbst nicht hat: den Kopf. Ein junger Polizist (Johnny Depp) wird in das verwunschene Kaff geschickt, um das Rätsel des Reiters - ein ehemaliger Söldner aus Hessen - aufzuklären. Klar, dass bald auch ihm der Reiter an die Gurgel will; klar, dass der Polizist sich das nicht bieten lassen kann: Kopf hoch und durch!

Regisseur Burton witzelt gern, das Drehbuch zu »Sleepy Hollow« (von Andrew Kevin Walker) habe er genau im richtigen Moment bekommen: Er selbst, haha, habe da gerade nicht gewusst, wo ihm der Kopf stehe. Denn nach seinem letzten Film »Mars Attacks!« hatte Burton ein Jahr lang im Auftrag von Warner Brothers eine »Superman«-Neuverfilmung vorbereitet - bis ihm klar wurde, »dass es denen nicht ums Drehbuch ging, sondern um Fragen wie: Wird McDonald's diese Figur auf eine Pommes-Tüte drucken wollen?«. Wollten sie nicht, das Projekt wurde abgeblasen.

Bei »Sleepy Hollow« stellen sich solche Fragen nicht: Blutige »Hollow«-Hamburger werden den Zuschauern wohl erspart bleiben. Dafür strapaziert Burton sie mit Großaufnahmen, die bei jeder Metzger-Fortbildung Verwendung finden könnten. Alle paar Minuten rollt ein Kopf durch den ewigen Nebel von Sleepy Hollow.

Er habe einen altmodischen Film machen wollen, sagt Burton, mit altmodischen Effekten und so wenig Computertricks wie möglich. Schließlich sei das Ganze als Hommage gedacht an die schrecklich-schönen Horrorfilme der Hammer-Studios, jene B-Movies, die er schon als Kind so geliebt habe. Jetzt aber wollte Burton ein B-Movie zu 1a-Konditionen drehen: Er ließ bei London ein ganzes Dorf aus dem Boden stampfen, gab dem alten »Dracula«-Darsteller Christopher Lee eine Nebenrolle und entrostete Liz Taylors Pferde-Attrappe.

Ach, wäre sie doch im Stall geblieben! Denn viel zu oft verkleistert die Abteilung für Effekthascherei den an sich leise-morbiden Charme der Inszenierung, viel zu oft triumphiert der öde Serienkiller-Plot über die Pointen, die der »Shakespeare in Love«-Autor Tom Stoppard in Walkers Drehbuch gesetzt hat.

Tim Burton, so scheint es, hat sich nicht nur in seinen Stoff verliebt, er hat auch zum ersten Mal eine Geschichte halbwegs ernst genommen. Das ist dem Film nicht gut bekommen. MARTIN WOLF

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