Musiktheater Kräftiger Tritt
Fasching droht, und so könnte diese »Fledermaus« durchaus eine Schnapsidee der Basler Fasnacht sein: Wiens klassische Operette verbreitet plötzlich Katerstimmung.
Zwar moussiert die Musik nach wie vor, die k. u. k. Schickeria wirbelt im Dreivierteltakt, und im zweiten Finale zwitschern die Herrschaften immer noch ihr albernes »Duidu duidu«.
Und doch klang diese geniale Lappalie des Wiener Musik-Boulevards in der Basler Neueinstudierung am Freitag letzter Woche nicht so gewienert wie sonst, so gar nicht nach Philharmoniker-Strich und Neujahrskonzert.
Vor allem fehlt das Orchester. Wo Johann Strauß, der Sohn, ein kräftiges Tutti aufspielen ließ, da fiedelt nun ein eidgenössisches Nonett; wo es seit 1874 in Rausch und Bogen schäumt, da tingelt bloß eine neunköpfige Combo.
Ausgedünnt ist auch die Begleitung der Arien und Couplets. Statt Pauken und Trompeten grundieren Klavier und Harmonium. Was sich sonst füllig gibt wie ein langsamer Walzer beim Wiener Opernball, das schrammelt hier so bescheiden dahin wie irgendeine Tanzmusik beim Heurigen: »Die Fledermaus« hat ihre Armeleuteversion. _(* 1991 als Jacques Offenbach, posierend ) _(für das Programmheft seiner Inszenierung ) _(der »Schönen Helena« in Basel. )
Verantwortlich für den schmalen Klang zeichnet der Arrangeur Franz Wittenbrink. Und Herbert Wernicke, der Regisseur und Bühnenbildner, hat dazu die gewohnten Blickfänge abgeschafft: keine Salons, keine Gärten, keine Kanzlei, sondern nur eine einzige, rot illuminierte Treppe vom Bühnenhimmel bis in den Orchestergraben.
Hier rutscht Adele rauf und Alfred runter. Hier trippeln, tänzeln, turteln, intrigieren und kopulieren die Herrschaften nach Herzens- und Lendenlust. Hier schwemmt der Schampus alle Anstandsregeln fort: Man rülpst, grapscht und pinkelt ins Beinkleid.
Wernicke, 45, gehört zu den wenigen Regisseuren, denen im Musiktheater noch öffentliche Ärgernisse glücken. Seit der Bühnenbildner aus dem Schwarzwald im Juni 1978 gleich bei seinem Regiedebüt mit Händels »Belsazar« das Darmstädter Publikum schockierte, ist er immer wieder gut für kleine und große Opernskandale.
Auch die Operette wurde von Wernicke - nun schon zum vierten Male - mit System mißhandelt. Er begibt sich damit auf vermeintlich unseriöses Terrain: Wahrhaft schöngeistige Inszenatoren machen stets einen Bogen um solch seichte Musik.
Auch Wernicke spielt häufig den allzu ernsten Kulturträger. Dann macht er Staatstheater: deutsch, finster und sinnenfeindlich. Wagners Nibelungen"Ring«, den er letzten Herbst in Brüssel an vier Abenden in ein einziges Bühnenbild wuchtete, war schwerblütige Welten-Geschichte.
1986 gab Wernicke in Berlin sein Operettendebüt: Im »Wiener Blut« tanzte kein Kongreß, es gab keinen Ball, niemand hielt taktvoll auf Stil und Moral. Auf der schwarzweiß gehaltenen Bühne standen sechs Konzertflügel, darüber hingen sechs Normaluhren, und sechs Pianisten spielten, sangen und summten, notfalls auch im Liegen. Edelmänner kniffen den Damen in den Po. Und die Opfer, so beobachtete ein Kritiker der Frankfurter Rundschau, »revanchierten sich« zuweilen »mit einem kräftigem Tritt«.
Mochte der Schmäh auch reichlich derb geraten und das Spiel des Pianistensextetts weit unter dem Schmuseklang des Strauß-Orchesters geblieben sein - mit Wernicke, so schien es, wurde die Operette wieder lebendig.
Im nächsten Versuch verging sich Wernicke am »Weißen Rößl«. Dialoge wurden einfach unter- oder abgebrochen, die Schlager aus dem Salzkammergut frech überbrüllt. Während des ganzen Stücks spielte nur eine Mini-Besetzung. Am Ende leierte ein großes Orchester vom Tonband immer dieselben 16 Anfangstakte der Titelmelodie.
Nach dieser theatralischen Hinrichtung war Wernicke endgültig als Operetten-Mörder entlarvt, auch oder gerade weil er sich mit der Behauptung des Gegenteils herausreden wollte: Das »Weiße Rößl« sei »geradezu genial«, einer »Liederoper« ähnlich wie Wagners »Meistersinger« und »kein bißchen schlechter«.
Nun will Wernicke die »Fledermaus« retten - tatsächlich meuchelt er sie nach Plan und genau nach dem Libretto: Er läßt den dritten Akt, wie er ist - fast ohne Musik. Um so mehr wird gelallt, gestottert, gestammelt, geträllert. Da torkeln sie treppauf, treppab, kugeln sich übereinander - jede Minute weniger wäre ein Gewinn für die Operette gewesen.
Aber Wernicke wollte sie ja gar nicht künstlich oder gar kunstvoll beatmen, diese moribunde Gattung. Sie ist ihm nichts als ein toxisches Schmankerl. Macht er so weiter, herzt er sie zu Tode.
* 1991 als Jacques Offenbach, posierend für das Programmheft seinerInszenierung der »Schönen Helena« in Basel.