THEATER Krasser Büchner
Woyzeck, es darf gelacht werden. Im Münchner Volkstheater hatte vergangenen Samstag das Büchner-Fragment um den Soldaten und Barbier Premiere, der die Mutter seines Kindes umbringt, als diese ihn betrügt. Das klingt nicht komisch. Aber der querköpfige Intendant und Regisseur Christian Stückl, 44, bei den Oberammergauer Passionsfestspielen gestählt im Umgang mit biblischem Leid, entlockt dem tragischen Stoff über die Unfreiheit des gedemütigten armen Schluckers die durchaus eigenwillige Gedankenwelt des Helden. Das stärkt die Persönlichkeit des jungen Münchner Woyzeck (Timur Isik in seiner ersten großen Rolle), der so nicht einfach Opfer der Verhältnisse wird, sondern kraftvoll zeigt, warum einer mordet. Ein Stückl-typisches Medley popmusikalischer Einlagen und eine fanatische Stabsärztin (Ursula Burkhart) überzeichnen glaubhaft das grölende Soldatendasein zwischen Appell und Bumslokal. Erst als Woyzeck von dem Treuebruch erfährt, zerreißt der Kokon, den er um sich und seine kostbare Marie (Stephanie Schadeweg) gesponnen hat. Der Sturz ins Bodenlose zwingt das Publikum nach dem komödiantischen Aufgalopp umso krasser in die Trostlosigkeit.