Kribbeln im Zeh - DER SPIEGEL
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UNTERHALTUNG / MONTAND Kribbeln im Zeh

• aus DER SPIEGEL 27/1967
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als hemdsärmeliger Troubadour der ersten Nachkriegszeit besang er einst »La vie en rose« und die Straßen, die Dächer, den Himmel von Paris.

Das ist zwanzig Jahre her. Doch sein Typ ist noch immer gefragt -- in Music Hall, Kino und Plattengeschäft. Noch immer atmet Yves Montand, 45, mit Furchengesicht und rauher Stimme »jenen Hauch lässiger Männlichkeit, der die Zehen jeder normal genährten Dame zum Kribbeln bringt« ("Time").

Als viriler Leinwand-Held präsentierte er sich jüngst wieder im »Grand Prix«, wo er sich auf den Pisten Monzas zu Tode kurvt; im Alain-Resnais-Film »Der Krieg ist vorbei« spielt er einen resignierten Exil-Spanier, der sich vor seiner letzten Partisanen-Reise ins Land Francos mit zwei Pariserinnen die Zeit vertreibt.

Und auch der Chanson-Sänger Montand ist nach dreijähriger Abstinenz nun wieder mobil. Auf einer neuen Langspielplatte stimmt er, heiser und verhalten, unter anderem ein Hochlied aufs »Coucher avec elle« an, aufs »Schlafen mit ihr«.

Gleichzeitig offeriert die Firma CBS für 149 Franc eine braunseidene Luxus-Kassette mit sieben LPs, die Montands Repertoire aus den Jahren 1945 bis 1956 enthalten.

Die »New York Times« verwunderte sich über diesen Star: »Sein Kopf ist zu groß, seine Ohren sind zu groß, seine Nase ist zu groß, sein Kinn ist zu klein, seine Augenlider hängen herunter -- und dennoch addiert sich all dies zu einer unübersehbaren Persönlichkeit im Showgeschäft.«

Schon mit elf hatte sich Montand, der als Ivo Livi in der Toscana geboren worden war, ans Geldverdienen gemacht. Er wurde in Marseille Friseur, Kellner und Docker, landete bei den Metallarbeitern, den »Aristokraten des Proletariats« (Montand), und sang nach Fabrikschluß in Kaffeehäusern. Im letzten Kriegsjahr, als er nach Deutschland zwangsverpflichtet werden sollte, floh er nach Paris und tingelte dort weiter. Ein Song vom »weiten wilden Westen« brachte ihm nach der Befreiung ersten Erfolg.

Edith Piaf (Montand: »Sie hat mich nicht gemacht, doch ich habe viel von ihr gelernt") brachte ihren damals 24jährigen Schützling ans »Théâtre de l'Etoile«.

1946 zeigte er sich dem Kino-Publikum in Marcel Carnés »Pforten der Nacht« (Drehbuch: Jacques Prévert); 1953 spielte er eine Hauptrolle als gestrandete Existenz und Nitroglyzerin-Fahrer in »Lohn der Angst«; 1960 drehte er mit Marilyn Monroe in Hollywood die Musicalkomödie »Let's Make Love«.

Marilyn über Montand: »Er ist der aufregendste Mann, den ich je traf.«

Montand über Marilyn: »Sie war eine dicke Bäuerin mit Chanel Nr. 5 -- der Traum eines .jeden Burschen.« Nach drei weiteren US-Filmen kehrte er, Hollywood-müde, zu seinen Mahagoni-Möbeln, Samtsofas und Giacomettis am Pariser Pont Neuf zurück.

Montand, seit 15 Jahren mit Simone Signoret ("Goldhelm") verheiratet, hat inzwischen vor Chruschtschow gesungen und anschließend bei mitternächtlichem Mahl fünf Stunden lang mit ihm diskutiert. Er sang für Königin Elizabeth, Ben-Gurion und die Kennedys. Doch es gibt für ihn auch ein Land, »in das ich nie reisen werde: Spanien. Und einen Menschen, vor dem ich niemals singen werde: Franco«.

Denn wenn er auch nicht mehr so sowjetophil und KP-begeistert ist wie vorm Ungarn-Aufstand, so hat er doch noch seine »persönlichen Prinzipien, die ich respektiere, um mich selber respektieren zu können«. Dazu gehört: »Ich werde nie ein Gewehr in die Hand nehmen.« Und: »Ich bin für die Leute mit gutem Willen. Es ist nicht meine Schuld, wenn man sie immer auf der Linken findet.«

»Ich bin«, sagt Yves Montand voll guten Willens auf der Linken, »sehr reich und sehr glücklich. Ich habe mein schönes Haus in der Normandie, meinen Swimming-pool und meinen Ferrari, und ich schäme mich all dessen nicht.«

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