WETTER Kricks Tricks
Im Sturm konnte Ike nicht stürmen. Als die alliierten Truppen 1944 zur Invasion rüsteten, war die Forderung des britisch-amerikanischen Generalstabs: vier Tage lang ruhige See, Windgeschwindigkeit im Ärmelkanal nicht über 30 Stundenkilometer.
Nach der Prognose von Wetter-Experten aber war für den 6. Juni derartiges Wetter nicht zu erwarten. Sie rieten von dem in Aussicht genommenen D-Day-Datum ab: Die Invasion sei um mindestens zwei Wochen zu verschieben.
Dennoch entschloß sich General Eisenhower am Abend des 4. Juni, als im Kanal noch Stürme tobten, endgültig für die Invasion am 6. Juni. »We'll go«, befahl Ike und vertraute dabei auf das Wetterwissen eines einzigen Mannes: des Chefmeteorologen des 8. US -Bomberkommandos, Dr. Irving Parkhurst Krick, der als einziger Meteorologe im alliierten Lager prophezeit hatte, der Sturm werde rechtzeitig abflauen.
Die Prognose war richtig. Seitdem trägt Dr. Irving Krick einen Orden, dessen Urkunde ihm bescheinigt, er habe »den einzigen möglichen Tag für eine erfolgreiche Landung bestimmt«. Seitdem auch ist er der umstrittenste Wetterforscher der Welt.
Der ehemalige Oberstleutnant der US-Luftwaffe hat sich im Zivilleben zu einem Rastelli der Meteorologie weiterentwickelt, der auf verblüffende Weise mit Hoch- und Tiefdruckgebieten zu hantieren versteht:
- Aufgrund einer Krick-Prognose wurden 1958 die Olympischen Winterspiele von Squaw Valley auf den 19. bis 28. Februar 1960 festgelegt - obwohl die Amerikanische Meteorologische Gesellschaft (AMS) gewarnt hatte: »Eine Vorhersage zwei Jahre im voraus ist wissenschaftlich unmöglich.« Aber in der zweiten Februar-Hälfte 1960 lag, entsprechend der Prognose Kricks, in Squaw Valley genügend Schnee, während störende Neuschneefälle ausblieben.
- Am 16. Dezember 1960 sagte Krick
für den 20. Januar 1961, den Tag der Amtseinführung von Präsident Kennedy, für Washington »niederschlagsfreies und klares, aber kaltes Wetter« sowie Gelegenheit voraus, Schnee vom Vortag wegzuräumen - obwohl das amtliche US-Wetterbüro, wie die »Saturday Evening Post« schrieb, »solche Prognosen als Wahrsagereien einstuft«. Aber in den Morgenstunden des 20. Januar lichteten sich die Wolken über Washington, es wurde klar und kalt. Auf den Straßen lag der Schnee, der während eines Blizzards in der Nacht gefallen war.
- Im September 1962 nannte Krick
den 7. Februar 1963, 11.00 Uhr vormittags, als günstigen Zeitpunkt für den Start einer Großrakete in Cape Canaveral - obwohl die Wahrscheinlichkeit für das Eintreffen einer solchen Minuten-Prognose, gemessen an den Wetterstatistiken Cape Canaverals, weniger als ein Prozent betrug. Aber als am
7. Februar dieses Jahres, 11.05 Uhr, eine Interkontinentalrakete vom Typ Titan II in Cape Canaveral startete, herrschte Krick-Wetter: Windgeschwindigkeit unter 30 Knoten, kein Regen, kein Hagel, Mindestsicht 300 Meter.
Teils trotz, teils wegen derartiger Prophezeiungen wird Krick heute vom amtlichen US-Wetterbüro als Außenseiter der Wetterforschung ignoriert. Die Zeitschrift »True« notierte: »Meteorologen betrachten ihn als eine Mischung von Hochstapler, Kauz und Sterngucker. Schlimmstenfalls ist er in ihren Augen ein Scharlatan, bestenfalls ein verdammter Narr.«
Der Kauz verkauft sich gut. Er ist Chef dreier Wetter-Firmen, handelt mit künstlichem Regen, vertreibt Hagel und stellt Wetterprognosen für einen bestimmten Tag, für eine bestimmte Jahreszeit oder auch für Zeitspannen von fünf Jahren. (Preis einer Fünfjahres-Prognose: 600 000 Mark).
Zu seinen Kunden zählen Konzerne wie General Motors, Organisationen wie das amerikanische Rote Kreuz, Zeitschriftenredaktionen, Warenhäuser,
Farmer-Genossenschaften und Piloten -Vereinigungen. Jahreseinnahme der Krick-Unternehmen: vier MillionenMark.
»Mit Hilfe des Wetters«, so resümierte die ,"Saturday Evening Post«, »hat der kecke, brillante wissenschaftliche Einzelgänger die spektakulärste Karriere seit Noah gemacht.« Sein Erfolgsrezept liegt im Tresor einer Bank von Denver (US-Staat Colorado): eine Aktenmappe mit den elektronisch errechneten Wetterkarten für die nächsten fünf Jahre. Als Krick die Macht übernahm, schrieb man das Jahr 1933. Damals verdiente sich der Student der Naturwissenschaften auf dem Flugplatz Burbank seinen Unterhalt, indem er die Piloten der Fluggesellschaft »Western Air Express« mit Wettertips versah. Am Abend des 3. April 1933 entdeckte er auf der
Wetterkarte eine merkwürdige Formation von Wetterfronten vor der Küste New Jerseys.
Krick erinnerte sich, daß Jahre zuvor bei einer ähnlichen Frontlage in dieser Gegend alsbald ein »höllischer Sturm« losgebrochen war, und gab Sturmwarnung. Es war die erste Prognose, mit der er Aufsehen erregte: Der Sturm kam, und das Luftschiff »Akron« der US-Marine stürzte über dem Atlantik ab; 73 Besatzungsmitglieder kamen ums Leben.
Die Vorhersage brachte Krick den Lehrstuhl für Meteorologie an der Technischen Hochschule von Kalifornien (Caltech), aber auch die Dauerfeindschaft des staatlichen »Weather Bureau« ein. Vierzehn Jahre blieb er Caltech-Professor, und 1943 sah der amerikanische Nobelpreisträger Robert A. Millikan als »nahezu erwiesen« an, daß Kricks unkonventionelle Vorhersage-Methode die der, Wetter-Beamten verdrängen würde. Kick selbst qualifizierte seine Kritiker als »Hinterwäldler« ab: »Die amtlichen Wetterpropheten haben sich seit dem 19. Jahrhundert kaum verbessert.«
Freilich, so ungewöhnlich damals Kricks Vorhersage-Methoden in Amerika anmuten mußten, für Europa waren sie kein Novum. Im Gegenteil: Krick bekennt, daß erst sein Besuch des Geophysikalischen Instituts in Leipzig 1934 ihm die »Wurzeln« für die Prognosetechnik vermittelt habe.
Die von Krick später verfeinerte Methode beruht auf der Annahme, daß die Atmosphäre eine elastische Hülle ist, in der jede physikalische Veränderung ein bestimmtes Wettergeschehen provoziert. Unterschiede in der Sonneneinstrahlung, der Einfluß der Schwerkraft und die Mondgezeiten sind es beispielsweise, die das Wetter bestimmen.
Denn diese kosmischen Kräfte prägen, laut Krick, der Atmosphäre rhythmische Bewegungen auf - Wirbel, Strudel und Wellen -, die das Luftdruckfeld verändern und den ständigen Wechsel zwischen Hoch- und Tiefdruckgebieten an der Erdoberfläche verursachen.
Mit Akribie widmete sich das Krick-Team in den dreißiger Jahren der Aufgabe, Luftdrucksysteme zu klassifizieren. Anhand, von Aufzeichnungen in alten Schiffslogbüchern und Meldungen von Landstationen fertigten sie zunächst Tageswetterkarten, die bis zum Jahr 1899 zurückreichten.
Dann sichteten und ordneten sie die Druckgebilde auf den Karten nach Größe, Form und Intensität und bestimmten so über 400 verschiedene Typen von Hoch- und Tiefdruckgebieten. Schließlich registrierten sie noch den Rhythmus, in dem sich die Luftdrucksysteme wiederholten, und verschmolzen ihre Erkenntnisse zu einer mathematischen Formel, die den Schlüssel
des Krickschen Vorhersage-Systems
bildet.
Diese Formel, die es ermöglichen soll, das Wetter für jeden Ort der nördlichen Halbkugel für Jahre im voraus zu berechnen, hält Krick geheim. Und diese Geheimniskrämerei stärkt zwangsläufig die Argumente seiner
Gegner, die ohnehin behaupten, Kricks Ruf sei »nur einer Kombination glücklicher Treffer, seiner Begabung fürs Show-Geschäft und dem Wunschdenken seiner Kunden« zuzuschreiben.
Denn nach Ansicht der Amerikanischen Meteorologischen Gesellschaft (AMS) ist jede präzise Vorhersage, die über einen Zeitraum von 72 Stunden hinausgeht, schlechtweg unmöglich. AMS-Experte Jerome Namias glaubt sogar, daß die Genauigkeit von Wetterprognosen schon »nach sechs - Stunden nachzulassen« beginnt. Die von der AMS vierzehntäglich veröffentlichten Monatsvorschauen will Namias dementsprechend nur als »Wetteraussichten« und nicht als »bestimmte Vorhersagen«, gewertet wissen.
Während deutsche Meteorologen bei Längfristprognosen Methoden bevorzugen, die denen Kricks nicht unähnlich sind - sie vergleichen das Wetter mit Parallel-Entwicklungen früherer Jahre -, konstruieren die Langfristprognostiker des US-Wetterdienstes ihre Monatskarten auf Tagesbasis. Das heißt, sie versuchen zu errechnen, wie sich etwa ein bestehendes Tiefdruckgebiet aufgrund der herrschenden Temperaturverhältnisse - unter Berücksichtigung der allgemeinen Zugbahnen für die Tiefs - im Laufe der folgenden Wochen entwickeln könnte.
»Es ist fast so«, glossiert Krick diese Methode, »als wollte man die Börsenkurse von heute nehmen und allein daraus einen Börsentrend ableiten.«
1958 überwarf sich der Wetter-Ketzer denn auch endgültig mit der AMS. Gestützt auf die angeblich 85prozentige Sicherheit seiner Prognosen, verkündete er: »Zuverlässige, langfristige Wettervorhersagen sind nun Tatsache geworden.« Das aber verstieß nach AMS-Ansicht gegen das Berufsethos der Meteorologen. Als Krick nicht widerrufen wollte, mußte er aus der Meteorologen -Organisation austreten.
Widerlegen konnte die AMS die Behauptungen des Außenseiters allerdings genausowenig, wie sie die Richtigkeit seiner spektakulären Vorhersagen während und seit dem Zweiten Weltkrieg abzustreiten vermochte. Sicher ist, daß beispielsweise
- die Hurrikane »Donna« und »Ethel« im September 1960 an den von Krick im Februar 1960 vorausberechneten Tagen auftraten,
- die Großangriffe der »Fliegenden Festungen« auf die Messerschmitt -Werke oder die Schweinfurter Kugellagerfabriken Ende Februar 1944 nach Krick-Prognosen bei für diese Jahreszeit ungewöhnlich guter Sicht geflogen wurden.
Die »entscheidendste Vorhersage« seines Lebens hatte Krick nach eigenem Bekünden ebenfalls im Zweiten Weltkrieg gemacht. Während andere Meteorologen davon abrieten, den Rhein vor dem 1. Mai 1945 zu überschreiten, da der Strom im März und April meist Hochwasser führe und der Nachschub dadurch gefährdet sei, prognostizierte Krick einen trockenen Frühling ohne, Hochwasser.
Er behielt recht. Die Alliierten überschritten den Rhein 54 Tage vor dem geplanten Termin. Krick: »Hätten wir bis zum 1. Mai gewartet, würden die Russen heute ganz Deutschland kontrollieren.«
Wetterforscher Krick, Assistentin, Elektronengehirn: Karriere mit Tiefdruck
Invasion* (1944) bei Krick-Wetter: Sturmfrei gestürmt
* Kanadische Truppen gehen in der Normandie-an Land (6. Juni 1944)