Kritik
Kurt Hitler: »Ratioaktiv«. Hiller, 81, Jurist und Literat, Mitarbeiter der avantgardistischen Zeitschriften »Pan«, »Der Sturm« und »Weltbühne« der zwanziger Jahre, Erfinder des Begriffs »Aktivist« (siehe Titel) und konsequenter Pazifist, formuliert schon fast unzeitgemäß gedanken- und zitatenreich – fürs Fernsehen beispielsweise unverwendbar. Diese zwischen 1914 und 1964 gehaltenen Reden des bedeutendsten Hitz- und Trotzkopfes der deutschen Linken nehmen nahezu alle Elemente heutigen Unbehagens vorweg: Kassandrarufe eines Mannes, der bis zur Besinnungslosigkeit auf den Verstand setzt. (Limes; 308 Seiten; 26 Mark)
F. M. Dostojewski: »Gesammelte Briefe 1833 bis 1881«. In 153 Briefen, von denen ein Drittel erstmals verdeutscht wurde, zeigt Herausgeber Friedrich Hitzer den widerwilligen Korrespondenten Dostojewski entidealisiert und »sozusagen durch das Schlüsselloch«: Was frühere Editoren schamhaft durch Pünktchen ersetzten, übertrug Hitzer ausführlich: Klagen des Epileptikers über Hämorrhoiden und Verdauungsstörungen, Lamentationen des permanent Verschuldeten über finanzielle Nöte, beharrliches Hadern um Honorare mit Redaktionen und Verlegern. Bilanz: wenig Literatur, viel Literatursoziologie. (Piper; 744 Seiten; 34 Mark.)
Brigid Brophy: »Der Schneeball«. Zum Silvesterball bei ungewöhnlich reichen Leuten sind Kostüme aus dem achtzehnten Jahrhundert vorgeschrieben worden. Die in England auch als Kritikerin und Essayistin angesehene Romanautorin Brophy gewinnt der einen Ballnacht lebenskluge, kunstkennerische und schwermütige Randbemerkungen und Dialoge ab, dazu sachliche, aber dezente Sex-Beschreibungen und ein paar geistreiche Gesellschaftsskizzen. Die Handlung paßt sich bescheiden dem Festort und Festverlauf an, während der Erzählton nicht allemal der Bildungsziererei entsteht. (Luchterhand; 232 Seiten; 18,50 Mark.)