KRITIK
Joseph Roth: »Das Spinnennetz«. Der Erstling, aus Roths rosa Periode, erschien zuerst in der Wiener »Arbeiterzeitung« als Fortsetzungsroman -- vor 44 Jahren. Roth fixiert eine Epochengestalt: den deutschen Untertan und enragierten Kleinbürger auf dem Marsch zu seiner braunen Verklärung. Der abgemusterte Leutnant Lohse (Gegenbild des Links-Revolutionars Kargan aus Roths Nachlaßroman »Der Stumme Prophet") intrigiert sich aus dem rechtsradikalen Untergrund Berlins in eine Himmler-Karriere: Er wird Chef des Sicherheitsdienstes. Die nüchtern und lakonisch formulierte Vision erwies sich als Wahrspruch. (Kiepenheuer & Witsch; 164 Seiten; 9,80 Mark.)
Nikolaj Nikolajewitsch Suchanow: »1917. Tagebuch der russischen Revolution«. Saugfähig wie ein Löschpapier, zu unscheinbar, um von den Großen beachtet zu werden, doch klug genug, um sie einzuschätzen, wurde Suchanow (eigentlich: Himmer) zum Chronisten der russischen Revolution, dem neugierigsten, den je ein solches Ereignis gefunden hat. Obwohl kein Bolschewik, war er dabei, als Lenin am 17. April 1917 in Petrograd seine erste unheimliche Rede hielt. In Suchanows Wohnung in der Karpowka Nr. 32 gab Lenin im Oktober den Befehl zum Losschlagen. Die Revolution war des Chronisten Glück, er aber noch mehr das ihre. (Piper; 736 Seiten; 35 Mark.)
»Die vorzüglichsten Rechte der deutschen Weibsbilder«. Der anonyme Autor dieses Traktats von 1791 resümiert die juristische Situation der Frau in der Zeit der letzten Hexenverbrennungen und ersten weiblichen Promotionen. Demnach durften Mädchen ihre »Jungferschaft gar mit der Ermordung desjenigen vertheidigen, der sie zu nothzüchtigen sucht«; der Gemahlin stand nach der »gehörig konsumirten Ehe« eine Morgengabe zu; dem Ehemann stand es frei, »ein ungesittetes und widerspenstiges Eheweib mit einer kleinen Züchtigung zu bessern«. Die Ausgrabung wird als Faksimile-Nachdruck dargeboten -- schmuck antik. (Metzner; 112 Seiten; 25 Mark.)