KRITIK - DER SPIEGEL
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KRITIK

• aus DER SPIEGEL 7/1968
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Pablo Neruda: »Dichtungen 1919-1965«. Aus dem 30bändigen Lyrik-Oeuvre des chilenischen Lokomotivführersohns, Diplomaten, KP-Mitglieds, Lorca-Freundes, Leninpreisträgers und Nobelpreis-Anwärters Neruda, 63, präsentiert der Ost-Berliner Übersetzer und Lyriker Erich Arendt einen durch Weglassung von Nerudas Stalin-, Korea-, Vietnam- und Berlin-Gedichten auffällig verengten Querschnitt. Diese zweite westdeutsche Neruda-Auswahl (ihr stehen mehr als zehn in der DDR gegenüber) wird in der BRD zur Vermehrung von Nerudas Weltruhm jedoch kaum etwas beitragen: Sie ist allzu elitär und erlesen ediert. (Luchterhand; zwei Bände: 884 Seiten; 85 Mark.)

Heimito von Doderer: »Der Grenzwald«. Doderers unvollendeter »Roman No 7/11« ist kaum dem Personal, aber der Zeitspanne nach eine Fortsetzung der »Wasserfälle von Slunj«. Locker und lässig zog er die Fäden seines »ersten objektiven Werks«, Stolperdrähte für die Gestalten dieser »Darstellung unserer Unwissenheit« (Doderer). Das vielversprechende Fragment spielt in Wien, doch vorwiegend in sibirischen Gefangenenlagern des Ersten Weltkriegs, wo ein aktuell anmutender Typ -- einer, der sich arrangiert, aber heraushält -- unversehens sich in Denunziation und -- Doderer deutet es nur an -- Mord am Mitwisser verstrickt. (Biederstein; 272 Seiten; 16,80 Mark.)

Ludwig Marcuse: »Argumente und Rezepte«. Das »Wärter-Buch für Zeitgenossen« (Untertitel) des »bejahrten Philosophiestudenten«, unverschulten Professors und beherzten Pessimisten sortiert und glossiert den Zeitgeist von A ("Aufklärung: Die Vernunft macht immer heller in welchem Dunkel wir leben") über M ("Moral: Es ist besser, das Gute steht nur auf dem Papier -- als nicht einmal dort") bis Z ("Z-A: gibt es nicht. Die Letzten werden nie die Ersten sein"). Marcuse, 74, kein Fachidiot, warnt: »Der gesunde Menschenverstand ist oft eine der ungesündesten Verständnislosigkeiten.« Wenn das kein gesunder Menschenverstand ist! (Szczesny; 176 Seiten; 18 Mark.)

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