KRITIK
Johannes Brahms: »Streichsextett B-Dur, Nr. 1«. Als Hofmusikdirektor in Lippe-Detmold entwarf der 25jährige Schumann-Verehrer sein eingänglichstes Kammermusikwerk, dessen gefühlvoller Volkston dem Kunstverstand die Regel gibt. Die elegische Konfession der Andante-Variationen spielt das Philharmonische Oktett Berlin mit dem gebotenen Sturm und Drang. In den drei anderen Sätzen erreichen die Ost-Berliner Philharmoniker weder den Überschwang der Casals-Einspielung aus Prades noch das subtile Understatement der Menuhin-Aufnahme aus Bath. (Philips 802 707 LY; 25 Mark.) Leonard Bernstein: »Age of Anxiety«. Die vom Komponisten und den New Yorker Philharmonikern präsentierte »Symphonie Nr. 2 für Piano und Orchester« nach Wystan Hugh Audens tragisch-ironischem Poem »Das Zeitalter der Angst« zeugt schön und deutlich von der Tonal-Gläubigkeit des amerikanischen Allround-Musikanten. Zwar fehlt auch, nebst hektischem Piano- und Xylophon-Jazz, eine Zwölfton-Reihe nicht; doch im wesentlichen ist Bernstein romantisch. Gustav-Mahler-Anklänge, schrill oder verklärt, sind unüberhörbar. Solist: Philippe Entremont. (CBS SBRG 72 503; 25 Mark.) »The Be-Bop Era«. Mit Sonnenbrille, Baskenmütze und Ziegenbart maskiert, protestierten um 1945 junge schwarze Musiker gegen den »American way of life«. Ihre Improvisationen, rasende Melodie-Kürzel über schwierigen Harmonien und einem komplexen Rhythmus, begründeten als »Bebop« den modernen Jazz. Mit 16 Combo- und Big-Band-Aufnahmen der Rebellen, unter ihnen Dizzy Gillespie (Trompete), Charlie Parker (Altsaxophon), Kenny Clarke (Schlagzeug), dokumentiert die sorgfältig zusammengestellte Anthologie den bislang folgenreichsten Stilwandel des Jazz. (RCA Victor LPM -- 519; 18 Mark.)